Musik und Astronomie

Dieter David Scholz



Musik und Astronomie    

Vor mehr als 400 Jahren, im Jahre 1609, haben Galileo Galilei und andere Gelehrte erstmals ein Teleskop für astronomische Beobachtungen eingesetzt, und Johannes Kepler legte mit seinem Werk "Astronomia Nova" die Grundlagen zum Verständnis der physikalischen Gesetzmäßigkeiten, welchen die Himmelskörper gehorchen. – Auch auf die Musik, auf die Musiker wie die Musikphilosophen hat die Astronomie von je inspirierend eingewirkt.   

 

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ meinte Friedrich Nirtzsche. Dessen philosophisch etwas verschwurbelte Schrift „Also sprach Zarathustra“ hat Richard Strauss in Musik gesetzt, es klingt wie eine Tondichtung über die Idee „Am Anfang war Musik“.

Dass Musik mehr ist als eine vom Menschen bewerkstelligte Beschallung der Welt, darüber waren sich nicht nur die Gelehrten der Chaldäer ab 2000 v. Chr. einig. Auch die Assyrer und Babylonier brachten die Musik in Verbindung mit Astronomie und Astrologie.Im frühen und hohen Mittelalter wurde die Musik dann ein selbstverständlicher Teil des alten Bildungskanons: Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie gehörten zusammen.

 Eine Reihe berühmter (Musik-) Theoretiker in allen Kulturen der Weltgeschichte, vor allem seit den griechischen Philosophen Platon, Pythagoras, Aristoxenos und Aristides, haben eine selbstverständliche Verbindung des Menschen und seiner Musik mit dem Kosmos angenommen. Sie waren sich einig in dem Grundgedanken einer „Sphärenharmonie“. Unter dem Motto „Die Welt ist Musik und die Musik ist Zahl“ betrachteten die Pythagoräer das Studium der Musik als Schlüssel zur Erkenntnis des Kosmos, so wie die Zahlen des Kosmos sich in der Musik widerspiegelten. Die Pythagoreer sprachen gar von einer Sternenmusik im Kosmos. Und die Sterne, die Sternbilder als Projektionsort menschlicher Schicksale haben seit den Anfängen der Gattung Einzug in die Oper gehalten. Auch in die venezianische. Bestes Beispiel. Francesco Cavalis Oper „La Calisto“aus dem Jahre 1651.

So wie Francesco Cavalli im siebzehnten Jahrhundert das keusche Mädchen Kallisto in die Sphäre der Götter erhebt, um sie als Sternbild unsterblich zu machen, so läßt ein Jahrhundert später Joseph Haydn in seiner Opera buffa „Il Mondo della Luna“– frei nach Goldonis Komödie – das menschliche Glück auf dem Mond suchen. Auch Jacques Offenbach bringt   – wiederum ein Jahrhundert später – in seiner von Jules Verne inspirierten Opéra-Feerie „Le Voyage dans la Lune“, eine Reise zum erdnächsten Nachbarplaneten Mond auf die Bühne. Aber Offenbach nutzt das Raumfahrer-Sujet nur zur satirisch-augenzwinkernden Karikatur irdischer Machtverhältnisse.

Ob Scherz, Satire, Ironie oder tiefere Bedeutung: Die Inspiration der Musiker durch Astronomisches, zieht sich durch die gesamte Musikgeschichte. Richard Wagner läßt in seiner romantischen Oper „Tannhäuser“ Wolfram ein inbrünstiges Lied an den Abendstern – die Venus – singen. Aber auch die Gattung Kammermusik hat Sternenassoziationen aufzubieten, beispielsweise in Beethovens zweitem Streichquartett, Opus 59. Wie Carl Czerny berichtet, sei Beethoven das Adagio eingefallen, „als er einst den gestirnten Himmel betrachtete und an die Harmonie der Sphären dachte“.

Nikolaus Kopernikus hatte in seinem astronomischen Werk: „Von den Umdrehungen der Hemisphären“, das er erst kurz vor seinem Tode 1543 veröffentlichte, dargestellt, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt des Planetensystems stehe, die Erde also als Planet unter Planeten dahineile: Die Geburt des heliozentrischen Weltbildes, das Galileo Galilei durch die Erfindung des Fernrohrs bestätigte.

Johannes Kepler ging noch einen Schritt weiter. Er war überzeugt, dass man durch Musik den Weg zu den Harmonien finden könne, aus denen die Welt entstanden sei. Seine Überzeugung war es, dass die menschliche Musik dadurch entstehe, dass der menschliche Geist vermöge seines Instinktes jene Proportionen der himmlischen Bewegungen mit seiner Stimme nachahme.“ Noch Gustav Holst ahmt mit weiblichem Chorgesang ohne Worte die Bewegung des Planeten Neptun  nach in seiner Planetensuite aus dem Jahre 1916.

Johannes Kepler hat die antike Lehre der Pythagoreer zusammengefasst, die im Grunde bis heute Bestand hat: "Die Seele wird froh gestimmt, wenn sie harmonische Töne, übelgelaunt, wenn sie nichtharmonische Töne“ wahrnimmt…(also Dissonanzen). Die tönende Musik ist wiederum Gleichnis für die Harmonie der Welt.  - „Die Harmonie der Welt“ ist der Titel einer Oper, die Paul Hindemith in den 30er bis 50er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben hat über eben jenen Gelehrten Johannes Kepler, der aus den Planeten-bewegungen Tonverhältnisse berechnete.

Der Astronom Nikolaus Kopernikus war überzeugt: Indem der Mensch an der kosmischen Musik teilhat, ist es ihm möglich, sein oft disharmonisch verlaufendes Leben mehr und mehr der vollkommenen Harmonie anzunähern. Das tiefe Erkennen und Umsetzen der Harmonie der Sterne, der Natur und der Musik könne helfen, die Misstöne des Lebens zu beseitigen. Der Mensch im Allgemeinen, der Musiker im Speziellen bewegt sich für den Astronomen Kopernikus als Mittler zwischen der Sternenharmonie und dem Erdenplan. Eine schöne, eine erhebende Vorstellung, die jahrhundertelang den Wert der Musik im wahrsten Sinn des Wortes ins Astronomische steigerte. Einmal von esoterisch angehauchten Komponisten wie Karl-Heinz Stockhausen oder Olivier Messiaen abgesehen, die auch im zwanzigsten Jahrhundert Musik noch einmal in große kosmische Zusammenhänge brachten, ist die Musik der weitgehend  entzauberten, funktionalisierten Moderne solcher Ehre verlustig gegangen, denn sie folgt doch heute eher den Gesetzen der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie, als astronomisch begründeten, kosmischen Harmonien. 

 

 


Sieh das Firmament, wie der Himmelsplan dicht ausgelegt ist mit Scheiben dichten Goldes. Jede, auch die kleinste Kugel, die du wahrnimmst Singt in ihrer Bewegung wie ein Engel...

Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,
Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt,
Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.
So voller Harmonie sind ew’ge Geister.


(Shakespeare/ Der Kaufmann von Venedig)