Der "Ring" in Amsterdam 2007

Dieter David Scholz



De Nederlandse Opera wagt Richard Wagners

"Ring des Nibelungen". Gesehen 19.-26. 9. 2005 


Die Geburt des Dramas aus der dem Geist der Musik. Hartmut Haenchens und Pierre Audis "Ring" am Waterlooplein



Schon lange ist Bayreuth nicht mehr das alleinselig machende Mekka der Wag-ner-Jünger und -Enthusiasten. Die aufregenderen Wagneraufführungen erlebt man heute zumeist an anderen Bühnen. Und auch die innovativen Impulse in Sachen Wagnerinterpretation kommen eher von anderen Orten der Wagnerpflege. Aus Amsterdam beispielsweise, wo es Wagner nach dem zweiten Weltkrieg sehr schwer hatte. Ende der Neunzigerjahre aber wurde dort einer der ungewöhnlich-sten „Ringe“ geschmiedet. Szenisch wie musikalisch. Jetzt führt man an der Ne-derlandse Opera Wagners „Ring des Nibelungen“  erstmals nach 1945 in drei kompletten Zyklen auf, musikalisch komplett neueinstudiert von Hartmut Haen-chen, dem langjährigen Chefdirigenten des Hauses und jetzigem Intendanten der Dresdner Musikfestspiele.  Es ist ein "Ring", der in jeder Hinsicht anders ist als alle anderen "Ringe".


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Obwohl es vor 1945 in Holland eine große Wagnertradition gab und mit Dirigen-ten wie  Willem Mengelberg und Eduard van Beinum bedeutende holländische Wagnerdirigenten, war Richard Wagner aus verständlichen Gründen in den Nie-derlanden nach dem Zweiten Weltkrieg Tabu. Hartmut Haenchen, seit 1986 Chefdirigent an Amsterdams Opernhaus, hat als Erster dieses Tabu zu durchbre-chen verstanden mit einem "Tristan" und einem "Parsifal". 


"Davor habe ich aber zum 50. Jahrestag der Befreiung von den Deutschen "Die Meistersinger" gemacht, weil ich anhand dieses Stückes deutlich machen wollte, daß Wagner nicht so deutschtümlich ist, wie man im Allgemeinen immer annimmt, und wie die Holländer insbesondere annehmen, daß er auch nicht so schwer verdaulich ist, sondern daß seine musikalische Sprache durchaus sehr strukturiert und klar sein kann."


Vor allem mit der "Ring"-Produktion, die er gemeinsam mit dem Regisseur Pier-re Audi, dem Bühnenbildner George Tsypin und der Kostümbildnerin Eiko Ishio-ka auf die Bretter von Amsterdams neuem Opernhaus am Waterlooplein brachte, hat Hartmut Haenchen sich weit vorgewagt. So wie Pierre Audi die übliche Guc-kastenbühne gesprengt hat und den gewaltigen Bühnenraum der Amsterdamer Oper über den hochgefahrenen Orchestergraben in den Zuschauerraum hinein verlängerte, hat Hartmut Haenchen das Orchester auf die Bühne gesetzt. Richard Wagners Idee der „Geburt des Dramas aus dem Geist der Musik“ stand Pate.


"Das haben wir versucht zu realisieren. Bei uns ist das Orchester sichtbar, das Orchester ist Teil des Dramas, das Orchester wird in die gesamte Lichtregie miteinbezogen bis hin zu auswendig zu spielenden Passagen, die ich mit einem beleuchteten Stock dirigiere - in der Dunkelheit - das Orchester wird der Wald, das Orchester wird das Feuer, das ist wirklich Teil des Theaters und insofern ganz  im Sinne von Wagner."


Aber nicht nur die Rolle des Orchesters in der szenischen Realisierung ist unge-wöhnlich. Die Inszenierung in ihrem monumentalen Farb- und Effektrausch spart nicht an Feuer, Qualm und Materialien wie Glas, Holz und Eisen. Die Archaik einer dreidimensionalen Architektur führt den Zuschauer über und vor der Spiel-fläche hautnah mitten hinein ins dramatische und musikalische Geschehen. Aber auch das Notenmaterial hat Hartmut Haenchen, einer der gewissenhaftesten Diri-genten, einer kritischen Überprüfung unterzogen.


"Also ich bin zunächst mal an die Quellen herangegangen, wie ich das eigentlich bei jedem Stück mache, und da man im Moment gerade dabei ist, eine neue Wag-nerausgabe herauszugeben, habe ich mich mit den Wissenschaftlern zusammen-getan. Wir haben hier ein komplett neues Orchestermaterial erarbeitet, ich habe selbst alles bezeichnet, bis hin zum letzten Strich für die Streicher, um bestimmte Dinge klarzustellen: einmal, daß viele Verfälschungen in der Dynamik stattgefun-den haben, zum Beispiel bei der Walküre für Bayreuth nach München, daß also Wagner für Bayreuth andere Bezeichnungen geschrieben hat, weil eben das Or-chester so tief sitzt. Das haben wir wieder zurückreduziert auf die ursprüngliche Münchner Aufführungsfassung. Ich habe mich bemüht, die ursprüngliche Artiku-lation und Phrasierung wieder herzustellen, das heißt also auch die ganzen Stricharten dem Original wieder anzupassen. Ich habe mich auch mit alten Stim-men beschäftigt, die noch überliefert sind, und das ist hochinteressant! Für große Bögen teilt man bei Wagner dort tatsächlich die Striche, sodaß man keine Phra-sierung hört. Auf der anderen Seite lege ich dann auf die wirklich geschriebenen kurzen und kleinen Artikulationen großen Wert und dann entsteht ein vollständig anderes Klangbild, nicht der berühmte Wagnersche Mischklang, sondern ein klar strukturierter Klang."


Hartmut Haenchens und Pierre Audis Amsterdamer "Ring" ist ungewöhnlich in jeder Hinsicht: optisch eher asiatisch angehaucht in den Kostümen von Eiko Ishi-oka und sehr „menschlich-allzumenschlich“ - um es mit Nietzsche zu sagen -  in der archetypischen Schlichtheit des Regiekonzepts.  Es ist ein "Ring" ohne Wag-nerpathos, ein "Ring" zum Anfassen gewissermaßen, der die begeisterten Hol-länder zu standing ovations animierte, aber auch ein "Ring" jenseits aller falschen musikalischen Aufführungstraditionen. Man hört Wagners "Ring" in Amsterdam völlig neu. Die Tempi sind durchweg straffer, die Artikulation des glasklar struk-turierten Orchesters ist prägnant und deutlich. Die Sänger eines insgesamt fest-spielwürdigen Ensembles müssen einmal nicht schreien, es wird mehr denn je wortverständlich gesungen in Amsterdam, und auch das Instrumentarium ver-zeichnet interessante Neuzugänge beispielsweise einer Donnermaschine...


"... die in der Nähe von Bayreuth in einer Scheune vor sich hinmoderte. Da ist mir aufgegangen, wie das geklungen haben muß. Und ich hab das Instrument für Amsterdam nachbauen lassen, und das produziert eben einen ganz besonderen Klang. Es ist eben keine Technik, es ist kein Kunst-Donner aus der Konserve. Es ist ein Musikinstrument, wenn man so will. Das ist der große Unterschied zur gängigen Praxis. Wir haben auch viele Stellen gefunden, an denen die Windma-schine eingesetzt wurde, was nicht in der Partitur steht.  Das alles wurde durch Wagners Assistenten, die ja sehr genau waren, dokumentiert. Und das muß man einfach heute ernstnehmen. Nicht daß wir jetzt hier eine historisierende Auffüh-rung gemacht haben, das ist nicht so, aber wir haben natürlich mit den Regie-anweisungen interpretatorisch gearbeitet und ich habe auch mit den Sängern daran arbeiten können."


An der Nederlandse Opera im Amsterdam ist vor allem dank Hartmut Haenchens „Ring“-Dirigat die falsche Wagner-Tradition, die auch an den großen der soge-nannten Wagnerbühnen der Welt vorherrscht, mutig und beispielhaft aufgebro-chen worden.


"Ich hoffe, daß ich auch außerhalb Amsterdams meine Vorstellung von Wagner, wie ich sie hier entwickelt habe, weiter fortsetzen kann, und vielleicht macht es Schule."


Man möchte es Hartmut Haenchen und vor allem dem wagnerinteressierten Pub-likum nur wünschen. Zwei Zyklen stehen in den nächsten zweieinhalb Wochen noch an. Und für nächstes Jahr sind die Veröffentlichungen von DVD- und CD-Produktionen dieses Amsterdamer Rings geplant. Man darf gespannt sein!