Musica Kosmogonica

Dieter David Scholz



Leopoldo Siano: Musica Cosmogonica. Von der Barockzeit bis heute

Verlag Königshausen & Neumann,430 S.


Panorama musikalischer Welterschaffungsmythen

mit philosophischem Tiefgang


Ausgehend vom tönenden Schweigen, der Antwort auf die müßige Frage nach dem Anfang der Welt in Charles Yves‘ visionärem Stück „The Unanswered Question“ und vom Schweigen des Buddha wagt der italienische Musikphilosoph Leopoldo Siano (*1982), der seit 2012 am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln lehrt, die These: »Im Anfang war der Klang«.

Der Klang spielt in zahlreichen Schöpfungsmythen unterschiedlicher Kulturen eine entscheidende Rolle. Dem Johannesevangelium zum Trotz, in dem es heißt »Im Anfang war das Wort«, haben sich seit jeher Dichter, Philosophen, Theologen, Wissenschaftler, Künstler aller Art, nicht zuletzt Musiker mit der Frage der Weltentstehung auseinandergesetzt, der „philosophischen Frage schlechthin“, wie der Autor zurecht schreibt: „Was ist die Welt? Und wie entstand Sie? Und warum?“ Da der Verstand der Menschen da nicht weiterhilft, haben philosophische und religiöse kosmogonische Mythen, wie auch musikalische Schöpfungsmythen Hochkonjunktur seit je. Der Klang als „die erste wahrnehmbare Manifestation des Unsichtbaren“ ist in vielen Kulturen Grundüberzeugung. Man mag das kosmischen Urklang nennen. Und dankt an Richard Wagners Es-Dur Dreiklang im „Rheingold“ dem Vorabend seines „Der Rings des Nibelungen“, auch eine jener „Welterschaffungsmythen“, die Gegenstand der Betrachtung sind.  Jedenfalls sei die Quelle, aus der die Welt entspringt, … eine akustische“, so Leopoldo Siano nach Meinung vieler Autoren und Kulturen. „Das Wort als klingendes Ereignis wird als Ursprung aller Erscheinungen betrachtet“. Der Klang sei „die erste Bewegung des Unbewegten, und das sei der Beginn der Schöpfung.“ Die wichtigsten Philosophen werden als Kronzeugen bemüht.


Auf respekteinflößender philosophischer, literarischer, historischer und musikalischer Grundlage widmet sich der Autor aus der Perspektive der Komponisten der Frage: Wie klingt der Anfang der Welt? In zehn Kapiteln unternimmt das Buch eine „nicht-chronologische Reise durch die jüngere Musikgeschichte de s Abendlandes.“ Es ist die Geschichte musikalischer Utopien als „Annäherung an das Unmögliche“, die Siano geschrieben hat


Anhand von Werken, die zwischen dem 18. und dem 21. Jahrhundert entstanden sind, wird gezeigt, mit welchen musikalischen Mitteln die verschiedensten Komponisten (von Jean-Féry Rebel bis zu Joseph Haydn, von Gustav Mahler zu Charles Ives, von Richard Wagner zu Karlheinz Stockhausen und John Cage) es unternommen haben, die Weltschöpfung zu evozieren und auf welche Klangarchetypen sie zurückgriffen, um den Anfang aller Dinge akustisch darzustellen. Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ mit seiner „kosmogonischen Geste“ am Beginn des Werks, steht gewissermaßen Pate, ist wohl bekanntestes Paradebeispiel. Es wird – wie bei allen ausgewählten Musiken - mit profunder musikwissenschaftlicher Werkkenntnis und Präzision der Analyse genau beschrieben: „Eine allmähliche und majestätische Exposition von zehn Tönen der D-Dur-Tonleiter, die verschiedenartig harmonisiert werden, … die sich in Terzen auflösen, mit jedem neuen Ton an Dichte und Lautstärke anwachsen“, markieren den Aufstieg der Sonne aus dem Chaos, sie münde schließlich „in eine strahlende D-Dur-Kadenz“. So ist es.


Mit der gleichen Akribie widmet sich der Autor den Urgewässern, musikalischen Visionen der Weltentstehung aus dem Geist des alten Indien, aber auch den Komponisten als Schöpfer des Kosmos in der Symphonie (Gustav Mahler steht am Anfang der nicht mehr an ein strenges Formschema gebundenen modernen Sinfonie, die „alles Mögliche“ sein will, nämlich „die ganze Welt“. Es geht aber auch um den Mythos des Urknalls, um Naturerwachen (mit Klang und Opfer), bestes Beispiel Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, bis hin zu Kosmogonien aus Afrika und Amerika. Die „Ewige Wiederkehr des Gleichen“ (Friedrich Nietzsche) inspirierte den Autor zum vorletzten Kapitel „Weder Anfang noch Ende“. Das letzte „Im Anfang ist die Stille“ schlägt den Bogen zurück zum Anfang des Buches, der Kreis schließt sich. Präzise Werkanalysen, gewissenhafte Anmerkungen, viele Grafiken und Notenbeispiele sowie ein Literaturverzeichnis bereichern das interessante Buch, das an seine Leser zwar einige Bildungsansprüche stellt. Aber die Lektüre lohnt sich. Es ist ein faszinierendes Panorama musikalischer Welterschaffungsmythen mit philosophischem Tiefgang


Besprechung auch in: Orpheus