Kosky Autobiographie



Offenherzige Bekenntnisse eines streitbaren Regisseurs


Natürlich erfährt man aus der (gemeinsam mit Rainer Simon) verfassten Autobiographie des 1967 in Melbourne geborenen, deutsch-australischen Opern- und Theaterregisseurs viel über seinen Stil, seine Ästhetik und seine Machart von Theater. Seine Vorlieben: Travestie, Queeres, Genderei, Strass und Talmi sowie grelle Settings, Revue und Männerballett in Tutus kann indes nicht Jeder teilen. 


Aber Kosky, der in Berlin lebt und arbeitet, und seit der Spielzeit 2012/2013 Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin ist, hat das Haus zur zweifelsfrei erfolgreichsten und profiliertesten Musiktheaterbühne der deutschen Hauptstadt gemacht. Zum Ende der Spielzeit 2021/2022 hat Kosky die Intendanz der Komischen Oper in die Hände seiner bisherigen geschäftsführenden Direktorin Susanne Moser und des Operndirektors Philip Bröking übergeben, eigenen Aussagen zufolge wird er dem Haus jedoch als Regisseur erhalten bleiben. Er ist längste ein international gefragter Regisseur.


Kosky bekennt sich unumwunden zu seinen jüdisch-russischen, jüdisch-polnischen und jüdisch ungarischen Vorfahren, aber auch zu seiner Homosexualität. Selbstironisch nennt er sich selbst eine „kleine australische jüdische Schwuchtel aus Melbourne, die nach Berlin kam“. Er nimmt auch sonst kein Blatt vor den Mund.


Das Buch ist Biographie und Programmschrift, Bekenntnis und Pamphlet zugleich. Man erfährt viel über seine Ablehnung der Trennung zwischen U- und E-Musk, seine Offenheit gegenüber allen Arten von Kunst. Er hat hat einen weiten Kunstbegriff, der von der Muppet Show bis zu den Meistersingern reicht. Tosca, Hans Sachs, Miss Piggy, Salome, Tosca, und Mackie Messer sind denn auch die Kapitel seiner Autobiographie überschrieben.


„Kunst ist keine Monokultur, sondern eine Ökosystem,“ so liest man. Sie sei „wie ein Garten, in dem alle möglichen Arten von Pflanzen wachsen … Meine Großmutter zeigte mir, wie bunt und vielfältig der Garten des Musiktheaters ist“.


Koskys Buch ist denn auch eine Liebeserklärung an seine stilvolle, elegante und gebildete ungarische Großmutter Magda Löwy, der Kosky mit seinen privaten Erinnerungen ein Denkmal setzt. Er schreibt von ihrem symptomatisches Schweigen über den Holocaust, den sie als Einzige ihrer Familie überlebte. Ihre Herkunft aus Budapest, einem „Sinnbild für Europa“, einer „Märchenstadt“ und seiner Lieblingsstadt neben Tel Aviv.


Er berichtet ungeniert von seinen Kostümierungen und Parfümierungen als „pubertierender Halb Drag“ im Schafzimmer der Großmutter, die eine „furchtbare Köchin“ aber seine beste „Lehrerin“ in Sachen Oper gewesen sei. Ihre „Mischung aus Überlebenswille, Hartnäckigkeit, Verschwiegenheit, Nostalgie, Melancholie, Ironie, Freude und Unzufriedenheit“ habe ihm imponiert, so schreibt Kosky.


Sie habe ihn als Jungen (im Alter von 7 bis 18 Jahren) regelmäßig mit in die Oper genommen, habe ihn mit Fachliteratur und Schallplatten versorgt und mit ihm über die Werke diskutiert, deren wöchentliche Besuche anstanden. Ein enormes Repertoire habe er durch sie gründlich kennengelernt. „Mein Körper und meine Seele bestehen zu einem Großteil aus der kulturellen Kost, die mir meine Großmutter damals gab. Ohne sie wäre ich nicht zu dem Künstler geworden, der ich bin.“


An der Komischen Oper Berlin, die ja vor ihrem Gründer Walter Felsenstein Metropoltheater hieß, habe er die Operette als die Kunstform entdeckt, mit der er Furore machte. Vor allem die Berliner Jazzoperette, für die er auch Schauspieler: innen wie Dagmar Manzel und Max Hopp einsetzte, bewusst auf Opernstimmen verzichtend. Die opulent besetzten und präsentierten Operetten der Weimarer Republik mit ihrer „Mischung aus Broadway, Musical, Kabarett und großer Oper“ sind es, die ihn faszinieren. Eine ganze Reihe von Werken hat er für Berlin wiederentdeckt, bewusst die Wiener Operette ausklammernd. Werke von Kálmán, Abraham, Lehár, Spoliansky gehörten wie die von Oscar Strauss zum Metropoltheater. Dessen Königin war die unvergleichliche Fritzy Massary.


Sie gehört zu seinen Leitsternen wie die „exotische Sirene aus Brno,“ Maria Jeritza, die ihn schon als Siebenjährigen bezaubert habe, wie man im ersten Kapitel „Mariza Down Under“ erfährt. Die Lieblingsstücke der Großmutter waren Kálmáns „Gräfin Mariza“ (sie habe sich selbst fast so gefühlt) und Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ und Wagners „Tristan“. Auch Kosky bekennt, er liebe das Werk am meisten von allen Wagnerstücken,


Die „lustige Witwe“ (die Großmutter) habe für sich ihre „persönliche Operettengeschichte“ erfunden, „mit meinem Großvater als Prinzen, der sie mit sich in sein fernes Land nahm, ins Land des Lächelns…. Doch dann holte sie die Realität ein. Australien entsprach mitnichten dem erträumten Paradies. „Vielleicht, so Kosky, „war mein Großvater doch eher ein Blaubart, der sie verführte, geheimnisvolle Türen zu öffnen. Und dahinter: das Grauen Australien“. Kosky hasste das Australien seiner Eltern“ mit einem Neubau „mit modernen, bunten Möbeln mit einem permanent laufenden Fernseher oder Radio, einem Swimmingpool und einfach allem, was eine Mittelklassefamilie im Australien er 1970er so brauchte. “Das Haus seiner Großmutter hingegen „atmete pure Nostalgie“.


Man erfährt viel über Australien, mehr noch über die übrigen Familienmitglieder, allen voran seinen jiddisch redenden Großvater, aber auch über Koskys Verehrung der Ballette des schwulen Komponisten Peter Tschaikowsky, und vor allem der von ihm geliebten Figur der Tatjana in Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin, die er 2016 an der Komischen Oper inszenierte. 2016 wurde Kosky deutscher Staatsbürger.


Sein Buch ist natürlich auch die Schilderung seiner Karrierestationen in Australien und Europa (Melbourne Spoleto Festival, künstlerische Leitung des Adelaide Festivals, Kodirektion des Wiener Schauspielhauses, Leitung der Komischen Oper Berlin als Intendant und Chefregisseur).   Es ist aber auch theaterästhetisches wie dramaturgisches Protokoll einiger seiner wesentlichen Inszenierungen in ganz Europa als einer der gefragtesten Regisseure,.


„Immer wieder werde ich gefragt, wer mein Lieblingskomponist sei. Ich habe keinen, sondern eher eine sehr große, sich stets verändernde Menagerie an Komponist: innen, denen ich mich sowohl berufich als auch persönlich tief verbunden fühle. Und die Auswahl wechselt täglich. Den meisten bin ich das erste Mal in meiner Kindheit oder Jugend begegnet, und seither haben ihre Stimmen mich durch mein Leben begleitet: Bartók, Monteverdi, Ravel, Schumann, Rameau, Janacek, Kalman, Bach, Mussorgski, Tschaikowsky, Strawinsky, Mahler, Mozart, Gershwin und: Kurt Weill.“


Weill gehört zu den Komponisten, die Kosky besonders nahestehen, nicht zuletzt auch wegen seiner jüdischen Verwurzelung. „Was Zeichnete seine Musik aus? Was fasziniert mich so sehr daran? Wie schafft er es, in seinen kurzen Songs eine derartige Wehmut und Sehnsucht zu erzeugen? Erst Jahrzehnte nach meiner ersten Begegnung mit seiner Musik, erst als ich Mahagonny und Dreigroschenoper selbst inszenierte, entdeckte ich, wie er verschiedene Fäden, die aus unterschiedlichen Kulturen stammen, zu einem sehr individuellen idiosynkratischen und einzigartigen Stil verwob. Der erste Faden führte mich zu seinem Vater, der wie derjenige von Jacques Offenbach, Kantor in einer Synagoge war. Weil war also in seiner Kindheit und Jugend tagtäglich umgeben von jüdischen Klängen. Er hörte, wie sein Vater jüdische Gebete und Lieder mit ihren wunderschönen, eingängigen und zeitlosen Melodien in der Synagoge sang. Da dieses hebräische Liedgut mündlich überliefert wurde, können wir es nicht zu seinen Ursprüngen zurückverfolgen. Wir können nur erahnen, wie es über Jahrtausende tradiert Wurde, Millionen von Juden während verschiedener Exile begleitet hat und ihnen dabei eine Art musikalische Heimat gab. Mich berühren diese einfachen, klagenden, melancholischen, meist in Moll stehenden Gesänge ungemein. Weder Weill noch Offenbach kopierten diese Melodien einfach. Vielmehr atmeten sie die hebräischen Klänge aus ihrer Umgebung ein, ließen sie in ihrem Innern zirkulieren und mit anderen Klängen vermengen, bevor sie sie schließlich später als Teil ihrer eigenen Musik wieder ausatmeten. In ganz unterschiedlichen Formen. Und doch höre ich sowohl aus Offenbachs als auch aus Weills Musik die Synagogengesänge ihrer Väter heraus.“

 

Was Weill auszeichne, hat fraglos auf Koskys Inszenierungen abgefärbt: „Zum Metropolensound des 20.Jahrhunderts, zu den Liedern aus der Gosse, zu dreckigen, kompromisslosen, unsentimentalen und populären Klängen. Zum Sound der Drehorgel, des Akkordeons, des Ballsaals, des Tangolokals, der Bar um Mitternacht. Und damit auch zum Jazz. Nicht zum Harlem Jazz aus den USA, sondern zu einer auf ihrer Reise von New York über Paris nach Berlin sich wandelnden, sich adaptierenden und verändernden Variante: Zum Berliner Jazz, der in den 1920er Jahren die Bars, Varieté-Theater und Kneipen der Metropole eroberte.“


Koskys Credo am Schluss des Buches mit Blick auf Monteverdis „Orfeo“: „Das ist Oper. Das Destillieren von Emotionen und Bedeutungen in Noten und Silben. Das, was Wort und Bild alleine nie erreichen werden. Unsere eigene Stimme, die zu uns singt. Oper bedeutet für viele Menschen sehr Unterschiedliches. Und doch sehen und hören wir alle Oper wie das antike Publikum, das sich im Dionysostheater in Athen den außergewöhnlichen Theaterritualen unterzog, in der vergeblichen Hoffnung, einen flüchtigen Blick in unser Innerstes zu erhaschen, einen Blick, den uns unser Alltag nur selten gewährt. Das ist unser Gesang, unser Gebet, unser Atem und unser Echo.“

 

 

 

 

 

 

 

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