Berlin Paul Abraham Ausstellung 2010

Dieter David Scholz



Der beste Paul-Abraham-Sammler und -Kenner ist Klaus Waller, der Autor des angezeigten Buchs. Ich empfehle seine exzellente Online-Abraham-Biographie mit rarem Bildmaterial:


www.paul-abraham-bio.de

Die geradezu anspringende, ja um-werfende CD mit Originalauf-nahmen, die alle heutigen Abrhahaminterpretationen

Lügen strafen!

Der vergessene Großmeister der späten Operette
Eine Paul Abraham-Ausstellung in Berlin erinnert an ihn    

         

Vor 50 Jahren, am sechsten Mai 1960 starb in Hamburg der ungarische Operettenkomponist Paul Abraham. Er war in den 30er-Jahren einer der beliebtesten und erfolgreichsten Operetten- und Schlagerkomponisten Europas. 1933 floh er vor den Nazis und kehrte erst 1956 aus Ameri-ka zurück. Die einzige Institution, die aus Anlass seines 50sten Todestages an Paul Abraham erinnert, ist die ungarischen Botschaft in Berlin. Am Montag wurde dort eine Paul-Abraham-Gedenkausstellung eröffnet, die noch bis zum 8. Juni zu besichtigen ist.


Paul Abraham war einer der verrücktesten, will sagen originellsten Operettenkomponisten im Übergang von der Weimarer Republik zum Dritten Reich. Seine Musik spiegelt die Euphorie, die Hoffnungen, aber auch die Brüche dieser Zeit. Vergnügliches, Schmissiges, Pikantes, Friv-oles mischt sich mit Nostalgie, mit ungarisch-österreichisch-berlinerischem Lokalkolorit, aber auch mit amerikanischem Jazz. Der Operetten-Spezialist Kevin Clarke:


"Das Besondere an Paul Abrahams Operetten ist der Klang, sind diese Klangfarben, diese Klanggewalt, dieser Rausch, den er entwickelt. Das ist natürlich der typische Klangrausch der späten Zwanziger-, frühen Dreißigerjahre in der deutschsprachigen Operette, aber mir ist niemand von den anderen Operettenkomponisten bekannt, der eine solche Wucht und einen solchen Drive in der Musik hat." 


Die Liedtexte und Dialoge der Abraham-Operetten sind sarkastisch, ironisch, gewagt und tages-aktuell, oftmals durchzieht sie aber auch ein melancholischer Witz. Abraham hatte die besten Librettisten seiner Zeit, Fritz Löhna-Beda (der später in Auschwitz ermordet wurde) und Alfred Grünwald (er konnte im Dritten Reich in die USA emigrieren), sie verstanden sich auf feinen Humor der Ausgegrenzten, und sie waren Meister ihres Handwerks. In ihren Stücken geht es immer darum, wie finden sich Mann und Frau und wie wird man einander wieder los. Abrahams Operetten bevölkern Männer von Welt, Parvenüs und Nichtsnutze, Salonlöwen, Damen, Flitt-chen, Femmes fatales und Mäuschen. Es sind hintersinnige Stücke von Liebesfreud und Liebesleid, von Irrungen und Wirrungen zwischen den Geschlechtern, wie sie kein anderer außer Abraham so auf die Bühne brachte.


Seine Karriere war kometengleich. Vom Nobody aus Budapest, der 1930 nach Berlin kam, stieg er innerhalb von nur drei Jahren zum europaweit meistgefeierten Operettenkomponisten seiner Zeit auf. Er wurde reich, veranstaltete legendäre Gulaschpartys mit Champagner und Kaviar, besaß Limousinen, Butler und Chauffeur, und kaufte sich in der noblen Berliner Fasanenstrasse eine schlossartige Villa. Doch so steil wie seine Kometenbahn 1930 aufstieg, so steil stürzte sie 1933 ins Nichts.  Abraham floh über Budapest, Wien, Paris und Havanna nach New York. In den USA konnte er an seine Erfolge in Europa allerdings nicht anknüpfen, erkrankte im End-stadium an Syphilis, war geistig verwirrt und verbrachte schließlich 10 Jahre - von der Welt vergessen - in einer psychiatrischen Klinik. - Der ungarische Botschafter, Sándor Peitsch bekennt denn auch:


"Wir sind ein bisschen von Gewissensbissen getrieben. deshalb wollen aus Anlass seines 50. Todestages hier seiner gedenken. Er ist einer der großen ungarischen Operettenkünstler und wir sind sehr stolz darauf, dass Pal Abraham hier im Metropoltheater und anderen Theatern von Berlin einmal große, glänzende Erfolge geerntet hat"


1956 kehrte Paul Abraham auf Betreiben von Freunden nach Europa zurück und verbrachte in Hamburg mit seiner Frau – nach 17 Jahren Trennung - die letzten 4 Jahre seines Lebens.  János Darvas, der für den WDR und ARTE einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm mit dem Titel „Bin nur ein Jonny“ über das abenteuerliche Leben Paul Abrahams gedreht hat, der Film wurde bei der Ausstellungseröffnung gezeigt, hat mir etwas verraten, was in dem Film nicht explizit gesagt werden durfte:


"Darin gab es eine ganz dunkle Geschichte: Derjenige, der Paul Abraham in Hamburg aufge-nommen hat 1956, war ein Altnazi, Professor Bürger-Prinz. Ich habe jahrelang über ihn recher-chiert. In allen Publikationen, die ich las, wurde er glorifiziert als die größte Koryphäe seines Fachs in Hamburg. Doch wie ich herausfand, ist dieser Professor Bürger-Prinz nur mit dem Parteibuch in der Hand in den 30er-Jahren überhaupt zu seinem Posten gekommen. Er war nicht erste Wahl, wurde aber Leiter der Psychiatrie. Das ist inzwischen sogar von der Hamburger Universitätsklinik erforscht und dokumentiert worden. Seine psychiatrische Abteilung war sehr groß und überfüllt. Als die Euthanasie von den Nazis erlaubt wurde, hat Bürger-Prinz bei erster Gelegenheit die Leute reihenweise ins KZ geschickt oder vernichten lassen oder tot spritzen lassen. Dieser Mensch hat eine ganz schlimme Vergangenheit! Und er hat nach dem Krieg eine große Karriere gemacht. Natürlich steht in seiner Autobiographie kein Wort über seine Nazi-Vergangenheit. Auch nichts davon, dass er der Fachmann für die sogenannten Kriegszitterer war, das waren jene Soldaten, die Angst-Psychosen hatten. Er hat sie kurzerhand zu Deserteuren erklärt und in den Tod geschickt. - Dass er Abraham 1956 aufnahm, hat nichts damit zu tun, dass er die Musik Abrahams mochte. Er war nur ein Mann, der die Presse- und die Öffent-lichkeitsarbeit perfekt beherrschte. Und in den 50er-Jahren wusste er, was Schlagzeilen bringt. In allen großen Zeitungen, nicht nur Hamburger, waren Headlines: 'Professor Bürger-Prinz nimmt Paul Abraham, den armen jüdischen Komponisten auf, der aus Amerika zurückkehrt.' "


Der Gedenkakt der Ungarischen Botschaft ist an sich schon verdienstvoll. Was die eigentliche Ausstellung in der Empfangshalle angeht, sie wurde von dem ungarischen Schauspieler und Filmhistoriker Miklós Königer arrangiert.


"Ich bin ein Sammler, ich sammele die ungarischen Schauspieler, Komponisten und alles Mög-liche. 20 Jahre habe ich alles über Paul Abraham gesammelt. In Berlin, in Budapest, in Wien, Leipzig und Dresden. Ich verehre Paul-Abraham. Seine Operetten sind großartig. Sein Lebens-lauf ist abenteuerlich. Aber es ist für mich vor allem eine innere Angelegenheit, etwas für ihn, wie auch für andere vergessenen Menschen zu tun."


Miklós Königer hat Notenausgaben, Schellackplatten, Programmhefte, Plakate und seltene, an-rührende Photos zusammengetragen. Die drei großen Werke, "Viktoria und ihr Husar", "Die Blume von Hawai" und "Ball im Savoy" stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. Gita Alpar, Willy Fritsch, Rita Georg, Marika Rökk, Camilla Horn, die Film- und Operettengrößen der Zeit, sind präsent. Unter den 300 Exponaten gibt es einige Raritäten und Preziosen, auf die Miklós Königer besonders stolz ist, beispielsweise ein Regie- und Souffleurbuch der Operette "Viktoria und ihr Husar" aus dem Jahre 1930. Er hat es in Dresden gefunden. Ein anderes Photo zeigt zwei der besten Operettendarsteller der Dreißigerjahre, Rosy Barsoni, die Lieblingssoubrette Abrahams, und Oscar Dénes, seinen Lieblingsbuffo. Eines der bewegendsten Photos Paul Abrahams aus seinen letzten Lebensjahren in Hamburg zeigt ihn als alten, kaum wieder-zuerkennenden Mann und Pianisten eines Hauskonzerts in der Hamburger Klinik.  


Kurz vor Ende seines Lebens haben einige seiner Werke wieder auf die Theater zurückgefun-den, doch sein Œuvre, das innerhalb von nur wenigen Jahren entstand, ist schwindelerregend umfangreich. Abraham stand unter manischem Produktionszwang. Was er in drei Jahren komponierte, haben andere in einem langen Leben nicht vermocht. Kein Wunder, dass er täglich drei Schachteln Zigaretten rauchte und 30 Tassen Kaffee trank. Dass ausgerechnet er, der begabteste Erotomane unter den Operettenkomponisten, so jäh um seine Karriere gebracht wurde und so schwer an Syphilis erkrankte, ist tragisch. Kevin Clarke: 


"Tragisch finde ich auch die Tatsache, dass das Stück „Roxy und ihr Wunderteam“, seine letzte europäische Operette, die so wunderbar die ganze Leni-Riefenstahl-Olympia-Ästhetik durch den Kakao zieht, dass ausgerechnet dieses Stück nie groß rausgekommen ist, weil die Erben von Hans Weigel, einem der Librettisten,  sich da nach dem Krieg quergestellt haben. "


So ist die Geschichte nun mal. Traurig ist auch die Tatsache, dass der Komponist Paul Abraham, im Gegensatz etwa zu Franz Lehar, nach wie vor im allgemeinen Bewusstsein nicht mehr vorhanden ist, fünfzig Jahre nach seinem Tod. Wenigstens diese eine Ausstellung in Berlin wirkt dem engagiert entgegen.



SWR 2, Musik aktuell am 14.5. 2010

 

Die Ausstellung belegt das eindrucksvoll,  indem sie auf Bachs theologische Bibliothek verweist, aus der repräsentative Werke ausgestellt sind, vor allem seine Ausgabe der Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“ aus dem Jahre 1543. Bach besaß 52 Titel in 81 Bänden, darunter ein Viertel Werke Martin Luthers und neben allerhand Predigt- und Erbauungsliteratur auch die toleranzfeindlichen antijüdischen  Bücher des Hamburger Pastors Johannes Müller. Offenbar teilte Bach Luthers Geschichtstheologie, die im 1500-jährigen „Exil und Elend“ der Juden einen Beweis für den eigenen Glauben sah (Gottes ewige Strafe für die verstockten Juden sei die Kehrseite seiner Gnade für die Gläubigen). So legen es jedenfalls Bachs eigenhändige Bibelkommentare nahe. Die Eisenacher Ausstellung lässt keinen Zweifel daran: Bach war lutherisch geprägter Antijudaist.

Umso erstaunlicher, dass die Wiederentdeckung Bachs im frühen neunzehnten Jahrhundert, der der zweite Teil der Ausstellung gewidmet ist, ausgerechnet jüdischen Salondamen zu verdanken ist. Sie spielten in ihren Berliner und Wiener Salons Bachsche Instrumentalmusik und legten damit den Grundstein der Bachrenaissance.


„Die Familie Itzig mit ihren Salonieren Sarah Levy, Fanny  von Arnstein, Cäcilie von Eskeles, Bella von Salomon, die Großmutter Mendelssohns, die ihm dieses großartige Geschenk, die Partitur der Matthäuspassion zum 14. Lebensjahr machte und ohne dieses Geschenk hätte es die Wiederaufführung der Matthäuspassion, damit vielleicht die Popularisierung von Bachs Musik im 19. Jahrhundert, keine Bachgesellschaft und auch kein Bachhaus gegeben.“


Erstaunlicherweise nahmen die jüdischen Pioniere der Bachwiederentdeckung an den antijüdischen Stellen in Bachs Passionen und Kantaten keinerlei Anstoß. 


„Dass die plötzlich sich die Sache Bach zu ihrer eigenen gemacht haben. Es war dieses Streben nach Bildung, Teilhabe an der Emanzipation und hier hat man eine Sache, die plötzlich diese Teilhabe ermöglicht. D.h. da weht wirklich dieser Wind der jüdischen Aufklärung  durch die Musikgeschichte."

Auf museumsdidaktisch übersichtlich  aufbereiteten Texttafeln lassen sich sowohl die Geschichte der jüdische Bachwiederentdeckung als auch Bachs Vertonungen antijüdischer Luthertexte nachverfolgen. Auf Hörstationen  kann man die entsprechenden Musiken Bachs anhören. Es sind in dieser Ausstellung aber auch viele Porträts, Bücher und anderer Schriften von der Zeit Luthers bis ins 20. Jahrhundert ausgestellt, die das Beschriebene illustrieren.


„Besonders perfide ist das Heftchen von Martin Sasse, thüringischer Landesbischof, führender Kopf der "Deutschen Christen" in Deutschland, der 1938  die Reichskristallnacht als Geburtstagsgeschenk an Martin Luther gedeutet hat, der ja bekanntlich am 10. November Geburtstag hat,  und der sagt: In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der der größte Antisemit seiner Zeit gewesen ist.“


Damit wird die Brücke der Rezeption Luthers über Bach bis ins Dritte Reich geschlagen.

Ein heikler Zusammenhang und ein brisantes Thema, dem bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde.  Der bedeutendste deutsche Kirchenmusiker, das „Alpha und Omega aller Musik“, wie er oft gepriesen wurde, muss nach dieser Eisenacher Ausstellung neu überdacht werden. Es ist die erste zu diesem Thema. Eine wichtige Ausstellung, die mit einem Tabu bricht, die Denkanstöße gibt und  in der man viel dazulernen kann. 


Beitrag auch in SWR 2 Cluster am 27.06.2016


Photos: Paul Abraham-Ausstellung