Chowantschina Guth Berlin

Photos: Monika Rittershau

Zwischen historischer Folklore und Putin


Claus Guth inszeniert Mussorgskis Chowantschina als vielschichtiges Patschwork


Nach „Boris Godunow“ gilt „Chowanschtschina“ als das zweite Meisterstück Modest Mussorgskis. Doch im Gegensatz zum „Boris“ steht keine zentrale Gestalt im Zentrum des Werks. Es ist ein „Volksdrama“, das den zerrütteten, von vielfachen Machtansprüchen zerrissenen Zustand Russlands vor und nach der Krönung Peters des Großen zeigt, ohne wirkliche Liebesgeschichte, ohne dramatisch fortschreitende Handlung. Das Werk ist eher ein episches musikdramatisches Gemälde.


Moskau ist Schauplatz chaotischer politischer Zustände, in deren Ausgang der energische Zarewitsch Peter die Macht übernimmt. Fürsten und Militärs tragen brutale Kämpfe um den Thron aus: fanatische Sektierer, Altgläubige, die Strelitzen – die Leibwache der Zaren –, anarchistische Einzelkämpfer und überzeugte Anhänger Peters. Der eigentliche Protagonist der Oper ist das Volk, das sich im Chaos nach einer starken Führerpersönlichkeit sehnt.
Clus Guth, der die coronabedingt verschobene Inszenierung (sie sollte schon 2020 kommen) nun inszenierte als Monumentaloper mit historischen Rückblicken, zeigt allerdings auch Gegenwartsbezüge. Man sieht das schon in Vorspiel das Präsidialbüro im gegenwärtigen Kreml. Ein Bediensteter ordnet den Arbeitsplatz des aktuellen Machthabers, der überschattet wird mit der Statue Peters des Großen. Es ist der Arbeitsplatz Wladimir Putins, wie unschwer zu erkennen ist. Der Fressnapf seines Hundes wird akkurat gefüllt. Putin ist allgegenwärtig in dem langen Abend unter den Linden, aber er tritt nicht auf. Anders Peter der Große, der zunächst als Kind, das mit seinen Zinnsoldaten spielt, und dann immer wieder, größer geworden, durch die Handlung geistert, mit Kreidestrichen wird sein Wachstum verzeichnet. Bei Mussorgsky tritt er nicht in Erscheinung! Die Inszenierung endet, wie sie begann, im Kreml von heute. Der zu Anfang gezeigte Bedienstete holt ein unterschriebenes Dokument (von Putin?) aus Schreibtisch. Basta.


Guth gestattet sich (gemeinsam mit dem Bühnenbildner Christian Schmidt und der Kostümbildnerin Ursula Kudrna)noch einen bedeutsamen Eingriff in das Werk. Er lässt es gleichsam als historischen Rückblick von heute abschnurren, indem er klinisch gekleidete „Wissenschaftler“ auftreten, eingreifen und kommentieren lässt, was da zu sehen ist. Auf einem Schleier wird von ihnen schriftlich so etwas wie Nachhilfe-Geschichtsunterricht gegeben. Gelegentlich treten sie auch als Kulissenschieber und Bühnennebel-Werfer auf, oder agieren als Kameraleute. Diese zweite Ebene der Inszenierung wird überlagert von einer dritten, in der historische Videos, stürzende Leninstatuen, aber auch mit Knüppel drauflosschlagende Polizisten von heute, Filmaufnahmen, auch Nahaufnahmen der Personen auf der Bühne gezeigt werden (Video Roland Horvath, Live-Kamera Jan Speckenbach und Marlene Blumert) . Ein perspektivenreicher, mehrschichtiger Blick in die russische Geschichte als die Geschichte von „Verlierern“ (Guth).


Aber auch viele quasi-historische Tableaus, folkloristische Kostüme, die Werkereue suggerieren überfluten die Bühne. Ein buntes, quirliges Durcheinander, dem Schauwert nicht abzusprechen, ist. Von allzu plakativen Russlandklischees, Folkloreeinlagen und allzu „historischen“ Rauschebärten, von manchen penetranten Grausamkeiten und allzu viel Barmen einmal abgesehen. Und was der eingefügte skurrile Tanz der Derwische sollte, versteht man, wie manches in der überfrachteten und etwas verrätselten Inszenierung nicht wirklich.
Kulissen und Prospekte werden allerdings nicht gescheut. Es wird auf drei Ebenen der hebbaren und versenkbaren Bühne agiert. Alles funktioniert wie geschmiert. Lob der Bühnentechnik. Guth hat das fabelhaft organisiert.


Mit dieser Inszenierung will Klaus Guth dem Patchworkartigen, dem Heterogenen der Vorlage, dem Collageprinzip des Werks, aber auch dem „Vergangenen im Gegenwärtigen“ dem Unfertigen der Oper gerecht werden. Tatsächlich ist die Oper von Mussorgsky selbst nicht fertig gestellt worden. Nikolai Rimsky-Korsakow besorgte eine Fassung, die als private St. Petersburger Uraufführung 1886 gilt. 1913 folgte in Paris die Erstaufführung der Fassung von Maurice Ravel und Igor Strawinksy. 1960 schließlich gab es im Kirow Theater Leningrad eine Bearbeitung von Dmitri Schostakowitsch mit dem Finale von Igor Strawinsky. Diese hat jetzt auch Simone Young, mit der Guth schon in Hamburg zusammenarbeitetet, in Berlin dirigiert.
Sie hat zugegeben ordentlich Krach gemacht, auch Mut zum Lyrisch-Romantischen gezeigt, aber über lange Strecken ließ sie die Staatskapelle Berlin doch fast ermüdend langweilig und langsam spiele. Es fehlte entschiedenan Kraft, Energie und struktureller Transparenz! Schade, denn das Aufwühlende, das Subversive, Außerordentliche der Partitur blieb weithin außen vor.


Der von Dani Juris einstudierte, präsente wie ungewöhnlich geforderte Staatsopernchor ist bewundernswert, das große Sängeraufgebot verfügt über ein handverlesenes Protagonistenensemble. Mika Kares, ist ein sängerisch und darstellerisch imposanter Iwan Chowanski, aber auch Najmiddin Mavlyanov als dessen Sohn Andrei, Taras Shtonda als Dossifei und Georg Gagnidze als Bojar Schaklowity haben Klasse. Besonders in Erinnerung bleiben wird die anrührend gesungene Marfa der Mezzosopranistin Marina Prudenskaya als Marfa. Chapeau!


Rezension auch in "Der Opernfreund"