Corvin Humperdinck

 

Von wegen "Märchenonkel"!

Matthias Corvin korrigiert eindrucksvoll das Bild Engelbert Humperdincks


Der Musikschriftsteller Paul Bekker bezeichnteEngelbert Humperdinck 1908 erstmals als „gemütlichen Hausvater“ und musikalischen „Märchenonkel“, was Schule machte. ass er das mitnichten war, hat Matthias Corvin in seiner aus Anlass des 100sten Geburtstages des Komponisten veröffentlichten Biographie nun deutlich gemacht. 


Die Oper „Hänsel und Gretel“ machte Engelbert Humperdinck zwar weltbekannt und zum musikalischen Märchenerzähler der Nation. Aber ihr Komponist ist noch immer weithin wenig bekannt. Matthias Corvin schließt diese Lücke. Er dokumentiert das Leben Humperdincks, seine Jugend im rheinischen Siegburg und Paderborn, seine Stipendiatenzeit in Italien, seine Wagner-Assistenz in Bayreuth, seine Reisen durch Frankreich und Spanien, seine beruflichen Stationen in Köln, Essen, Barcelona und Mainz, die Höhepunkte seiner Karriere in Frankfurt und Boppard (wo er seine imposante Komponistenresidenz erbaute), das Kapitel seines späten Ruhms (als Professor an der Akademie der Künste) und seinen Abgesang in Berlin. Dort zählten so diverse Komponisten wie Manfred Gurlitt, Kurt Weill, Friedrich Hollaender, Robert Stolz und viele andere zu seinen Schülern, Zu seinen bedeutendste gehören zweifellos der Dreigroschenopern-Komponist Kurt Weill und der Wagner-Sohn Siegfried.


Der 1854 im rheinischen Siegburg geborene Fin-de-siècle-Komponist war gefeierter Dirigent, Pädagoge, Komponist, Musikkritiker, -schriftsteller und Volksliedsammler. Eine imposante Erscheinung im Musikleben seiner Zeit, weit mehr als nur „Repräsentant der Gründerzeit“.

Obwohl schon zu Lebzeiten berühmt, war er, wie der von ihm ausgebildete Komponist und Pianist Walter Niemann überliefert, ein „großer Schweiger“: Er redete „mit leiser, gütiger, leicht siegerländisch-niederrheinisch gefärbter Stimme, knapp und sachlich, warm, wie denn der herzensgütige, stille Mensch – neckender Humor ersetzte das rheinische Temperament – und der poesievolle Tonpoet des deutschen Waldes… von seinen eigenen Werken sprach er nie; er war der bescheidenste, aber dadurch umso größere Künstler.“  Nachzulesen in Richard Batkas Humperdinck-Aufsatz, den Corvin zitiert. Neben der Deutschen Waldoper, die ja mitnichten eine Kinder- und Weihnachtsoper ist (ein krasses Missverständnis), schrieb er weitere 14 Opern, eine Reihe von Chor- und Orchesterwerken, Lieder und viel Kammermusik. Neun Schauspielmusiken komponierte er, darunter für den Berliner Regisseur Max Reinhardt zu dessen Inszenierungen von Shakespeares „Wintermärchen“ „Der Sturm“, „Was ihr wollt“ und „Der Kaufmann von Venedig“. Nicht zu vergessen die Pantomime „Das Mirakel“, die 1911 in London ihre Premiere erlebte, um später in Berlin, New York und bei den Salzburger Festspielen Triumphe zu feiern. Zurecht bezeichnet der Autor das Werk als einen „Wegbereiter der Filmmusik.“


Humperdinck tauschte sich mit vielen berühmten Komponisten seiner Zeit aus, u.a. mit Richard Strauss, Giacomo Puccini und Hugo Wolf, Max von Schillings, Ermanno Wolf-Ferrari, aber auch mit Dirigenten wie Arthur Nikisch, Hermann Levi und Felix Mottl. Er blickte stets über seinen Tellerrand, war neugierig, aufgeschlossen für Neues und diskussionsfreudig, kurz: Er war auf der Höhe seiner Zeit, wie man in dieser neuen Biographie erfährt. Thomas Mann zum Trotz, der in Humperdinck „den deutsch-bürgerlichen Teil des Wagner-Erbes erblickte, mit „Käppchen-Meistertum und Treufleiß“ widersprach der Kulturkritiker und Opernkenner Oskar Bie schon 1923 und behauptete, Humperdinck und Strauss seien „die zwei Pole der modernen Musik“.


Natürlich war Humperdinck zeitlebens bekennender Wagnerianer, aber er fand doch seinen eigenen musikalischen Tonfall und segelte kompositorisch durchaus nicht im Fahrwasser seins Idols. Wagnerepigone war er nicht, obwohl er schon als junger Mann Richard Wagner bei der Parsifal-Uraufführung in Bayreuth assistierte. Er kopierte die “Parsifal“-Partitur, schrieb diverse Arrangements für Wagner, bewährte sich als Solorepetitor und verlängerte auf Wagners Wunsch die Verwandlungsmusik im ersten Akt des „Parsifal“. Corvin hat das alles gewissenhaft dokumentiert.


Humperdinck war – wie Corvin schreibt, einer der bedeutendsten Künstler im Deutschen Kaiserreich. Von Wagner ist über Humperdinck überliefert: "der komponiert wie der Teufel."

"Humpi", so sein Kosename,  starb im September 1921. Die Biografie Matthias Corvins, die mehr ist als nur eine Biografie, bietet eine längst überfällige Neubewertung des unterschätzten Komponisten. Zuletzt hat nach Otto Boschs früher Humperdinck-Biografie von 1914 der (nationalsozialistisch schwer belastete) Humperdinck-Sohn Wolfram 1965 die letzte deutschsprachige Biografie des Komponisten vorgelegt. Er hat im Dritten Reich seinen Vater zu Unrecht „als Vorreiter rechter Ideologien“ gefeiert, wie Corvin schreibt. Sein sachliches, gut lesbares und fotografisch reich illustriertes Buch enthält neben einer mit Einzelheiten nicht geizenden Biographie (die auf dem neusten Stand der Humperdinck-Forschung ist) auch ein vorzügliches Werkverzeichnis, viele Anmerkungen, eine große Bibliographie, eine vollständige Diskografie/Videografie und ein nützliches Register. Die längst überfällige, fabelhafte Monografie dürfte ein Standardwerk werden.  


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