Nixon in China Berlin

Photo: Thomas Aurin


Bizarres Hauen und Stechen. Eine Zumutung


Nixon in China


Deutsche Oper Berlin. Premiere am 22. Juni 2024


 

Mit ihrer Oper über den Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon in der Volksrepublik China im Jahr 1972 brachten der Komponist John Adams und die Librettistin Alice Goodman Zeitgeschichte auf die Bühne. Die Uraufführung fand 1987 an der Houston Grand Opera statt, ein Auftragswerk der Brooklyn Academy of Music, der Houston Grand Opera und des John F. Kennedy Center for the Performing Arts. 36 Jahre später brachte nun die Deutsche Oper Berlin "Nixon in China" erstmals in einer szenischen Neuproduktion nach Berlin.

 

Zur Erinnerung: Es war der erste Staatsbesuch eines US-amerikanischen Präsidenten im kommunistischen China, vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der anstehenden amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Mitten im Kalten Krieg landet die Air Force One im Februar 1972 in Peking. Das Präsidenten-Ehepaar Dick und Pat Nixon und Staatssekretär Henry Kissinger werden vom chinesischen Premierminister Chou En-lai begrüßt und vom (schwerkranken) Mao empfangen. Die Bilddokumente dieser historischen fünf Tage gingen dank einer großen medialen Inszenierung um die Welt – ein Vorbild aller heutigen Nachrichtenbeiträge über Politikerreisen inklusive Handschlag, Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung und Sightseeing-Programm. Es war ein Jahrhundert-Handshake und eines der größten Medienspektakel des 20. Jahrhunderts.


Nixons Besuch galt als wesentliche diplomatische Errungenschaft seiner Amtszeit. John Adams, der Nixon sehr kritisch gegenüberstand, sprach gleichwohl von einer „kühnen Geste, direkt in das kommunistische Herz der Dunkelheit zu laufen und den Einheimischen einen guten, alten Rotarier-Handschlag zu reichen“. John Adams hielt den Handschlag zwischen Nixon und Mao für weitreichender als die Mondlandung. Elf Jahre nach dem historischen Ereignis, 1983, regte der Regisseur Peter Sellars eine Oper darüber an. Nach reiflicher Überlegung sagte Adams zu.


Die Librettistin Alice Goodman war zwar literarisch umfassend gebildet, hatte jedoch keinerlei Erfahrung mit Opern. John Adams war dennoch mit ihrem Libretto sehr zufrieden, weil sie die „knarzenden Spitzfindigkeiten“ der Diplomaten im Weißen Haus ebenso gut in Kunst umgesetzt habe wie die „gnomhaften Äußerungen“ von Mao und das Pathos der Handelnden, das Aneinander-vorbei-Reden, über das Großsprechen und über die Gewalttätigkeit von Staatsoberhäuptern, die sich in ihrem Habitus, aber nicht in ihrem moralischen Kern unterscheiden


Wie auch immer:  Die Oper wird inzwischen international regelmäßig inszeniert und gehört zu den modernen Klassikern der Minimal Music. Klaus Umbach schrieb am 26. Oktober 1987 Spiegel: „So ziseliert gemacht, ist Minimal Music alles andere als Kleinkunst: durchsichtig wie von Mozart, süffig wie von Richard Strauss, angereichert mit ‚überreifem Glenn Miller und dem ganzen Arsenal amerikanischer Musiktradition‘ (Adams), mal plump wie Allerwelts-Pop, dann, in kontrapunktischer Feinarbeit, geradezu wie aus dem Lehrbuch.“

 

In der Berliner Inszenierung sieht man Mao Tse Tung, auch mal seine Frau als Jabba the Hutt aus „Star Wars“ auftreten und Hitler mit Riesengemächt durchs Bild laufen. Es gibt allerhand Masken, Blut und Eingeweide auf der Bühne, einen Raketenstart aus der Torte und Kernwaffen-Explosionen. Richard Nixon und seine Entourage landen in Peking mit einem Fallschirm, der nach einem Atompilz aussieht. Lebende Würste und tanzende Handgranaten treten auf. Der irre hüpfende Henry Kissinger wird am Ende an einen Mercedes gekettet. Es ist ein Tohuwabohu, ein Hauen und Stechen, was das Berliner Künstlerkollektiv "Hauen und Stechen", gegründet von Franziska Kronfoth und Julia Lwowski, an der Deutschen Oper Berlin inszeniert, ein bizarrer politischer Klamauk als szenischer Karneval.


Die Regisseurinnen Franziska Kronfoth und Julia Lwowski spiegeln den Medienrummel um die erste Visite eines US-Präsidenten in der Volksrepublik aber auch in Videosequenzen, die originales Archivmaterial mit aktuellen Blicken hinter die Opernkulissen kombinieren. Man sieht filmisch hinter die Kulissen und in die Abgründe der Deutschen Oper Berlin. Will man das? Was bringt das an Erhellendem für das Stück?


Die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge sollen absichtlich verschwimmen.  Die Oper spielt auf mehreren Ebenen. Parallelaktionen von Protagonisten und Statisten samt Kameramann auf der Bühne und dem überbauten Orchestergraben finden statt, auch eine Live-Video-Ebene im Proszenium oder auf der Bühne gibt es. Zu schweigen von den Obertiteln. Doch man kommt angesichts der rasanten akustischen und bildlichen Überflutung kaum dazu, das alles zu verfolgen.

 

Es ist der Überreichtum an Bildern und Spielebenen, die Mischung aus Nonsens und Schock, aus Kasperliade und karikiertem Agit-Prop-Theater, die die Verwirrung dieser Aufführung komplett machte.  Der technische Aufwand ist enorm, weniger wäre mehr gewesen.

 

Man weiß nicht ob man den Abend als geißelnde Satire, als bloßen Kitsch, als aktionistisches Pop- bzw. Politspektakel oder bloß als bildgewaltige Revue des Irrsinnns verstehen soll. Der mit Symbolen und Mätzchen überfrachtete Polit-Zirkus wird zum kreischbunten, karnevalesken Alptraum. Ist das nun virtuoses oder absurdes Theater (Bühne Yassu Yababa)? Auch kostümlich herrscht ein chaotisches Wirrwarr, für das Christina Schmitt verantwortlich war. Ein Großteil des Publikums amüsierte sich und johlte.  Man lacht über jeden Blödsinn. Amüsiertheater fürs anspruchslose Spasspublikum eben. Nur der Anlaß für Amüsement scheint zu zählen, nicht mehr in erster Linie der Sinn des Stücks oder die Intention des Komponisten bzw. Librettisten. 


Die musikalische Leitung des bizarren Abends hatte Daniel Carter, Generalmusikdirektor des Landestheaters Coburg. Er genoss hörbar die minimalistische Musik, angereichert mit Wagner- und Strauss-Zitaten, ließ es rhythmisch zugespitzt ordentlich krachen und gab dem Affen Zucker.  Langatmig ist diese undramatische, auf der Stelle tretende Musik dennoch.


Die sängerische Besetzung war insgesamt gut. Neben dem stimmgewaltigen Ya-Chung Huang als Mao überzeugten der Bariton Thomas Lehman in der Rolle von Nixon und die Sopranistin Heidi Stober als seine Frau Pat. Für den Part von Kissinger erhielt der Bass-Bariton Seth Carico großen Applaus. Maos Frau Chiang Ch’ing wurde von Hye-Young Moon glaubwürdig gesungen.


Wer sich nicht so genau auskennt mit der US-Geschichte der siebziger Jahre, wird manche Anspielung des Librettos nicht verstehen.  Auch die Handlung, worum es eigentlich geht, wird den meisten Zuschauern wohl nicht klar werden, in dieser Inszenierung, die nicht anders als eine Zumutung genannt werden darf. Aber vielleicht geht es ja darum gar nicht. Leider ist es nicht die einzige Zumutung, die die gegenwärtige Intendanz den Berliner Zuschauern in den letzten Jahren angedeihen ließ. 


Am Ende der Vorstellung entlud sich im Zuschauerraum ein Sturm aus Buhs und Bravos


Besprechung in der Zft. "Der Opernfreund"