Hermann Prey

Dieter David Scholz



Hermann Prey als Sixtus Beckmesser in „Die Nürnberger Meistersinger“, Photo: Bayreuther Festspiele

22. Juli 1998


 

Baritonaler Rattenfänger und sängerischer Zaubermeister

Zum Tode Hermann Preys 


 Er war ein Hans Dampf in allen Gassen und wurde schnell zu einem der populärsten (auch der telegensten) Sänger der größten Bühnen alter und neuer Welt, seit er 1953 Mitglied der Ham-burgischen Staatsoper wurde. Ein Jahr zuvor erst debütierte er am Staatstheater von Wiesbaden als zweiter Gefangener im „Fidelio“. Der Wiener Staatsoper gehörte er wie der Deutschen Oper Berlin seit 1956 an, Müchen und Köln folgten drei Jahre später, als Prey auch zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen auftrat. Zuerst in der „Schweigsamen Frau“, dann als Guglielmo in „Cosi fan tutte“. Es war eine seiner gefeiertsten Rollen. Auch bei den Bayreuther Festspielen machte er als Wolfram im „Tannhäuser“ 1965-1967 von sich reden.


Er war ein Ausnahmesänger von höchstem Format, denn sein naturgegebenes, robustes Stimm-organ, dem die Jahre und Jahrzehnte offenbar nichts anhaben konnten, ergänzte er mit außerge-wöhnlicher Intelligenz der Gestaltung, der Darstellung auf der Bühne und subtiler Gesangs-kultur. Was Wunder, daß ihn die Opernhäuser und Festspiele der Welt, ob Amsterdam und Brüs-sel, Londons Covent Garden, die  Mailänder Scala und Kopenhagens Königliches Opernhaus, Aix-en Provence und Florenz, Houston, Buenos Aires oder New York immer wieder begeistert engagierten. An der Metropolitan Opera sang er seit 1960 über ein Jahrzehnt hindurch den Pa-pageno. Eine Rolle, die ihm auf den Leib geschnitten war, denn das Naturburschenhafte war ihm eigen. Auch stimmlich.


Wobei die Gesangskunst Hermann Preys gerade darin bestand, das kraftvoll Natürliche mit dem sensibel Kalkulierten aufs Unmerklichste zu verbinden, so als wäre es die einfachste Sache von der Welt. Gerade darin unterschied er sich von seinem Antipoden Dietrich Fischer-Dieskau grundsätzlich, dessen unbestrittene Gesangskunst doch immer etwas angestrengt Ernstes und streng Artifizielles, um nicht zu sagen Oberlehrerhaftes hatte. Nichts lag Hermann Prey ferner als Gesangskunst mit der Attitüde des erhobenen Zeigefingers. Im Gegenteil: er scheute auch nicht die einschmeichlerische vokale Geste, den "Operettenschmelz" und die gehobene Schla-germentalität des Volksliedhaften. Er war allerdinsg auch ein Meister der Legatokunst, des geschmeidigen lyrischen Vortrags. Parlandostil und Belcanto waren ihm quasi angeboren. Und gerade deshalb war er ein Solitär unter den deutschen Baritonen der Nachkriegsjahrzehnte.


Nicht ohne Grund hatte Claudio Abbado ihn Anfang der Siebzigerjahre zum Rossini-Figaro per se erkoren, den er unübertroffen auf Schallplatte bzw. CD hinterlassen hat. Doch es wäre falsch, Hermann Preys Singen Einseitigkeit zu attestieren. Oper, Operette und Lied wandte er sich glei-chermaßen zu. Er begründete immerhin die Schubertiade. Und sorgte sich lehrend seit 1982 um den Sängernachwuchs. Ob Rossini, Mozart, Weber, Lorting, Wagner, Johann und Richard Strauss, Busoni, Schubert, oder Hugo Wolf: sein Operngesang profitierte durch seine reiche Liederfahrung an Natürlichkeit und Liedhaftigkeit des Vortrags. Sein Liedgesang, etwa der Bal-laden Hugo Wolffs, aber auch vieler Schubert-Lieder, gewann oft operndramatische Akzen-tuierung und Lebendigkeit. Seine immense Lied-Edition, die Anfang der Siebzigerjahre aufge-nommen wurde, bezeugt es.


Er war ein baritonaler Rattenfänger und Zaubermeister. Hermann Prey konnte schalkhaft und hintergründig singen, herrisch in der Tiefe und mit unnachahmlichem Schmelz in der Höhe. Gerade für das zu Unrecht verkannte sogenannte „leichtere“ Genre, die Ope­rette und Spieloper etwa Lortzings hat sich Hermann Prey nachhaltig verdient gemacht. Aber man vergesse nicht, daß  sein Bayreuth-Comeback 1981-1986 zu einem Triumph der Ernsthaftigkeit für den im-merhin schon über 50-Jährigen wurde. Sein Beckmesser in den „Meistersingern“ war ein Kabi-nettstück singschauspielerischer Charakterisierungskunst jenseits aller Konventionen vorder-gündiger Interpretationsklischees. Wann hätte man je einen derart kantabel gesungenen, nicht überzeichneten Merker gehört, fern aller weitverbreiteten Chargierungs-Unkunst und mit einer Phrasierungspräzision und Textbehandlung, die diese Figur mit ihrer Musik und ihrem Text geradezu neu verstehen ließ? Beckmesser als eleganter, vornehmer Intellektueller mit Naturstimme und Belcantoschulung, einmal keine plakative Karikatur.


Hermann Prey verblüffte immer wieder. Auf der Bühne wie im Konzertsaal. Das Geheimnis seines langen und ungetrübten Erfolgs war sein sicherer Instinkt für seine Grenzen. Noch kurz vor seinem Tod trat der gebürtige Berliner bei den Münchner Opernfestspielen auf und de-monstrierte, was er gelegentlich äußerte: „Ein Crescendo krieg´ ick och mit Siebzig noch hin“. Es war ihm nicht mehr vergönnt. Mit Neunundsechzig, wenige Wochen nach seinem Geburts-tag am 11. Juli, trat er von der Bühne des Lebens und Singens ab, plötzlich und unerwartet infolge eines Herzinfarkts. Er starb nicht auf der Bühne, wie er es sich angeblich gewünscht habe, sonder in seinem Haus im oberbayerischen Krailling. Aber er wird im Vollbesitz einer intaken Stimme in Erinnerung bleiben als Ausnahmebariton und sympathische menschlich-allzumenschliche Erscheinung.