Peter Fabjan: Thomas Berhard

Dieter David Scholz



Aufschlussreiches Bekenntnisbuch


Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport

Erschienen 2021, Suhrkamp Verlag, 20201, 195 S.   

 

Er hat sich endlich erklärt, bekannt, geoffenbart, der Bruder des berühmten Schriftstellers. Darauf wartete man schon lange. Immerhin war er in den letzten Lebensjahren Thomas Bernhards der ständige Begleiter als Arzt und als Bruder. Thomas Bernhard war ja zeitlebens krank. Sein Werk zeugt bewegend und verstörend davon.


Der österreichische „Nestbeschmutzer“ Bernhard schreibt Krankheitsgeschichten über „Co-Piloten der Gesellschaft“, wie Fabjan die „Außenseiter, Intellektuelle, Kranke und Künstler“ nennt, es sind Psychopathen, Verbrecher, Selbstmörder, Künstler, Musiker und Sterbende. Mit deren Exempel will Thomas Bernhard zeigen, dass die menschliche Existenz an das Leiden gebunden ist. Und das betrifft ja nicht nur Österreich.

Seine eindrucksvollen Werke (Dramen, Komödien und Erzählungen, die in unzähligen Übersetzungen und mit großen Auflagen in aller Welt verbreitet sind) handeln von Melancholie, dumpfer Verzweiflung und existentiellem Schmerz. In den meisten Stücken Bernhards geht es um Machtmenschen, um Künstler und das Versagen der philosophischen Weltgebäude.


Welche ständige existentielle Bedrohtheit, ja Lebens-Verzweiflung die Voraussetzungen des Verfassens eines solch radikalen Werks bildeten, erfährt man einmal mehr und aus erster Hand von Peter Fabjan. Er ist Kronzeuge. Sein „Rapport“ ist eine gnadenlose Beichte, oder sagen wir: Dokumentation.  Er beschreibt, dass auch Thomas Bernhard „ein solcher Co-Pilot war“, zwischen „Distanzbedürfnis“ und großer „Fähigkeit zu Empathie“. Lebenslang sei Thomas Bernhard auf der Suche gewesen, ja habe er darum gerungen, „einen Menschen an seiner Seite“ zu haben, der seinen Weg begleitet.“ Einen „Lebensmenschen“. Fabjan gesteht: „Ein von ihm geformtes Ebenbild als Bruder habe ich nicht sein können, ein Helfer in der Not aber schon.“ Er fühlte sich oft vereinnamt vom „vampirhaften“ Bruder, dessen Wesen er etwas „Dämonenhaftes“ bescheinigt.


 Peter Fabjan schildert plastisch die verwickelte, von Katastrophen und Leid gezeichnete (für den Leser nur schwer erträgliche) Familiengeschichte Thomas Bernhards. Das Schicksal seiner Mutter Herta Bernhard die ihn unehelich in den Niederlanden gebar, seines Vaters, des aus Henndorf am Wallersee stammenden Bauernsohns und Tischler Alois Zuckerstätter, und seiner Großeltern, die gemeinsam mit dem damals 4-jährigen Thomas von Wien nach Seekirchen am Wallersee zogen. Die Zeit dort beschrieb Bernhard im Rückblick als die glücklichste seines Lebens. Seine Mutter heiratete 1936 in Seekirchen den Wiener Friseurgesellen Emil Fabjan. Mit ihm und ihrem Sohn übersiedelte sie 1937 nach Traunstein in Oberbayern, wenige Kilometer jenseits der Salzburger Grenze. Am 15. April 1938 wurde Thomas Bernhards Halbbruder Peter, der Autor des aufschlussreichen Rapports, dort geboren. Erst 1946 übersiedelte die ganze Familie nach Salzburg. Der Großvater setzte sich nachhaltig für eine künstlerische Ausbildung Bernhards ein. 1946 endete seine Schullaufbahn im Salzburger Akademischen Gymnasium. In seinen autobiografischen Erzählungen bezeichnete er später die Institution Schule als „Geistesvernichtungsanstalt“.


Zwei für ihn „existenzentscheidende“ Menschen nennt Thomas Bernhard: seinen Großvater, der ihm den Sinn für die Philosophie, für das „Höchste“, mitgegeben, der ihm Montaigne, Schopenhauer und Pascal nähergebracht hatte, und seinen “Lebensmenschen“ -ein wichtiges Wort bei Bernhard – Hedwig Stavianicek (1894–1984). Mit ihr verband ihn bis zu ihrem Tod eine innige Beziehung und Freundschaft. Sein Großvater Johannes Freumbichler „war mein großer Erklärer, der erste, der wichtigste, im Grunde der einzige“, schreibt Thomas Bernhard in (Ein Kind, 1982). Im Januar 1949 bekam Thomas Bernhard eine tuberkulöse Rippenfellentzündung, die ihn beinahe das Leben kostete. Der geliebte Großvater starb im Februar an akutem Nierenversagen. Die Mutter starb am 13. Oktober 1950 an Gebärmutterkrebs.

„Nach diversen erforderlich gewordenen Aufenthalten in Spitälern in Wien, Salzburg und Wels meine Thomas eines Tags zu mir ‚Ich geh in kein Spital mehr. Jetzt will ich, dass Du dich um mich kümmerst!‘ Und so ist es dann im Großen und Ganzen auch gekommen“, bekannt Peter Fabjan. Thomas Bernhards Leidensweg begann. Der Bruder protokolliert ihn als Arzt präzise und ungeschönt in „groben Teilstationen“. Er endete am 12.02. 1989 durch Herzversagen.


Fabjan beschreibt Stationen der Verfallsgeschichte seines Bruders, aber auch Reisen mit ihm. Er wirft erhellende Streiflichter auf Bernhards Persönlichkeit, Werk und Leben. Man erfährt viel über den Schriftsteller, ja liest ihn nach Lektüre dieses Rapports anders.

 

„Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Der Satz aus Thomas Bernhards Rede zur Verleihung des Österreichischen Staatspreise 1968 ist bezeichnend für das ganze Werk des vielleicht „größten Schriftstellers unserer Zeit“ als den ihn der Regisseur Jean-Luc Godard einmal nannte. Der Peis des schriftstellerischen Welterfolgs, so macht Fabjan deutlich, war hoch, war Einsamkeit. Und doch: „Dass Denken kein vollständiger Ersatz für menschliche Nähe sein kann, erkannte schon Schopenhauer“ der Bernhards ganzes Werk durchzieht wie ein roter Faden. „Die früh aus Thomas‘ Leben verdrängten Bereiche waren körperliche Nähe und Sexualität. Beziehungen blieben lebenslang platonisch.  Er war schlicht asexuell“, so erfährt man von Fabjan. Ein starkes Stück. Zweifel daran sind erlaubt, wenn man die Interviews von Kurt Hofmann gelesen hat. Darin bekennt Thomas Bernhard immerhin: „Ich habe alle möglichen Beziehungen zu Frauen und zu Männern gehabt, die man sich denken kann. … Ob das Frau oder Mann ist, letzten Endes ist das auch wurscht, Es wäre viel segensreicher, wenn´s mehr Männer täten, wahrscheinlich gäb‘ s die Überbevölkerung nicht so.“ Ein typischer Thomas Bernhard Satz, der in diesen Interviews auch bekennt: „Wenn man schreiben will, ist es ähnlich, wie wenn man Wasser abschlägt.“


Das Komische und Tragische liegen bei Bernhard eng beieinander, er hatte als Mensch wie als Schriftsteller zwei Seiten, er war „Ein halb mal traurig, ein halb mal lustig“, wie die Marschallin in Hugo von Hofmannsthals Wiener Komödie „Der Rosenkavalier“ sagt. Peter Fabjan bestätigt: „Er war immer EINS mit sich und seinem Werk,“ in aller Widersprüchlichkeit, auch von Geist und Sinnen. Mal sei er warmherzig gewesen, mal eiskalt und verletzend. Das „Du“ habe er nur wenigen angeboten. Selbst als Bruder war „die Annährung …von vornherein schwierig, verwandtschaftliche Nähe wurde als Bindung wie auch als Problem erlebt, war Ansporn zur Distanz, zugleich letzter Halt in der Not.“


 „Die Sicherung der Hinterlassenschaft von Thomas Bernhard – das literarische Werk, drei Liegenschaften und zwei Wohnungen – … hat mich all die Jahre vollkommen in Anspruch Genommen“ bekennt Peter Fabjan. In sehr privaten, atmosphärisch bezeichnenden Fotos sieht man diese Liegenschaften, aber auch die wichtigen Menschen aus Thomas Bernhards Leben. Kein Wunder, dass Fabjan erst jetzt, mehr als 30 Jahre nach Bernhards Tod, diese Bekenntnisse  zu Papier brachte.


Fabjan nimmt kein Blatt vor den Mund. Er enthüllt nicht nur Wesentliches über seinen Bruder, sondern auch über sich selbst: „Von Thomas liebevoll drangsaliert“, zieht er das sehr persönliche Fazit: „Mögen auf der Verlustseite meines Lebens Versäumnis und Ungeschick im Gestalten von Beziehungen jeder Art stehen…finden sich Hartnäckigkeit und humanitäres Wirken auf der Habenseite. Ein ‚gestohlenes Leben‘? Ich würde meinen: ein schicksalhaftes mit zahlreichen, geschenkten Chancen und der Ehre, der einen und anderen nach Vermögen entsprochen zu haben.“ Der Thomas-Bernhard-Verehrer und -Kenner ist dankbar für dieses aufschlussreiche, ehrliche Buch.