Das sogenannte Populäre

Photo: Rainer Würgau / Bild von Stefan Mart



Wider das sogenannte Populäre in der Musik


Seit selbst in ARD Hörfunkprogrammen politische Reporter, unbedarfte Modera-torinnen oder sonstige Fachfremde Musikredakteure, ja Musikchefs werden kön-nen, seit Sozialhelfer und unbedarfte Hausfrauen selbst in renommierten Tages-zeitungen zu Musikkritikern avancieren, seit Musik in den öffentlich-rechtlichen Radioprogrammen nur noch – unterbrochen von Gute-Laune-Jingles, Koopera-tions- und Selbstbeweihräucherungs-Trailern – vorwiegend häppchenweise dar-geboten wird, und im Sinne von Crossingover der Stile, Gattungen und Anspruchshaltungen  - präsentiert von Moderatoren, die keine Ahnung haben von dem, worüber sie reden, eingesetzt von verantwortlichen Redakteuren, die das nicht einmal merken, weil sie auch keine Ahnung haben und allenfalls etwas von "Formaten" und "Formatradio", aber nichts von Musik verstehen, sitzt Kompo-nisten, Musikern und Musikliebenden die Angst im Nacken, Musik werde nicht mehr ernst genommen. Ganz zu schweigen vom Boulevard-Faktor in der Musik-kultur und vom allgegenwärtigen „Lärm der Geistesarmut“ (Karl Kraus).


Wenn Moderatoren von Musiksendungen die Elisabethserenade von Ronald Binge mit einer der Elisabeth-Arien aus Wagners Tannhäuser verwechseln, ja nicht einmal Namen von Musikern, Komponisten oder Interpreten richtig aussprechen können und im nassforschen, aber gänzlich naiven Plauderton Allgemeinplätze von sich geben, wenn Musikkritiker selbst angesehener Zeitungen ungestraft die Berliner Philharmoniker mit den Berliner Sinfonikern verwechseln dürfen, der Begriff „Theorbe“ in einem Artikel über Alte Musik auf Anweisung von oben gestrichen wird, weil er die Leser überfordere, wennsich führende Musikjour-nalisten selbst überregionaler Tageszeitungen beinahe täglich durch Uninformiert-heit und hämdsärmelige Ungenauigkeit disqualifizieren, , oder wenn Opern-redakteurinnen in ARD-Kulturprogrammen  eher mit Bauch und Unterleib  statt mit fachlich gebildetem Verstand ihre Kritiken schreiben, ist allerdings Grund zur Besorgnis gegeben.


Seit auch in manchen Schallplattenfirmen, Presseagenturen und Dramaturgie-Eta-gen der Opern- und Konzerthäuser der Einzug der Ah-nungslosen stattgefunden hat, sind publizistische Dummheiten, Informationsdefizite und Falschmeldungen an der Tagesordnung. Die vielen Absurditäten in Presseveröffentlichungen und Programmheftbeiträgen sprechen für sich. Vom mangelhaften Umgang mit Spra-che zu schweigen. Gar nicht zu reden vom Thema Musik im Fernsehen.


Warum dieser leichtfertige Umgang mit Musik? Wird Musik als Wert an sich nicht mehr ernst genommen? Werden Hörer und Leser absichtlich für dumm verkauft? Warum diese zunehmende Geringschätzung von Kompetenz und Fachwissen? Warum diese Favorisierung des Leichten, Seichten, "Flotten" und Anspruchs-losen? Ist Musik nur noch etwas für Unbedarfte? Es gibt tatsächlich Wellenchefs in ARD-Kultuprogrammen, die das ihren Mitarbeitern einimpfen, trotz des noch immer existierenden "Bildungsauftrags". Zurecht hat ein Kritiker dieser Zustände (ein prufunder Radiomann) in einem bemerkenswerten Buch die „Leichtigkeits-lüge“ angeprangert und dagegen gewettert, dass im Radio nur noch "gedudelt und gelabert" werde.


Man muß sich über die Ergebnisse der Pisa-Studien und die Entwertung der Musik sowie den verflachenden Umgang mit ihr nicht wundern, da die Bildungspolitik, zumal in Sachen Musik(-Unterricht), hierzulande längst versagt hat und Kulturpo-litiker das Populistische seit Jahren propagieren und favorisieren. Ob Bundesliga oder Philharmonikerkonzert: Kultur ist für alle da! Natürlich. Aber zum Preis der gnadenlosen Verflachung zwecks Bespassung! Musik ist heute weitgehend redu-ziert und zurechtgestutzt worden zum Nutzen einer spassigen (Massen-) Freizeit- und Verkaufsindustrie, in der Musikmanagern empfohlen wird, die Erfolgsrezepte der Teppichhändler zu beherzigen und Musikjournalisten von ihren Vorgesetzten angewiesen werden, wie Groschenheftautoren zu schreiben, so anspruchslos wie nur möglich, so dass auch der Dümmste sich angesprochen fühlt. Und ist der viel beschworene Begriff "Medienkooperation" wirklich das Zauberwort heutigen Erfolgs. Damit schafft sich doch die ernstzunehmende Musikkritik selbst ab zu-gunsten zeitgeistiger Eventbewerbung nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere.

 

Noch nie haben sich so viele Unberufene bemüßigt gefühlt, über Musik zu äußern. Und noch nie haben so viele Betroffene, vor allem Musiker und Komponisten weitgehend aufgehört, Musikprogramme im Radio und die Musikjournaille über-haupt  ernst zu nehmen. Was wäre denn, wenn die Musiker den Spieß einmal umdrehten und nur noch dummes Zeug komponierten ? Aber gute Musiker haben ein Ehrgefühl: Mozart schrieb seinem Vater, der ihn gelegentlich „wegen des so-genannten Populare“ ermahnt hatte, er schreibe „Musik für alle Gattungen von Leuten, – ausgenommen für lange Ohren nicht.“


 

(Abgedruckt auch in der Zeitschrift "Partituren", Nr.4/2006, S. 69)