Thielemanns Wagnerbuch

Dieter David Scholz



"Spinnweben, Weihe, Wurstsalat"

Christian Thielemann: "Mein Leben mit Wagner "   
Unter Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey.
C.H. Beck Verlag, 320 S.



Er ist nicht nur der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, er ist ab 2013 auch Künstlerischer Lei-ter der Salzburger Osterfestspiele und er ist Hauptdirigent und musikalischer Berater (Musikdirektor) der Bayreuther Festspiele. Kein anderer Dirigent beschäftigt sich so viel mit Richard Wagner wie Christian Thieleman. Für viele ist er der bedeutendste Wagnerdirigent unserer Zeit. Jetzt hat Christian Thielemann ein Buch über seinen Lieblingskomponisten vorgelegt: "Mein Leben mit Wagner" heißt es, die Journalistin Christine Lemke-Matwey hat daran mitgeschrieben. Welche Enttäuschung!

 

*

 

Mit der Oper "Rienzi" gab Christian Thielemann 1985 sein erstes vollständiges Wagner-Debüt. Es war eine konzertante Aufführung am Niedersächsischen Staatstheater Hannover. "Dann ging es mehr oder weniger Schlag auf Schlag", so liest man in dem Kapitel "Mein Weg zu Wagner". Drei Jahre später wurde er Generalmusikdirektor in Nürnberg, wo er erstmals "Lohengrin" und Tannhäuser" dirigierte. Und dann rief ihn Peter Ruzicka in Hamburg zur Skandalinszenierung des "Tristan" von Ruth Berghaus ans Pult der Hamburgischen Staatsoper. Nur zwei Proben habe er gehabt, gesteht er in seinem Buch, heute möchte er diese Aufführung "lieber nicht noch einmal hören". Aber es war sein Einstieg ins große Wagnergeschäft. Doch den hat schon Kläre Warnecke in ihrer Thielemann-Biographie detailliert dargestellt. 

Bis zum Alter von 15 oder 16 habe Christian Thielemann "neben der Musik Richard Wagners auch viel Gustav Mahler gehört", so liest man. Man wundert sich, denn heute bekennte er sich offen als Anti-Mahlerianer. Er, Thielemann, habe sich "zwischen dem eher Lebensbejahenden und dem eher Lebens-verneinenden, zwischen Wagner und Mahler" entscheiden müssen. Und habe sich für Wagner entschie-den. Schon diese plakative Etikettierung Wagners und Mahlers in der Einleitung seines Buches macht die ganze Crux des Thielemann-Buches deutlich: Da wird viel über einen Kamm geschoren, pauscha-lisiert und simplifiziert. Eitelkeit und Naivität reichen sich darin die Hände. Offenbar sind Thielemann die lebensverneinenden Äußerungen Wagners ebenso entgangen wie die lebensbejahenden Züge Mahlers, sowohl in Werk wie im Leben. Und gerade bei Wagner spielen nun wirklich Tragik, Untergang, Scheitern und Tod eine zentrale Rolle in beinahe jedem Werk! 


"Wer kann ein Leben lang mit offenen Sinnen und freiem Herzen in diese Welt des durch Lug, Trug und Heuchelei organisierten und legalisierten Mordes und Raubes blicken, ohne zu Zeiten mit schauder-vollem Ekel sich von ihr abwenden zu müssen? Wohin trifft dann sein Blick? Gar oft wohl in die Tiefe des Todes." (Richard Wagner)


Angeblich, so schreibt Thielemann, hätten die Wagners so gern Wurstsaat gegessen, dass sie in ihren Pausen-Empfängen, "bei ihren berühmten Hauseinladungen" immer Wurstsalat aufgetischt hätten? Ganz davon abgesehen, dass das völlig uninteressant ist, was die Wagners auftischten, bei den wenigen Malen, die ich die Gnade hatte, bei Wolfgang und Gudrun zu Gast sein zu dürfen, gab es immer nur geräucherten (exzellenten) Fisch und Käse! Auch, was Thielemann über die dirigentischen und akus-tischen Schwierigkeiten des Festspielhauses schreibt, zu schweigen von seinem Schreiben über Wagnergesang, ist nicht unbedingt lesenswert.


Ausgerechnet er beklagte das Schreien der Wagnersänger! Man höre sich einmal eine seiner Auffü-hrungen an. Bei ihm feiern die Wagner-Brüller Hochkonjunktur. Sei´s drum.  Fast alles, was Christian Thielemann oder was Christine Lemke-Matwey, offizielle Mitautorin des Buches, schreibt über Richard Wagner, Wagners Wirkung, die Wagnerfamilie und die Wagneraufführungspraxis, ist bereits differen-zierter und essentieller behandelt worden. Immerhin, immerhin: Thielemanns dankbare Anhänglichkeit an Wolfgang Wagner liest sich authentisch. Das hat etwas Rührendes. Diese beinahe kindliche Schwär-merei für den guten alten Impresario am Hügel, der Wolfgang ja war, trotz aller Vorbehalte gegen ihn als Fafner-Patriarch und Regisseur.


Aber als Essenz eines Buches ist das etwas wenig. Thielemann mag ein begnadeter Wagnerdirigent sein, wie seine Anhänger meinen: Mit diesem Wagnerbuch  outet sich Thielemann jedenfalls als großes, staunendes, euphorisch anbetendes, aber eigentlich unwissendes "Kind", das sich hinter der Maske des in Sachen Wagner erschreckend uniformierten, unbelesenen, deshalb wohl so nassforsch berlinerisch-salopp daher plappernden, "Beschallers der deutschen Seele" (Focus) versteckt.


Und dann auch noch das: Ein gutes Drittel des Buches ist eine Art Wagner-Opernführer für naive Wag-nerunkundige. Sollen sie etwa das Zielpublikum des Buches darstellen? Als ob es nicht schon genug Opernführer gäbe? Aber vielleicht sollte so ja nur die Dürftigkeit des Materials vertuscht, der Umfang gestreckt werden. Peinlich. Dass Thielemann jeder Werkerläuterung diskographische Empfehlungen hinzufügt, in denen er seinen Kollegen zuweilen ganz schön in die Parade fährt, ist nicht gerade kolle-gial und manchmal in der Sache fragwürdig. So fragwürdig wie Thielemanns Äußerungen über Regis-seure. Und dass zu viel von Politik geredet werde in Sachen Wagner und Bayreuth beklagt Thielemann, hält es aber für wichtig, dass die Kanzlerin und andere Staatsvertreter nach Bayreuth kommen. Wider-sprüche, Ungereimtheiten .... Dass Thielemann konservativ ist, weiß man. Aber dass er sich auf einem der Photos des Buches ausgerechnet vor der Wagner-Büste Arno Brekers ablichten lässt, Hitlers Lieb-lingsbildhauer, das macht nachdenklich in Zeiten, in denen in Bayreuth ein Sänger mit Nazi-Tattoos engagiert (und gefeuert) wurde, aber der nächste Parsifalinszenator bereits öffentlich mit Hitlergruß posiert hat (Jonathan Meese).

 

Wie auch immer: Thielemanns Buch wird sich bei der Thielemann-Fangemeinde, ob in Bay-reuth, Dresden oder Salzburg sicher gut verkaufen. Wem es aber um die Sache geht, also um Wagner, der erfährt in diesem Buch absolut nichts Neues. Im Gegenteil: "Spinnweben, Weihe, Wurstsalat" ist eines der Kapitel in Thielemanns Wagnerbuch überschrieben. Es wäre ein bezeichnender Titel für das Buch als Ganzes.  


Beiträge in MDR, NDR, RONDO...