Cottbus: J. Offenbach / Die Rheinnixen 2006

Dieter David Scholz



Photos: Marlies Kross

Jacques Offenbachs "Die Rheinnixen" in Cottbus


Eine musikalische Offenbarung


Als Offenbachs „Rheinnixen“ 2002 im südfranzösischen  Montpellier konzertant wiederent-deckt wurden, glich das einer Sensation, die vom Publikum heftig gefeiert wurde.  Nicht minder aufsehenerregend war die szenische Erstaufführung,  141 Jahre nach der Uraufführung 2005 am Opernhaus der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Nun also die musikalische Augrabungs-Sensation 2006.


Jacques Offenbachs Oper "Les Fées du Rhin", deren deutscher Titel etwas irrefüh-rend "Die Rheinnixen" heißt, wurde für die Wiener Hofoper komponiert und wurde Wagners „Tristan“- Uraufführung vorgezogen. Diese „Rheinnixen“ sind mitnichten ein harmloses Stück. Alfred von Wolzogen und Charles Nuitters zeigen Feen, die das Chaos einer von Kriegern zerstörten Welt auf die Spitze treiben, um den Wahn der Menschen zu lösen. Die Oper spielt mitten in Kriegs-zeiten deutscher Klein-staaten, Provinzen und Fürstentümer. Die Hauptpersonen sind allesamt trauma-tisiert: Ein Hauptmann, Franz mit Namen, der seit einer Kriegsverletzung an Gedächt-nisverlust leidet, seine von ihm verlassene  Jugendliebe Armgard und deren Mutter Hedwig, die von einem Hauptmann geschwängert und verlassen wurde. Gottfried, ein Jäger treibt aus Rache für verübte Kriegsgreuel die Soldaten zum Elfenstein, wo die Landsknechte dem Zauber der todbringenden Feengesänge erliegen sollen. Alles kommt anders. Am Ende findet Franz sein Gedächtnis wieder, die aus Angst vor Schändung in Scheintod gefallene Armgard erwacht und der grausame Hauptmann Conrad schwört allem Kriegshandwerk ab. Der im franzö-sischen Exil lebenden Offenbach hat in dieser pazifistischen Oper Armgard, die weibliche Hauptpartie, zur utopischen Symbolfigur deutscher Einigungssehnsüchte gemacht. Ihr Deutschlandlied wird wie die Feen-Barcarole zum Leitmotiv dieser romantischen Oper, mit der sich Offenbach in Zeiten der Kriegsbegeisterung zwischen alle Stühle setzte.


Die Oper angemessen zu inszenieren, ist kein leichtes Unterfangen. Manfred Schweigkofler, Intendant des Stadttheaters Bozen, hat das Stück in Ljubljana lediglich musicalhaft an der Oberfläche gezeigt. In Trier, dem einzigen deutschen Theater, das sich bisher an „Die Rhein-nixen“ heranwagte, tappte Regissseur Bruno Berger-Gorski denn auch in alle Fallen des Stücks und zeigte die „Rheinnixen“ als aktualisiertes Kriegsstück mit blutigen Vergewaltigungsszenen, die beim Publikum  weitgehend Empörung auslösten.


Regisseur Martin Schüler, Intendant des Staatstheaters Cottbus, hat vielleicht gut daran getan, in seinem Haus nur eine semiszenische Produktion zu zeigen. Vor ei-nem Prospekt mit romanti-scher Burgruine ließ er das Orchester auf der Hauptbühne spielen. Davor sangen Solisten (in Abendkostümen und Frack) und der teilweise phantastisch kostümierte Chor auf Podesten an der Rampe, was der Wortverständ-lichkeit sehr zugute kam.  Bei allen Vorbehalten gegenüber halbszenischen Auffü-rungen: so mitreißend hat man die Oper weder in Ljubljana, noch in Trier erlebt. Martin Schüler hat die Oper durch diskrete Arrangements der Auftretenden und stimmungsvolle Beleuchtung zu ihrem musikalischen Recht kommen lassen.  GMD Reinhard Petersen hat die Musik der langen vieraktigen Oper (leicht gekürzt) mit ihren kraftvollen Sol-datenchören, Trinkliedern, Liebesarien, Balladen und Roman-zen in ihren intelligenten Stilbrü-chen adäquat erfasst und ihr frech und fröhlich, romantisch wie ironisch ihren originellen Platz zwischen Großer Oper und Opéra Bouffe, zwischen Wagner und Meyerbeer zugestanden. Er hat diese originelle Mu-sik mit ihren  witzigen Anspielungen und Parodien auf Werke des franzö-sischen, deutschen und italienischen Repertoires in zügigen Tempi punktgenau realisiert. Das Philharmonische Orchester Cottbus stand ihm mit Präzision und Klangfülle zu Ge-bote. Es war eine Freude, Offenbachs zu Unrecht vergessenes Meisterwerk so vital, so analytisch zugespitzt, attackierend, verführerisch und augenzwinkernd, aber auch romantisch zu hören. Auch die Sängerbesetzung  war überraschend. Jens Klaus Wil-de sang den kriegsversehrten Franz mit frappierender tenoraler Italianità fast wie eine Puccini-Partie.  Andreas Jäpel verlieh der fiesen Type Conrad  mit seinem zwar kleinstimmigen, aber deklamatorisch vorbildlichen Bariton edles  Format. Tilmann Rönnebecks Gutmensch Gottfried verband profundes Bassprofil mit kluger darstel-lerischer Kauzigkeit. Carola Fischers Hedwig litt allerdings unter kaum mehr zu tolerierenden stimmlichen Abnutzungserscheinungen, was angesichts der übrigen, mehr als respektablen Gesangsleistungen sehr bedauerlich war. Das Glanzlicht der Aufführung war die Sopranistin Anna Sommerfeld, die die Partie der Armgard mit strahlender, intakter, gut fokus-sierter Stimme, mit warmem Timbre und schöner Kantabilität ausstattete: eine Idealbesetzung! 


Auch der Opernchor des Staatstheaters Cottbus und die Herren des  Ernst-Senff-Chores Berlin waren vorzüglich. Alles in allem eine hervorragende Aufführung. Sie darf als die eigentliche musikalische Wiederentdeckung des Stücks gelten. Die szenische lässt noch auf sich warten. Es ist beschämend, dass sich noch keines der großen Theater für diese so interessante wie anrührende Oper interessierte.