Jüdische Musik. Ein Almanach

Dieter David Scholz



Jüdischer Almanach Musik

hrsg. von Gisela Dach. Jüdischer Verlag/Suhrkamp, 2016       

 

Was ist eigentlich "jüdische" Musik?


Ist Musiker ein besonders jüdischer Beruf? Was hat es mit der Popularität von Klezmermusik auf sich? Beim Jüdischen Verlag / Suhrkamp / Insel ist nun ein facettenreicher Jüdischer Almanach herausgekommen, hrsg. von Gisela Dach, der auf 272 Seiten Antworten auf diese und andere Fragen zu geben versucht.  

 

 

Wladimir Horowitz war einer von vielen jüdischen Pianisten. Musiker ist ein ty-pisch jüdischer Beruf, schreibt Gisela Dachs in dem von ihr zusammengestellten Almanach. Das Vorwort der Sammlung von 21 Aufsätzen und Essays eröffnet sie denn auch mit einem Ju­den- bzw. Musikerwitz: „Welchen Beruf hat ein jüdischer Neueinwanderer aus der ehe­maligen Sowjetunion, wenn er bei seiner Ankunft am Flughafen in Israel keinen Gei­genkasten unterm Arm trägt? Er ist Pianist.“    

 

Bis ins 19. Jahrhundert hinein waren die Gesänge der Juden in der Synagoge mündlich tradiert worden, wie Tina Frühauf in ihrem Kapitel beschreibt. Erst all-mählich sei die Improvisationskunst der jüdischen Kantoren in den Hintergrund getreten und feststehenden Melodien gewichen. Eines der deutlichsten Anzeichen eines neuen musi­kalischen Selbstverständnisses, so erfährt man, war die Orgel als Begleit- oder Soloinstru­ment. Mit der Zerstörung der Synagogen in der Reichspro-gromnacht 1938 habe die jüdische Orgelkultur im deutsch­sprachigen Raum ihr abruptes Ende“ gefunden. Aber nicht nur diese, sondern auch die Kultur des maß-geblich von jüdischen Komponisten und Interpreten geprägten Kabaretts, des Varietés und der Operette fand ein abruptes Ende.

 

Robert Dachs beschreibt am Beispiel der Wiener musikalischen Populärkultur sehr anschau­lich, wie die Nazis versucht hatten, das Erbe der jüdischen Textdichter, Komponisten und Interpreten zu vernichten. Wie im Konzentrationslager There-sienstadt Musiker die Kraft fan­den, künstlerisch tätig zu sein, erfährt man von Ruth Frenkel. Während das Judentum in Euro­pa dem Untergang geweiht war, ent-stand 1936 in Palästina das spätere israelische Phil­harmonieorchester. Na‘ ama Sheffie beschriebt den Aufbau dieses heute noch existierenden Orchesters vor dem Zweiten Weltkrieg.

 

Spricht man von jüdischer Musik, denken viel zunächst an Klezmermusik, also die tradi­tionelle weltliche Unterhaltungsmusik der Ostjuden. Der renommierte Klari-nettist Joel Rubin beschreibt in seinem Kapitel die Geschichte des Klezmer-Revi-vals in Amerika und Deutsch­land. Warum so viele jüdische Musiker aus aller Welt in Scharen nach Deutschland strö­men, erklärt der Orchestermusiker Ofer Wald-man mit den vergleichsweise paradiesischen Tarif­verträgen, die sich noch aus den Zeiten des Wirtschaftswunders in unsere Gegenwart gerettet haben und eine so breite Orchesterkultur tragen.

 

Über Jüdische Komponisten, berühmte wie Mendelssohn, aber auch weniger be-rühmte, wie etwa Abel Ehrlich, erfährt man viel und Interessantes in dem Musik-almanach des Jüdischen Verlags, auch über die israelische Pop-Szene, über jüdi-sche Protagonisten des Punk, die konfliktreiche Beziehung zwischen amerika-nischen Juden und Afroamerikanern, über jüdi­sche Einwanderer in Südafrika und  die Entstehung des jiddischen Tangos. Es existiert wohl kaum eine musikalische Stilrichtung, so lernt man während der Lektüre des Buches, der Juden nicht ihren Stempel aufgedrückt hatten.    

 

Zero Mostel wurde weltberühmt als Milchmann Tevje in dem Musical „Fiddler on the roof“, oder auch „Anatevka“, das vom New Yorker Broadway aus seinen Welt-erfolg antrat. Von Stuart Hecht erfährt man allerdings, wie die Karrieren vieler exilierter jüdischer Amerikaner, die auf dem Broadway eine neue Heimat fanden, vom fremdenfeindlichen und antikommu­nistischen Senator Joseph McCarthy und seinem Komitee für unamerikanische Umtriebe zerstört wurden. Auch der Thea-terstar Zero Mostel wurde auf McCarthys schwarze Liste gesetzt, was die Zer-störung seiner Karriere bedeutete.  Ein deprimierendes Kapitel, aber ein typisches jüdisches Schicksal.

 

Zerstörung und Wiederaufbau, Trauer und Hoffnung, Altes und Neues gehören zum Judentum auch in der Musik. Als leicht lesbare Einführung in dieses Thema kann das facet­tenreiche Kompendium des Jüdischen Verlags, an dem Experten wie aktive Musiker mitschrieben, nur wärmstens empfohlen werden.

 

Beitrag für MDR Kultur 26.12.2016