Wagners Erlösung und Hitlers Vernichtung

Dieter David Scholz



Schmidt beherzigt die Maxime von Jacob Katz:


"Die Deutung Wagners aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifi-zierten, ist ein unerlaubtes Verfahren. Es handelt sich bei dieser Unterstellung um eine Rück-datierung, ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagner-scher Ideen durch ... Hitler in die Äußerungen Wagners selbst".

Alexander Schmidt:

Wagners "Erlösung" und Hitlers "Vernichtung"

Tectum Verlag. 140S., 2014


Endlich die konzise Korrektur eines Vorurteils!

Wagners und Hitlers Denken über die Juden, wie überhaupt ihre Weltanschauungen sind grundsätzlich verschieden



Richard Wagner ist noch immer ein Politikum. Obwohl die Auseinandersetzung mit ihm und seinem Werk schon mehr als hundert Jahre andauert, ist sie in Vielem so emotional und kontrovers wie eh und je. Dies betrifft vor allem Wagners Antisemitismus. Dass die nach dem Holocaust  oft geäußerte These, dass Wagner gewissermaßen ein Vorläufer Hitlers gewesen sei, nichts als  ein Missverständ-nis ist, hat der Autor Alexander Schmidt, Lehrbeauftragter  für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg Essen,  in seinem im Tectum Verlag erschienenen Buch "Wagners Erlösung und Hitlers Vernichtung" exemplarisch aufgezeigt. Er hat die gegen­sätzlichen weltanschaulichen Strukturen Wagners und Hitlers einmal sachlich verglichen.


Die Figur der Kundry im "Parsifal" wird, wie auch die des Zwergen Mime im "Siegfried" immer wieder als Judenkarikatur bezeichnet.  Durch "alle Opern Wagners zieht sich wie ein roter Faden der Haß auf das Jüdische", so hat zuletzt Paul Lawrence Rose dieses hartnäckige Vorurteil formuliert, für das es allerdings keinerlei Bestätigung gibt, weder in Wagners Werkerläuterungen, noch in seinen vielen privaten Eingeständnissen und Offenbarungen etwa gegenüber seiner notorisch antisemi-tischen Frau Cosima. Dennoch gab und gibt es immer wieder Publikationen, die Wagners Vorläu-ferschaft zu Adolf Hitler postulieren:  "Ein deutsches Trauma", wie der britische Historiker Peter Gay einmal meinte. In seiner bemerkenswerten Studie über Deutsche und Juden merkte er an:  "zu historischem Verständnis aufzurufen und Einsicht walten zu lassen, bedeutet nicht zugleich, abzustreiten und zu verniedlichen, was geschah." Alexander Schmidt hat sich dies auf die Fahnen geschrieben.


Die Auseinandersetzungen um Wagners unbestreitbaren Antisemitismus sind bis heute höchst kon-trovers. Entweder wird das Thema bagatellisiert, oder aber es wird derart polemisch hochgespielt, dass Wagner zum Ahnherrn Hitlers und seines Antisemitismus erklärt wird. Beides ist ein Miss-verständnis. Alexander Schmidt unterscheidet denn auch mit den Begriffen Joachim Kaisers "nazis-tisch-hitleri-sches" und "demokratisch-antiwagnerisches" Missverständnis. Er zieht in seinem Buch Bilanz der Wagnerforschung und analysiert einmal in aller Sachlichkeit die Grundzüge der Hitlerschen wie der Wagnerschen Weltanschauungen. Er bringt sie auf die Begriffe "Erlösung" bei Wagner und "Vernich-tung" bei Hitler. Und er stellt einen tiefgreifenden Unterschied fest: "Während bei Wagner das Wesen und das Wirken der Juden sozusagen Indikatoren des allgemeinen Missstandes bilden, sieht Hitler in ihnen die aktive Ursache desselben.", so Schmidt. 


Entsprechend konträr fallen nach Schmidt die Visionen und Strategien einer angestrebten oder zumin-dest versprochenen künftigen Freiheit, Befreiung oder Erlösung aus. Eben die Wagnersche Vision einer utopisch-sozialistischen, gesamtgesellschaftlichen "Erlösung" der kapitalistischen Gesellschaft, wodurch Juden und Nichtjuden ununterscheidbar würden(wie es in der Zweitveröffentli-chung der „Judenschiuft ausdrücklich heißt) , und  die Hitlersche Vision einer  Ausgrenzung, ja "Vernichtung "der Juden. Schmidt macht damit unmissverständlich klar, dass Wagners und Hitlers Denken über die Juden, wie überhaupt ihre Weltanschauungen grundsätzlich verschieden sind. Auch wenn es "Gemeinsakeiten im allgemeinen Antisemitismusarsenal" gebe: Es gelte, sich vor der Zwangsvorstellung zu hüten," dass man die ganze Vergangenheit nur noch als ein Vorspiel zu Hitler sieht", wie es der britische Historiker Peter Gay einmal formulierte. Der israelischen Historiker Jakob Katz, den Alexander Schmidt mit gutem Grund zitiert, gibt zu bedenken: 


"Die Deutung Wagners aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren. Es handelt sich bei dieser Unterstellung um eine Rück-datierung, ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagnerscher Ideen durch ... Hitler in die Äußerungen Wagners selbst".


Hitlers Berufung auf Wagner ist Wirkungsgeschichte, ist Willkür eines Nachgeborenen. Es ist fatal, Wirkung und Ursache zu verwechseln und es ist historisch unzulässig, von der Wirkung einsträngig auf die Ursache zu schließen. Es sind doch immer die Nachfolger, die sich ihre Vorläufer erschaffen. Wagner dem "Führer" als dessen Propheten oder Ahn­herrn auszuliefern, wäre Hitlers postmortaler Triumph. Wagner heute noch durch die Optik Hitlers wahrzunehmen ist wissenschaftlich unhaltbar, und, wofern gegen bessere Einsicht unternommen, moralisch infam. Alexander Schmidt hat dies in seiner sehr sachlichen, prägnanten Studie einmal mehr bestätigt. Ein wichtiges Buch!

 

Besprechung in MDR Figaro