Simone Kermes. Von Fröschen...

Dieter David Scholz



Bekenntnisse einer Diva: Von Fröschen, Männern, Küchen

Die  „Crazy Queen of Baroque“ und ihr „anderes Gesicht“


 

Spätestens sei sie ihre CD „Lava“ mit Arien aus neapolitanischen Opern des 18. Jahrhunderts herausbrachte, gilt die Sopranistin Simone Kermes als nahezu konkurrenzlose Virtuosa des barocken Ziergesangs. Sie ist eine vokale Ausdruckssängerin ohne Furcht vor Stratosphären-Koller und Koloratur-Rouladen. Ihre an Ironie und Sexappeal nicht eben zurückhaltenden Auftritte als Mischung aus Barock-Primadonna und Popstar von heute in eigenwilligen quasibarocken Kostümkreationen haben ihr den Titel „Crazy Queen of Baroque“ eingebracht.  Und sie weiß sich als die „verrückte Königin der Barockmusik“ erfolgreich zu vermarkten. Ihre Fangemeinde zwischen Neapel und New York, Paris und Berlin wächst beständig. Eine CD produziert sie nach der anderen. Immer neue One-Women-Shows und Konzertauftritte machen ihr Leben zu einer gestressten Reiseexistenz. Nur wenig Zeit kann verbringt sie in ihrer Berliner Wohnung verbringen, einem Reich der Frösche. 

 

„Ich habe zum Beispiel zuhause auf meiner Terrasse einen Froschkönig, und dann habe ich Tassen, da sind auch Frösche drauf, auch ´n Froschkönig drauf, ich habe einen Yogafrosch, ich habe Handtücher mit Fröschen, Froschohrringe, Froschskulpturen, … Natürlich hat das auch noch ´ne spezielle Bewandtnis. Meine Kollegin Vivica Geneaux sammelt auch Frösche und wir beide kaufen immer für den anderen gleich einen Frosch mit den schenken wir uns dann immer.“  

 

Aberwitzig virtuose Barockarien sind es, mit denen Vivica Genaux wie Simone Kermes zu bezaubern verstehen. Nur wenigen Sängerinnen gelingen so vertrackte Oktavsprünge, endlos gurgelnde Läufe und lang gehaltene Triller in diesen einst für Kastraten geschriebenen vokalen Vorzeigestücken. Ein harter Beruf, der des Barocksängers. Er verlangt nach Kompensation. Simone Kermes findet beruhigenden Ausgleich in ihrer Frosch-Leidenschaft.  Hunderte der Weichtiere bevölkern ihre große Wohnung in allen Variationen, ausgenommen echte Frösche. Simone Kermes gesteht ungeniert und augenzwinkernd, dass es für sie beim Frosch auch um Erotik geht.

 

„Natürlich. Und beim Froschkönig erwarte ich schon, dass er sich verwandelt.“

 

Aber noch hat sie keinen geküsst.

 

„Das wären vielleicht einfach zu viele. Dann könnte ich mich vielleicht auch gar nicht entscheiden, für welchen Frosch oder für welchen Prinzen, oder für welchen Mann, oder was auch immer da rauskommt.“    

 

Hinter dem Frosch steht für Simone Kermes stets der Mann. Erfolgreiche Sopranistinnen, zumal solche mit hoher, virtuoser Stimme, brauchen viel Mann und brauchen viel Sex, so heißt es in Sängerkreisen, damit die Gurgel geläufig bleibt. Ob das stimme, fragte ich sie?

 

„Ja, das stimmt, aber die Schwierigkeit ist: finde mal n Mann, der das aushalten kann! Sie lacht dabei.

 

Simone Kermes erinnert an ihre Mitwirkung in Rameaus „Platée“: „Da ist ja die Hauptrolle auch ein Frosch, so ´ne Art Nymphe, der glaubt, dass er schön ist. Und am Ende wird er ausgelacht, weil er sich verliebt hat in etwas Schönes und trotz seiner eigenen Hässlichkeit.“

 

Es war eine Robert Carsen-Inszenierung der Ballettoper „Platée“ von Jean-Philippe Rameau, die in New York und Paris gezeigt wurde.

 

„Ich habe nicht den Frosch gesungen, sondern La Folie, eine ganz verrückte Rolle, sehr schöne Musik, ganz toll, und in unserer Inszenierung hat das … natürlich nicht im Sumpf gespielt, sondern in der Modewelt. Von daher hat auch Carl Lagerfeld mitgespielt, Coco Chanel, und ich war Lady Gaga...“

 

Der Frosch als Objekt ihrer Begierde hat auch mit dem Kulinarischen zu tun. Liebe geht eben durch den Magen bekennt Simone Kermes.

 

„Die Froschschenkel mag ich sehr. Ich weiß, dass das nicht in Ordnung ist. Aber in Frankreich ist das ganz normal, da wird das gegessen. Es schmeckt sehr gut, es schmeckt sehr zart, zarter als Hühnchen.“

 

Auch wenn bei ihr zuhause Frösche nicht in den Kochtopf kommen: Kochen, Küchen, Essen ist neben dem Sammeln von Fröschen (=Männern ?) die zweite Leidenschaft der Sängerin Simone Kermes.

 

„Ich koche sehr gern und ich habe auch letztens mein neues (italienisches) Orchester bekocht, als wir hier in Berlin   geprobt haben. Ich habe dann deutsche Küche gemacht für sie, sie lieben Gulasch. Gerade Italiener sind sehr verwöhnt, was das Essen angeht. Denen kannst Du nicht alles vorsetzen. Aber bei mir gibt’s immer gutes Essen und gutes Trinken. Die wahrhaften Sänger oder die wahrhaften Künstler sind eigentlich auch gute Köche. Es hängt alles zusammen: die Kunst, mit dem guten Geschmack. Das Verbindende ist die Sinnlichkeit. Wer nicht gern gut isst und trinkt, der kann auch nicht improvisieren. Kochen hat ja auch mit Improvisation zu tun.“


 

Beitrag auch in DLF „Kultur aktuell“ in der Reihe „Das zweite Gesicht“ 2017