Holger Noltze. World Wide Wunderkammar

Dieter David Scholz



Musik in Zeiten von Corona

Holger Noltze redet dem digitalen Musikbetrieb das Wort

 

Holger Noltze: World Wide Wunderkammer
Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution. Edition Körber, 256 S.             

 

Corona hat die Welt verändert, ja in eine tiefe Krise gestürzt. Besonders hart getroffen hat es die Kultur und die Kulturschaffenden. Kaum ein Opernhaus, kaum ein Orchester spielt noch in traditioneller Gewohnheit, was Besetzung, Größe und Sitzordnung angeht. Vom Repertoire zu schweigen. Für viele Freiberufler unter den Küünstlern eine existenzielle Katastrophe. Musiker, Sänger, Orchester, Konzert- und Opernhäuser entdeckten in ihrer Not die Möglichkeit, „ihren guten Inhalt im Netz direkt und meist kostenlos zu verbreiten.“ Aber auch professionelle wie selbsternannte Musikspezialisten und -Kritiker haben dort das Wort. Ob über YouTube („ein gewaltiger Lagerraum, er enthält überwiegend Gerümpel, aber auch …wertvolle Inhalte und echte Fundstücke“), Facebook, Blogs, Podcasts, eigene Websites, digitale Konzerthallen und Opernhäuser, Video- und Audiostreamingdienste oder Spotify.

 

Er stellt digitale Bibliotheken wie die “Biblioteca Ambrosiana“ in Mailand und das Portal „Europeana“ vor, das digitale E-Zine „van“ oder Brüggemanns Klassik-Woche („Brüggemann ist so schnell nichts peinlich, auch nicht seine eigene Eitelkeit, zu der er ein entwaffnend un-verkrampftes Verhältnis pflegt... Vor Brüggemanns Späßen möchte man manchmal in Deckung gehen…Aber unbestreitbar hat er eine wichtige kommunikative Funktion im ‚Betreib‘ erkannt und übernommen.“) Selbst in Anna Stumpfs Seite “how to opera“ erkennt Noltze noch ein nützliches „niederschwelliges Vermittlungsangebot durch Visualisierung.“  Er weist schließlich darauf hin, dass man (jeder) heute sogar mittels spezieller Programmangebote online komponieren kann. All das hat natürlich zur Folge, „dass die Türen zur Welt des Semi-professionellen oder sogar Amateur-Musizierens“ geöffnet werden, „verloren im All der totalen Verfügbarkeit:“ Von Mängeln, Fehlern, Oberflächlichkeiten, Ungenauigkeiten, ja Fehlinformationen im Netzt nicht zu reden. „Macht das Web nun dumm, machte es schlau? …wohl beides, wir haben es nicht ganz in der Hand.“ Eben!

 

Dennoch redet Noltze informiert wie engagiert der „Transformationsdynamik des Digitalen“ das Wort. Es ist heute „beinahe jeder erdenk-liche Inhalt irgendwo im digitalen Paralleluniversum da.“  Man befrage nur die Suchmaschinen. Unbestreitbar ist: „Die Auffindbarkeit und schnelle Verfügbarkeit … von Musik aus hundert Jahren Aufnahmegeschichte eröffnet so noch nie gegebene Möglichkeiten vergleichen-den Hörens, eine Schule differenzierenden Wahrnehmens.“ Der Konzertsaal wird zur "virtuellen Weltbühne“ vergrößert, Das WWW machts möglich. Aber das Netz verändert die musikalische Kultur. „Wer Musik wichtig findet, wird die neuen Möglichkeiten, wie immer sie und er ist, am musikalischen Weltgeschehen Teilzunehmen, begrüßen.“  Globalisierung der Verfügbarkeit nennt man das. Folge ist die Globalisierung der Inhalte. Man kann nur staunen. Eine virtuelle Wunderkammer! Noltze lässt sich auf die Wunder und Möglichkeiten der digitalen Welt ein. Sie ist für ihn „keine bessere Welt, aber auch keine schlechtere, ... weil sie uns mit so unendlich viel mehr konfrontiert.“

 

Noltze bekennt, dass „das, was wir ästhetische Erfahrung nennen…eine Möglichkeit der digitalen Welt ist und nicht deren Negation.“ Es werde in diesen Tagen sehr klar, „wo viele Optionen, die wir kennen, nicht mehr gelten, Was wird, liegt an uns.“ Ein erstaunlich zahmes, ja optimistisches Buch, das die Messlatte an Maßstäben und Werten, die man sonst von Noltze kennt, kaum ansetzt. Darin unterschedet es sich sehr von seiner zweifellos wichtigeren, vorhergehenden Publikation „Die Leichtigkeitslüge“, die als geharnischte, aber brilliante Kritik an Bildung, Medien und Kulturbetrieb zurecht Aufmerksamkeit erregte.  

 

 

 

Besprechung auch in "Das Orchester"