Herbert Rosendorfer: Die Kaktusfrau

Photos: Dieter David Scholz

Heiter-skurriles "Weltabschiedswerk" 



Herbert Rosendorfer: "Die Kaktusfrau"

240 S., Kiepenheuer & Witsch Verlag,  Okt. 2012


Herbert Rosendorfer schrieb unzählige Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Libretti sowie Abhandlungen zur Musik, zur Kulturgeschichte, Reise- und Kirchenführer. Am 20sten September 2012 ist Herbert Rosendorfer im Alter von 78 Jahren in Bozen gestorben. Am 8. Oktober ist postum im Verlag bei Kiepenheuer & Witsch posthum ein Band mit Erzählungen, "Die Kaktusfrau" erschienen.


 


Die zweite der 15 Geschichten des Bandes wartet mit einer musikalischen Pointe auf: Ein "Mädchen mit einem Nasenringelchen", so heißt die Erzählung, fasziniert den  Erzähler über 12 Seiten zunehmend erotisch, bis es sich in aller Unschuld vor ihm entblättert. Am Ende erkennt er sie als Sängerin der Nedda in Leoncavallos "Pagliacci" bei einem Besuch der Metropolitan Opera in New York wieder.


Es ist bezeichnend, denn die  Musik spielt eine eminente Rolle in all diesen Geschichten. Und in fast allen geht es um Metamorphosen. In "Die Kaktusfrau" zum Beispiel verschenkt ein Steuersünder einen ungewöhnlichen Kaktus, der sich auf unheimliche Weise in eine stachelige Frau verwandelt.  A propos Frau: Ein wei­teres Zentralthema seines Schreibens läßt Rosendorfer von einer seiner Figuren aussprechen: Er sei ein "lebenslanger passionierter Verehrer weiblicher Reize" gewesen. Voyeuristische Schilderungen durchziehen denn auch alle diese ab- und hinter-gründigen Geschichten. Aber nicht nur das Profane, auch das Heilige und die Heiligen nimmt Rosendorfer immer wieder aufs Korn. Sogar Petrus höchstselbst in der Erzählung "An Himmels Tür", in der ein asketischer Mönch, gerade im Himmel angekommen, schon zum Schutzheiligen aller Hühneraugenträger avanciert. Sein Heiligenschein verrutscht, er vermisst den Champagner im Himmel und seine größte Sorge: womöglich eine Ewigkeit lang Psalmen singen zu müssen.


Auch an literarischen Anspielungen mangelt es, wie immer beim belesenen Herbert Rosendorfer, nicht. Ob in der Gogol-Parodie vom vermeintlich in einen Frosch verwandelten Generalmajor, in der Anspielung auf den Pygmalionstoff in der "Kaktusfrau" oder in der Erzäh-lung "Gulden", in der August von Platen  und Shakespeares Ghostwriter auftreten. Dieses hoffmaneske Vexierspiel um eine illustre Geheimgesellschaft in Venedig (verborgen in eiem Salon hinter der schiefsten Tür der Stadt), ist einer der Höhepunkte des Bandes, denn in ihm erweist sich Rosendorfer wieder einmal als Meister einer heiterfunkelnden Phantastik im Fahrwasser E.T.A. Hoffmanns. Das in die Erzählung eingefügte Rätsel verweist - wie mir später erst klar wurde - bereits auf Rosendorfes Ableben. Ich darf mich hier bei ihm, dem ich die letzten fünf Jahre seines Lebens Freund sein durfte, bedanken dafür, dass er diese Erzählung mir gewidmet hat.


Der "Parsifal", so liest man in der abschließenden Geschichte "Im Bärenthale", sei die vielleicht einzige Oper Richard Wagners, die von ihm selbst stamme. Alles andere sei von einem gewissen Christian Arbogast Kochterhund abgeschrieben. Ein satirischer Seitenhieb auf die  Kritik an der Wagnerei, von der Rosendorfer zeitlebens auch nicht lassen konnte.


Ein Hundehochzeitsunternehmer samt Gattin treten im Zirkus als Onassis und Jackie Kennedy auf. Man liest aber auch von einem Mann, der so stark mit den Ohren wackelt, dass er mit dem dadurch entstehenden Wind eine Kerze auslöschen kann. Wieder hat Rosendorfer ein Panoptikum skurriler, abnormer, oft karikaturenhaft verzerrter, kauzig-knorziger Exemplare menschlicher Existenz aufgeboten, diesseits und jenseits der sogenannten Normalität. Das Ko-misch-Skurrile ist für den Skeptiker Rosendorfer schließlich der Rettungsanker in der allgemeinen Sinnlosigkeit des Daseins. In der der Erzählung "Mazurka in cis-moll", einer tödlichen Intrigengeschichte um eine in Privatbesitz befindliche Chopin-Komposition, aber auch eine Abrechnung mit dem Musik- und Eventbusiness unserer Tage, liest man auf Seite 148, was als Credo des Schriftstellers Herbert Rosendorfer verstanden werden darf:


"Ich glaube, wenn wir wirklich alles wüßten, was der Nachbar tut, verginge die Welt in Kot". 


Als hätte er es geahnt, dass dies sein letztes Buch sein würde, tippt Herbert Rosendorfer noch einmal die Themen seines Lebens und Schreibens an in den 15 Erzählungen des Bandes. Und er zieht noch einmal alle Register seiner Phantasie und seines Sprachwitzes. Mit dem Band "Die Kaktusfrau"  hat Rosendorfer  gewissermaßen ein  heiteres "Weltabschiedswerk" geschrieben. So wie Verdi mit der Oper "Falstaff". Dessen resümierende Schlußworte "Tutto nel mondo è burla"- Die ganze Welt ist ein Narrenhaus - könnten durchaus als Motto aller Erzählungen dieses Bandes, wie des gesamten literarischen Schaffens Herbert Rosendorfers gelten. 


 


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