Dieter Richter. Die Insel Capri

Dieter David Scholz



Gemälde im Besitz von Dieter David. Scholz / Photo DDS

Hymnus & Abgesang „auf die noch nimmer schönste Insel unserer Welt“

Noch ein Buch über Capri. Aber kein überflüssiges. Im Gegenteil!

Wer glaubt, alles über Capri zu wissen, wird von Dieter Richter eines Besseren belehrt. Der aufgeklärt liberale Literatur-Professor, Cavaliere und mit Leib und Seele Italienschwärmer, hat auch mit seiner jüngsten Publikation wieder einmal bewiesen, dass er einer der besten Kenner von Ita-liens Süden ist. Nach „Goethe in Neapel“, „Der Vesuv. Geschichte eines Berges“, „Neapel. Biographie einer Stadt“, „Der Süden. Geschichte einer Himmelsrichtung“, „Das Meer. Geschichte der ältesten Landschaft“, „Neapel. Eine literarische Einladung.“ und „August Kopisch. Ent-deckung der Blauen Grote auf der Insel Capri“, hat er sich jetzt dem Sehnsuchtsort als Ganzes in Geschichte und Gegenwart zugewandt. Er will Capris „Faszination nachspüren“ und „die Bedeutung zeigen, die Capri, wie keine andere kleine Insel, für die europäische Kultur- und Geistes-geschichte hatte.“  Auf die ihm eigene, so gelehrte wie unterhaltsame und - wie immer - stilistisch glänzende, Art und Weise. Das Buch liest sich wie ein Pandämonium der Capri-Anbeter und -Süchtigen.


Capri, das sind nur zehn Quadratkilometer im Mittelmeer „nur ein Zehntel des griechischen Santorin“, geographisch gesehen nichts, aber es ist doch „eine Welt für sich,“ landschaftlich, ästhetisch, kulturgeschichtlich, klimatisch, atmosphärisch.  Zu schweigen vom Blau des Wassers.


Unter Kaiser Tiberius war die Ziegeninsel von 26 bis 37 n. Chr., seinem Lebensende, Regierungszentrum, also Mittelpunkt des Imperium Romanum, des römischen Weltreiches, dann wurde die schroffe Kalksteinfelseninsel vergessen, um mit der Entdeckung der Blauen Grotte (es gibt derer übrigens mehrere am Mittelmeer) zur „ersten europäischen Tourismus-Insel“ zu reüssieren. Richter nimmt kein Blatt vor den Mund. Capri ist „heute im Halbstundentakt mit dem Festland verbunden, die Einwohnerzahl hat sich seit Gregorovius´ Tagen fast verfünffacht, der Strom des Massentourismus flutet täglich über sie hinweg.“ 2016 registrierte das Hafenamt laut Richter

2 331 969 Besucher, an manchen Tagen mit zum Teil über 10 000 Tagesbesuchern.

 

Der Caprifreund und -Kenner hat natürlich die Bücher von Humbert Kesel, Edwin und Clarissa Cerio, Hubertus Prinz zu Löwenstein, Ferdinand Gregorovius und Axel Munthe gelesen (um nur die bekanntesten Autoren zu nennen), kennt also die „Basics“ der Geschichte Capris. Nicht zu reden von  zahlreichen essayistischen Abhandlungen. Und doch weiß Dieter Richter eine erstaun-liche Fülle an Fakten und Einsichten hinzuzufügen. Er kennt diese Insel wie kaum ein anderer, jenseits von „high life und Verworfenheit“, er kennt den Laufsteg der VIPs, den Jahrmarkt der Eitelkeiten. Capri ist zweifellos „einer der schönsten Orte der Welt“, (D.H. Lawrence) vor allem aber Traum und Asyl für „Zivilisationsflüchtlinge aus den großen Städten des Nordens“ wie den Stahlbaron Friedrich Alfred Krupp. Capri war Refugium und privater Fluchtpunkt für Kaiser wie Augustus und Tiberius, von dessen 12 Villen nur Reste seiner imposanten Jupiter-Villa übrigblie-ben, aber auch für  Außenseiter wie den Erben der belgischen Stahlwerke von Longwy, Dandy und Décadent Jacques Fersen d´Adelswaerd, der mit der Villa Lysis am Steilhang direkt unterhalb der Villa Iovis für sich und deren Name anspielte auf Platons Dialog über die Kna-benliebe (Capri wurde "um 1900 zum Mekka männlicher Homosexualität). Capri war aber auch ein Refugium für Philosophen wie Walter Benjamin oder Erst Bloch, Lebensreformer wie den Münchner Maler August Weber, Politiker wie Gorki und Lenin, Weltverbesserer, Maler und Künstler wie Carl Blechen oder Joseph Beuys, Gelehrte wie den finnischen Assyriologen  und Diplomaten Harrie Holma, Literaten wie Hans Christian Andersen oder Ferdinand Gregorovius, Hanns Heinz Evers,  Alberto Moravia, Elsa Morante und Curzio Malaparte, dessen rotes Haus das eigenwilligste der Insel ist. Aber auch Abenteurer und Romanciers wie Roger Peyrefitte, Norman Douglas und Graham Greene hatte die einzigartige Insel magisch angezogen. Vor allem aber unangepasste Individualisten wie der schwedische Arzt Axel Munthe, der sich jahrelang auf Capri niederlies und dessen Villa San Michele bis heute zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Insel gehört, waren dem Zauber der Insel erlegen. Auch Monika Mann, eine Tochter Thomas Manns, lebte von 1954-1986 auf Capri. All das und viel mehr erfährt man in Richters Buch, das einen ungemein kenntnisreichen wie interessanten und detailreichen Streifzug durch die antike wie neuzeitliche Kulturgeschichte Capris unternimmt.


Wer es nicht eh' schon wusste, versteht nach der Lektüre des Buches, warum Capri „zur Chiffre der Sehnsucht nach dem Süden“ wurde und warum der millionenfach verkaufte Schlager Ralph Maria Siegels von den Capri-Fischern ein Evergreen wurde.


Dieter Richters Buch folgt „nicht einer strengen chronologischen Linie. Die Darstellung ist kalei-doskopisch und orientiert sich am Primat des Sichtbaren. Die einzelnen Kapitel sind thematisch zugeschnitten, emblematisch wird ihnen jeweils eine bestimmte Lokalität zuge-ordnet, an der sich das Dargestellte verdichten lässt. Zahlreiche unbekannte Quellen sind in die Arbeit eingeflossen, ergänzt durch Erin-nerungsspuren der Alltagskultur wie Grabsteine, Gästebücher, Bilder, Gedenk-tafeln, außerdem Zeugnisse aus mündlicher Erzählüber-lieferung. Persönliche Erfahrungen und Be-gegnungen, die mich seit nunmehr fast vierzig Jahren mit der Insel verbinden, kommen hinzu.“


Folgende Kapitel hat das Buch: „Faraglioni.Die Insel und das feste Land.“ Es beleuchtet den Zwiespalt zwischen Autonomie und Abhäng-igkeit der Insel, auch das spezifische Inselgefühl. „Phönizische Treppe-Capri-Anacapri. Die geteilte Insel“ ist das zweite Kapitel über-schrieben. Es beleuchtet die Unterschiede der rivalisierenden capresischen Städte. „Villa Iovis. Die Insel des Tiberius“ darf als Reha-bilitation des angeblich „ruchlosen Kaisers“ verstanden werden. „Quisisana. Die therapeutische Insel“ ist weit mehr als nur die Geschichte des exklusivsten Hotels Ca-pris, eher eine Abhandlung über Erholung und Vergnügen, Patienten und Mäzene. Deren spendabelster war Alfred Krupp, der eine (leider heute geschlossene) atemberaubende Straße bauen ließ von den Gärten des Augustus zur Marina piccola hinab. In „Grotta Azzura. Die romantische Insel“ geht es natürlich um das „blaue Feuer der Romantik“, will sagen um die berühmte Blaue Grotte, ihre Entdeckung und die Folgen. Um den Cimitero acattolico und die dort Liegenden aus aller Welt geht es im Kapitel „Die kos-mopolitische Insel.“  Im Kapitel „Villa Lysis. Insel Utopia.“ ist nicht nur von deren Erbauer, dem Comte Jacques de Fersen die Rede, son-dern auch von der „freien Liebe“, von Höhlenmenschen  Propheten und Jüngern der Sonne, die sich Capri zum Wohnsitz und Lebens-mittelpunkt auserwählt hatten. Schließlich „Piazzetta. Die Politische Insel“. Ein ver-nachlässigtes Kapitel aus Capris Geschichte wird darin in all seiner Zwiespältigkeit beschrieben:


„Unter die Schwarzhemden des italienischen Faschismus mischte sich nach 1933 die braune Prominenz aus Nazi-Deutschland. Schon wenige Wochen nach der Machtergreifung, Ostern 1933, kommt Hermann Göhring, damals Reichstagspräsident und Minister für Luftfahrt, in Begleitung von Prinz Philipp von Hessen für drei Tage nach Capri; Hunderte von deutschen Touristen emp-fangen ihn im Hafen mit dem ‚Horst-Wessel-Lied‘ und rufen ‚Heil Hitler‘. Im Dezember 1933 nimmt SA-Führer Ernst Röhm mit einer Gruppe befreundeter SA-Größen einen ‚Erholungsurlaub‘ auf Capri, im August 1935 besucht Fritz Stege, Funktionär der ‚Reichsmusikkammer‘ und zuständig für die ‚Reinigung‘ des deutschen Musiklebens, die Insel. lm April 1936 folgt Reichsminister Hans Frank, der spätere Generalgouverneur im besetzten Polen, der in Rom Gespräche mit Musso-lini geführt hatte, im November 1937 Rudolf Hess, der Stellvertreter des ‚Führers‘. Auch zahl-reiche andere Nazi-Größen entdecken ihre Zuneigung zu Capri, unter ihnen Eugen Dollmann, Sonderbeauftragter der SS in Italien, oder Reichswehrminister Werner von Blomberg, der sich nach seiner Entmachtung 1938 nach Capri zurückgezogen hatte. Hinzu kommen Besucher ver-schiedener NS-Organisationen: Schon im Sommer 1933 wurde eine Delegation der ‚Hitlerjugend‘ vom faschis-tischen Bürgermeister auf der Piazza empfangen, Wieder wurde ‚Die Fahne hoch ...‘ gesungen, der ‚Hitlergruß‘ gezeigt; später folgen KdF-Reisende und Arbeiter der ‚Deutschen Ar-beitsfront‘ unter Robert Ley. Wie ein kleiner Staatsakt gestaltete sich Görings fünftägiger Be-such, jetzt zusammen mit Ehefrau Emmy, im Januar 1937. Bei seiner abendlichen Ankunft war die Insel illuminiert worden, auf der Piazza hatte man einen Triumphbogen für den Gast errichtet, und zu seinen Ehren war sogar der italienische Thronfolger Umberto für einige Stun-den nach Capri ge-kommen. Die deutschen Gäste, abgestiegen im ‚Quisisana‘, besuchen Prinz Philipp und Prinzessin Mafalda sowie Axel Munthe in Anacapri... Dies alles, wenn wir den täglichen ausführlichen Zei-tungsberichten glauben dürfen, begleitet von beständigen Akklamationen der begeisterten einheimischen Bevölkerung und ‚Heil-Hitler‘-Rufen der deutschen Kolonie.“


Aber Capri, so weiß Dieter Richter, erwies sich auch als “Fluchtinsel für Verstoßene und Emigranten aus den Diktaturen der Welt:“


„Während auf der Piazza Hakenkreuzfahnen geschwungen und 'Viva il Führer' gerufen wurde, lebte mitten unter den schwarzen und braunen Chargen, unter NS-Ministern, Hitlerjugendlichen und KdF-Reisenden eine Gruppe von Menschen, die eben deshalb nach Capri gekommen waren, um alledem zu entgehen: Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland. Seit der Machtübergabe an Hitler 1933 war Italien eines der beliebtesten Fluchtländer für Gegner oder Verfolgte des Regimes ge-worden; nach der Okkupation Osterreichs 1938 folgte von dort eine weitere Flüchtlingswelle. Auch aus der Sowjetunion und den osteuropäischen Ländern suchten zahlreiche Menschen in Italien Zuflucht. Alten Präferenzen der Reiserouten folgend, hatten dabei viele von ihnen die Gegend von Neapel als Fluchtziel gewählt, so dass an Orten wie Capri, Positano, Amalfi und auf Ischia kleine Zentren der Emigration entstanden waren, deren Mitglieder zum Teil untereinander in Kontakt standen.“


Es ist beklemmend, wie Richter diese Gleichzeitigkeit des Ungleichen darzustellen weiß, als Fokus gewissermaßen der uralten Ambi-valenzen Capris. Im Schlusskapitel, „Marina Grande. Insel und Nicht mehr Insel“ zieht Richter Bilanz. Er verleugnet nicht, dass Capri inzwischen längst ein „Fremdencapri“ geworden sei, eine Marke, ein Mythos, eine „globale Luxusdestination“. Er zitiert mit Hinweis auf 150 Jahre, während der sich die Klage „dass alles nicht mehr so ist, wie es einmal war,“ wie ein elegischer Cantus firmus“ durch die Capri-Literatur ziehe, Raffaele La Capria, der in seinem Capri-Buch von 1991 die „total schäbige Blaugrottisierung der Insel“ beklagte.


Nach „Neapel, Biographie einer Stadt“ und „Der Vesuv, Geschichte eines Berges“ bildet Richters Buch über die Insel Capri  den abschließenden Band seiner Trilogie über den Golf von Neapel, „eine der ältesten und reichsten Kulturlandschaften eines Europa ohne Grenzen“. Das Buch wird mit präzisen Anmerkungen sowie weiterführendem Quellen- und Literaturverzeichnis abgerundet. Nach all der bereits reichlich vorhandenen Literatur über Capri alles andere als ein überflüssiges Buch. Chapeau!


Kein Capri-Führer für Touristen, eher die nostalgisch verklärende wie knallhart realistische Des-illusionierung eines heute durchaus zwie-spältigen, gleichermaßen faszinierenden wie abstoßenden Inseltraums, um nicht zu sagen einer Trauminsel. Ein Buch „für alte Capri-Habitués“ und solche, die es jenseits des Massentourismus vielleicht werden (wollen). Beredter Hymnus wie Abgesang „auf die noch nimmer schönste Insel unserer Welt“.