Karajans "Tristan" 1951 mit Martha Moedl

Dieter David Scholz



Das Non plus ultra und eine der besten Einspielungen der großen Martha Mödl


Wagners "Tristan"-Mitschnitt aus Bayreuth 1952 beim Label URANIA


Ramon Vinay (Tristan), Martha Mödl (Isolde), Ira Malaniuk (Brangäne), Hans Hotter (Kurwenal), Ludwig Weber (Marke). Herbert von Kara­jan. Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele 1952.




Es war der erste „Tristan“ nach dem zweiten Weltkrieg in Bayreuth und einer der konsequentesten überhaupt. Wieland Wagner hatte die kreisrunde Mysterienscheibe aus seinem „Parsifal“ des Vorjahres (in dem die Neubayreuther Festspiele eröffnet wurden) zu einem ellipsenähnlichen Segment umgeformt, eine Schräge, deren hintere Kanten sich dem Horizont der Unend-lichkeit zu vermählen schien. Kein Segel, kein Tauwerk, kein Schiff im ersten Akt. Im zweiten Akt fehlte der Wart-turm, fehlten Park und Wald. Ein Niemandsland der Liebe. Kareol, Tristans Burg im dritten Akt, wurde nur durch zwei hohe Mauern angedeutet. Isolde erlosch, hoch auf-gerichtet, wie eine Flamme im „wehenden All des Welt-Atems“. Wieland Wagner hatte das Mysterium des Eros inszeniert. Zehn Jahre später inszenierte er dann die Tragödie des Eros in Bayreuth.


Aber schon sein erster „Tristan“ von 1951war ein Meilenstein in der Geschichte des Musikthea-ters. Martha Mödl, die erste Isolde Nachkriegs-Bayreuths hat es selbst so empfunden, wie man in ihren Erinnerungen nachlesen kann. So gut wie in dieser Aufführung hat man die Mödl nie wieder gehört als Isolde. Sie war stimmlich in bester Verfassung. Keine Registerbrüche sind zu hören, ihre Stimme erreicht mühe-los die Spitzentöne der Partie,  die Intensität ihrer leuchten-den, sinnlichen, dunklen, warmen und selbst in der Höhe makellos intonierenden Stimme ist berückend. Zu schweigen vom unvergleichlich subtilen Ausdrucksvermögen ihrer beinahe urerda-haften Isolde. Ihr ebenbürtig ist der dunkel timbrierte, erotisch südländisch kling-ende Tristan des baritonal grundierten südamerikanischen Tenors Ramon Vinay, stimmlich der Mödl weit angemessener als als der asketisch-keusche Tenor Wolf-gang Windgassens. So eine Besetzung der Titelpartien gab es nie wieder. Aber auch die übrige Besetzung ist vorzüglich. Ludwig Weber singt mit selbstverständ-licher Autorität König Marke, Hans Hotter einen holzfällerhaft männlichen  Kur-wenal, Ira Malaniuk eine fraulich-souveräne Brangäne und Hermann Uhde einen fiesen Intriganten Melot.


Am Pult des Festspielorchesters der junge Herbert von Karajan. Sein „Tristan“- Dirigat brennt geradezu vor Leidenschaft, Dramatik, Eros und tieferer Affinität, die der spätere musikmediale Großmogul nie wieder derart bedingungslos hörbar zu machen verstand. Die technischen Rah-menbedingungen der Aufzeichnung und Wiedergabe dieses Livemitschnitts standen bisher ei-nem adäquaten Hörvergnügen dieser singulären Aufführung im Wege. Die Aufnahmen des Bayreuther Livemit-schnitts vom 23. Juli 1952, die bei Arkadia und Myto erschienen, ließen klang-technisch sehr zu wünschen übrig. Jetzt, endlich, ist beim Mailänder Label Urania - nach Ablauf der Urheberrechtsschutzfrist - eine bestens klangre-staurierte Version erschienen, auf die man lange gewartet hatte.


Mit dem computergesteuerten USD-24-Restaurierungs-Verfahren hat man wahre Wunder voll-bracht. Fast kein Rauschen, kein Klirren, Knistern mehr zu hören. Es gibt keine verzerrten Töne mehr. Die Räumlichkeit und Präsenz des Klangbildes ist verblüffend, das mitreißende Dirigat Karajans hört man so brilliant wie nie zuvor. Mit dieser Aufnahme übertrifft er all seine späte-ren Stereo-Aufnahmen in HiFi-Zeiten an Expressivität.


Das Non plus ultra der Aufnahme ist jedoch Martha Mödl. Sie ist einfach überwäl-tigend. Ihre Isolde hat - mit dem dunklen, unvergleichlichen Timbre menschlich berührende, fast antikische Größe. So makellos - im gesangstechnischen Sinne - hat man sie später nie wieder gehört in dieser Partie. Schade, daß sie selbst sich davon nicht mehr überzeugen kann. Für alle Nachge-borenen, alle künftigen „Isolden“ (die bei dieser Aufnahme lernen können, daß Schreien keine Alternative zum Singen ist), und alle Opern,- speziell Wagnerfreunde ist die Aufnahme in dieser vorbildlich klangrestaurierten Edition nicht nur eine große Freude, sondern ein unbedingtes „must“!



Divers. Besprechungen 2007