Borchmeyer Was ist deutsch

Ein Vademecum gegen Nationalismus, eine Anregung zur kulturellen Standortbestimmung in heutigen Rechtsruckzeiten.




„Kein Volk der Geschichte hat sich so unaufhörlich mit der eigenen Identität beschäftigt wie das deutsche"



Es ist das deutsche Spannungsfeld zwischen Weltläufigkeit und Weltbeherrschungsdenken, zwischen der Dialektik des Bösen und der Idealität des Guten, Wahren, Schönen, das Borchmeyer ausleuchtet

Dieter David Scholz




Dass Karl Marx  wie nach ihm viele Andere Richard Wagner für einen "deutschen Staatsmu-sikanten" hielt, wies schon Friedrich Nietzsche als ein „Missverständnis unter Deutschen“ ab. Wagner schrieb ihm am 24. Oktober 1872: „Ueber das »was ist deutsch?« denke ich immer mehr nach, und gerathe endlich… in eine sonderbare Skepsis, die mir das »Deutschsein« als ein reines Metaphysicum übrig läßt.“


Aber schon in Goethes und Schillers Xenien hieß es: „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden. Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf“. „Kein Volk der Geschichte hat sich so unaufhörlich mit der eigenen Identität beschäftigt wie das deutsche", so der renommierte Literatur- und Theaterwissenschaftler Dieter Borchmeyer. Mit einem 1000-seitigen kulturgeschichtlichen Panorama rückt er der Frage „was ist deutsch?“ zu Leibe. Eine typisch deutsche Frage, die erstmals in Grimmelshausens Roman „Der abenteuerliche Simpli-zissimus“ aus dem Jahre 1668 gestellt wurde und bis zur deutschen Wiedervereinigung und darüberhinaus aktuell blieb. Keine andere Nation habe so sehr um die eigene Identität gerungen wie die Deutschen. Borchmeyers Buch belegt es, indem er das "unglückliche Bewusstsein" der Deutschen (Hans Mayer) mit ihrem historischein Sonderweg erklärt, deutsche Mythen aufs Korn nimmt, auch Wunder und Wahn der deutschen Klassik und die Tragödie der deutsch-jüdischen Symbiose als Illusion entlarvt.


Zwischen der Phänomenologie des Deutschen, wie sie erstmals vom römischen Geschichts-schreiber Tacitus beschrieben wurde und der Soziologie des deutschen Nationalcharakters von Norbert Elias Endpunkt seziert Borchmeyer eine Nation zwischen Weltbürgertum und natio-naler Überheblichkeit auf der Suche nach  sich selbst. Wie vielfältig ihre Selbstdefinitionen  im Lauf der Jahrhunderte ausfielen, veranschaulicht Borchmeyer nicht zuletzt mit Blick auf das Paradigma der deutschen Musik. Ihr hat er ein dickes, und nicht das unwichtigste der zwölf Ka-pitel seines Buches gewidmet. Thomas Mann,  der sich selbst „als Musiker unter den Dichtern“ bezeichnete, hat die Musik nicht ohne Grund als „Bestes der Deutschen“ bezeichnet und hat ihr seinen Roman „Doktor Faustus“  gewidmet, in dem er das Deutsche und den typisch Deutschen in Gestalt des Komponisten Adrian Leverkühn zu definieren versuchte. Der Roman ist aller-dings auch eine schonungslose Abrechnung mit Nazideutschland und seinen Repräsentanten, die Borchmeyer ungeniert benennt. Es ist das deutsche Spannungsfeld zwischen Weltläufigkeit und Weltbeherrschungsdenken, zwischen der Dialektik des Bösen und der Idealität des Guten, Wahren, Schönen, das Borchmeyer ausleuchtet auch und gerade  am Beispiel der Musik.


Die Deutschen haben dem Abendland seine tiefste, bedeutendste Musik geschenkt, resümiert Thomas Mann in seinem Musikerroman, aber solche „Musikalität der Seele musste in anderer Sphäre teuer bezahlt werden.“  Das sogenannte "deutsche Wesen" war stets ambivalent. Borch-meyers überwältigender Zitatengang durch Bibliotheken deutscher Kulturgeschichte macht es deutlich und veranschaulicht,  wie die Größen der deutschen Geistesgeschichte von nationa-listischer Einengung nichts wissen wollten und wie der Begriff des Deutschen sich über Jahr-hunderte immer wieder neue definierte. 


Insofern ist das Buch eine willkommene Anregung zur kulturellen Standortbestimmung in heutigen Rechtsruckzeiten, auch wenn Borchmeyers Reflexionshorizonte wohl nur noch einer kleinen Minderheit von Lesern präsent sind in Zeiten des Bildungsnotstands. Seine Botschaft: "Die klassischen Definitionen des Deutschen sind kosmopolitisch“, sie sind ein „geistiges Heilmittel gegen jede Form von Nationalismus." Und er erinnrt daran, dass Deutschland, „lange bevor es Staat wurde, eine Kulturnation war“. Eine solche sollte es gerade heute „in der Mitte  eines geeinten  Europa“ auch sein, nicht mehr und nicht weniger. 



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