Matti Salminen zum 75. Geburtstag

Dieter David Scholz



Finnische Urgewalt des Singens

Dem Bassisten Matti Salminen zum 75. Geburtstag

 

 

Schon zu Lebzeiten ist Matti Salminen eine Legende. Seit er im Alter von 24 Jahren in Helsinki als König Philip (einspringend) debütierte, galt er auf einen Schlag ein neuer Stern am skandinavischen Opernhimmel. Es war der Auftakt seiner Weltkarriere.  Salminen verfügte über einen echten Basso profondo. Allerdings überstiegen seine stimmlichen Mittel schon damals das Normalmaß eines Basses. Eigentlich war der am 7.7.1945 in Turku Geborene zunächst Tischler, bevor er seine Gesangsausbildung am Musikinstitut in Turku begann, an der Sibelius-Akademie in Helsinki bei Matti Lehtinen fortsetzte und bei Luigi Ricci in Rom studierte. Auch Lea Piltti hatte ihn dort unterrichtet, bevor er als Tangosänger in Cafés auftrat und schließlich 1961 Mitglied des Chors der Nationaloper von Helsinki wurde.

 

Salminen hatte die „Statur eines Riesen und eine Stimme mit megaphonischer Schall-kraft“, wie selbst der "Sängerpapst" Jürgen Kesting rühmte. Kein Wunder, dass Salminen  - zumal mit seinem schwarzem, unverwechselbarem Timbre und infernalischen Tönen gesegnet, vor allem die Bösen, Fiesen, Intriganten, Mächtigen und Dämonen mit einer Urgewalt zu singen verstand wie kaum ein anderer. Martti Talvela, der als sein Vorgänger galt, war zwar nicht weniger beeindruckend posaunenhaft, aber ihm eignete eine edlere, weichere, weniger rauhbeinige, nicht ganz so granitene Stimme.

 

Nachdem Talvela in der Eishalle von Helsinki den Ramfis in einer „Aida“-Aufführung gesungen hatte, kam es zu einem Vorsingen in Hamburg. Doch es war Stuttgart, wo er sein deutsches Debüt gab, mit dem Commendatore in „Don Giovanni“. Nach Gasten­gagements an verschiedenen Bühnen wurde er 1972 Ensemblemitglied an der Kölner Oper, wo er bis 1980 blieb. Schon zu Beginn sang er dort unter Istvan Kertész den Sarastro („Zauberflöte“) im legendären Ponnelle-Mozart-Zyklus. Eine Partie, die er weltweit 300 Mal sang, auch im Mozart-Zyklus Harnoncourts in Zürich. Unter ihm hatte er auch den Seneca in Monteverdis „L´Incoro­nazione di Poppea“ dargestellt. Ganz zu schweigen vom Kaspar im „Freischütz“, auch eine seiner Glanzpartien. Seit 1984 war  Salminen an der Zürcher Oper engagiert,wo er am 12. November 2016 sein Abschiedskonzert gab. Von 1976 bis 1988 sang er in mehr als 150 Vorstellungen bei den Bayreuther Festspielen: Titurel, Hunding, Fasolt, Fafner, Daland, König Marke, König Heinrich, der Landgrafen und Veit Pogner waren "seine" Partien. In diesen  Wagnerpartien war Salminen konkurrenzlos.

 

1973 debütierte er an der Mailänder Scala, 1981 an der Metropolitain Opera in New York, er sang jahrelang an der Deutschen Oper Berlin, er war in Paris zu hören und 1996 in der Wiedereröffnung des Münchner Prinzregententheaters  als König Marke.

Was Matti Salminen auszeichnete: Er ruhte in allen Partien, so unterschiedlich sie waren, mit seinem mächtigen Bass in sich und war auch ohne viel szenisches Brim-borium eine darstellerische Autorität. Man denke nur an Osmin in Mozarts „Entführung aus dem Serail, auch eine der Paraderollen Salminens. Zuweilen zeigte er einen so durchtriebenen Humor, dass man so mache regieliche Absurdität der Inszenierungen, in denen er auftrat, vergaß. Man hörte ihm einfach zu und vergaß alles um ihn herum.

 

Salminen war weltweit einer der anerkanntesten und gefragtesten Sänger seines Fachs. Er war Gast an allen großen Opernhäusern und Festspielen der Welt, vor allem als Wagnersänger. Aber er wagte immer wieder erstaunliche Ausflüge ins italienische (Verdi), russische („Boris Godunov“, Fürst Gremien in Tschaikowskys „Eugen Onegin“, Iwan Susanin in „Ein Leben für den Zaren“) und ins Richard Strauss-Fach. In Covent Garden sang er sogar den Ochs auf Lerchenau im „Rosenkvalier“. Im September 2000 fand in Helsinki die Uraufführung der für ihn geschriebenen Oper „Lear“ von Aulis Sallinen statt, deren Titelpartie er übernahm. Auch Rautavaaras "Rasputin" (2003) war eine der Glanzpartien Salminens.

 

Bei den Opernfestspielen in Savonlinna sang Matti Salminen von 1967 bis 1998 jeden Sommer, von 1977 bis 2013 sang er regelmäßig an der Wiener Staatsoper. Daneben war er ständiger Gast an der Berliner Staatsoper. Im April 2019 sprang er dort nach Ende seiner Karriere noch einmal in drei Vorstellungen als Veit Pogner in den „Meistersingern von Nürnberg“ ein. 

 

Salminen hat zahlreiche CDs aufgenommen. Er wurde vielfach ausgezeichnet und geehrt: Er wurde 1995 zum Berliner Kammer­sänger ernannt, 2003 zum österreichi-schen und bayerischen. 2001 erhielt er das Deutsche Bundesverdienstkreuz und den Finnischen Kommendörstecknet av Finlads Ros Orden.

Mit fast 71 Jahren verabschiedete sich Salminen von der Bühne. Er wolle nicht zu jenen „Ruinen“ gehören, die auf die Bühne drängen, bis sie keinen Ton mehr heraus-bringen, hatte Matti Salminnen einmal gesagt.

 

In der Zürcher Oper gab er ein bemerkenswertes Abschiedskonzert unter seinem Freund, dem Dirigenten Leif Segerstam, in dem er neben „Ella Giammai m´amo“ aus Verdis „Don Carlo“, auch den „Boris Godunow“ Mussorgskis zu Besten gab. Er überraschte mit einer Tango-Zugabe und sang den Schlußmonolog des Sir Morosus aus der „Schweigsamen Frau“ von Richard Strauss: „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist.“


 

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