Alfonso Aijon

Dieter David Scholz



Photo: Dieter David Scholz

Wir sind die letzten Dinosaurier


Vom Totengräber zum Impresario

Porträt des Konzertagenten Alfonso Aijon     

 

Sein Lebenslauf gleicht einem Roman. Er ist in den 50er-Jahren vor Franco aus Spanien geflohen, wurde Totengräber in Marburg und ist heute der mächtigste Konzert-Impresa-rio der iberischen Halbinsel: Alfonso Aijon. Seine Agentur "Ibermusica", die alle be-deutenden Künstler der Welt nach Spanien und Portugal bringt, feiert in diesen Monaten ihr 40-jähriges Bestehen. ich habe den Konzertmanager in Madrid getroffen.



Im Jahre 2006 gastierte die Dresdner Staatskapelle unter ihrem ehemaligen Chefdiri-­gen-ten Herbert Blomstedt  in Spanien. Kein gewöhnliches Gastspiel für Herbert Blomstedt.


"Das ist uns besonders wichtig, denn die Staatskapelle Dresden, als sie das erste Mal nach Spanien kam, das war unter meiner Zeit, wurde eingeladen von einem spanischen Manager, er heißt Alfonso Aijon, und er ist ein wunderbarer musikalischer Gentleman und großartiger Organisator" (Herbert Blomstedt)


Doch nicht nur Herbert Blomstedt, auch  Simon Rattle, Daniel Barenboim, James Le-vine, Anne Sophie Mutter,  Zubin Mehta, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Mariss Jansons, Nikolaus Harnoncourt und Christan Thielemann, um nur einige zu nennen: die international wichtigsten Dirigenten und Musiker sind, wenn sie auf der iberischen Halbinsel auftreten, unter den Fittichen von Alfonso Aijon. Er zieht die Strippen des Konzertlebens in Spanien und Portugal. Und das seit nun schon 40 Jahren. Angefangen hat er seine musikalische Karriere 1966 als Generalmanager des neu gegründeten Spanischen Rundfunkorchesters. Nach drei Jahren gründete er seine Agentur „Iber-musica“. Die Vorgeschichte seiner Karriere begann allerdings in Deutschland.  


"Ich bin wegen politischer Probleme mit dem Franco-Regime aus Spanien weggegang-en. Die erste Arbeit, die ich in Deutschland gefunden habe, war die eines Totengräbers in Marburg." (Alfonso Aijon)


Danach war Alfonso Aijon Werkmann im Ruhrgebiet und arbeitete in Fabriken im Sau-erland, bevor er Bankangestellter in Hamburg wurde ("Das ist das Schlimmste, was man sich denken kann") und schließlich beim NDR landete, in der Abteilung „Zeitgenössische Musik“.  


"Dort habe ich den jungen Boulez getroffen und Hans Werner Henze, Stockhausen und Luigi Nono. Sie waren alle da und das war eine ganz wichtige Zeit für die Musik und für den Rundfunk. - Und so wie ich in Spanien in den 50er Jahren Daniel Barenboim, Zubin Mehta und  Claudio Abbado privat kennen lernte, als sie noch Newcomer waren, haben diese mir wie jene empfohlen, als ich zurückkam nach Spanien: Warum machst Du nicht eine Agentur auf? Du kennst uns doch alle und bist verrückt nach Musik. Ich bin diesem Rat gefolgt."


Das Erffolgsgehimnis von Alfonso Aijon ist seine noble Persönlichkeit, sein freund-schaftlicher Umgang mit den Künstlern und seine Musikbesessenheit, die ihn seit seiner Kindheit nicht verließ. Alfonso Aijons hat denn auch keine sehr hohe Meinung über andere Musik-Agenturen.


"Normalerweise sind das Leute, die überhaupt keine Ahnung von Musik haben. Sie lieben die Musik nicht und könnten genauso gut auch Teppiche verkaufen. Ich aber liebe die Musiker, und die Musik!"


Alfonso Aijon hat übrigens entscheidende Impulse seines persönlichen Umgangsstils mit Künstlern vom weiblichen Geschlecht erhalten:


"Wissen Sie, die goldenen Zeiten unseres Berufes waren die nach dem Zweiten Welt-krieg. Damals war unsere Profession in überwiegend weiblichen Händen. In London gab es Misses Stillet, in Deutschland war Madame Hattler, in Paris die Mallett, in Kopenhagen arbeitete Madame Hansen, in der Schweiz  Madame Lombard. Es waren alles Frauen. Und die waren - wie ich auch - der Meinung: Künstler sind wie Kinder. Und so waren sie wie Mütter zu ihren Künstlern."


Alfonso Aijon sorgt sich wie ein Vater um seine Musiker. Vielleicht deshalb ist es ihm wie keinem anderen gelungen, so viele an sich zu binden und den inzwischen international inzwischen sehr bedeutenden, spanischen Musikmarkt zu beherrschen. Er ist stolz darauf, ...


"... dass wir jährlich nicht weniger als vierzig ausländische sinfonische Orchester pro Saison engagieren. Allein das neue Auditorium in Madrid veranstaltet gewöhnlich drei Konzerte pro Tag! Das ist nicht selbstverständlich."


Alfonso Aijon schaut zurück auf ein erfolgreiches Leben als Musik-Manager und Kon-zert-Agent. Doch was die Zukunft der Klassischen Musik angeht, ist er eher skeptisch:


"Ich haben natürlich bemerkt, dass Musik nicht mehr ist wie früher. Sie hat ihre fast religiöse Aura verloren. Für die heutige Gesellschaft hat Musik keine Bedeutung mehr. Schon gar nicht für die Jungen. Was passiert nur, wenn  die ganzen grauhaarigen im Publikum nicht mehr da sind? Aber ich gestehe, ich kämpfe nicht mehr darum, was die Jungen  wollen oder mögen. Damit und mit dem, was kommt, haben wir nichts zu tun. Wir sind die letzten Dinosaurier."

 

Bayern 4 Klassik, 2006