La Boheme. Künsterphotos

Dieter David Scholz



Panorama und Panoptikum der Selbstinszenierung des Künstlers

  

 

La Bohème“ - noch bis zum 9. Januar ist im Kölner Museum Ludwig eine Ausstellung zu sehen, die sich mit der Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts befasst. Zur Kölner Ausstellung ist ein opulenter Katalog erschienen. „La Bohème.“ Von Bodo von Dewitz (Hrg.):  Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahr-hunderts. Steidl Verlag, Göttingen 2010. 397 Seiten


Den Begriff der Bohème hat Henri Murger „erfunden“. Er beschrieb 1851 in seinem Roman » Scènes de la Vie de Bohème « erstmals das Leben armer Künstler im bürgerlichen Zeitalter. Und begründete damit den romantischen Mythos vom anarchischen Geist der Kreativen, der Künstler und solcher, die welche sein wollen. Und er definierte diese Existenzweise gewisser-maßen als Durchgangsstadium, das durch Normverstöße in der Lebensführung provoziert und fasziniert. Ganz wesentlich zu der Bohème gehört die Opposition zur Bourgoisie, gehört das Subversive, Freche, Anarchische, Antibürgerliche und Antiautoritäre. Auch das Parodistische gehört dazu. Im Grunde all das, was auch den Geist und das Musiktheater von Jacques Offen-bach ausmacht. Der wird auch in einem sehr klugen Aufsatz von Eberhard Illner als Parade-beispiel eines Bohèmiens dargestellt. Wer Offenbach und sein Musiktheater bis jetzt nicht verstanden hat, der lernt ihn in diesem Band über die Bohème wirklich kennen. Spricht man von der „Bohème“ – dann geht es meist um legendäre Geschichten von ausufernden Feiern, um einen schrillen Lebensstil, um den Verstoß gegen vielerlei Konventionen. Geschichten, die die Fotografen der vergangenen 150 Jahre liebten. Gezeigt werden Daguerreotypien und Fotografien von Malern, Bildhauern, Literaten, Schauspielern, Sängern, Komponisten und ganz normalen Außenseitern. Vor allem gibt es wunderbare Photos um Jacques Offenbach herum. Es gibt Einzel- und Gruppenporträts, Atelierszenen, Ablichtungen von Historien-spielen, von so genannten Lebenden Bildern und Künstlerfesten aus dem späten Biedermeier und der Belle Epoque bis in die 1920er Jahre. Das Buch schließt mit Darstellungen von den Kölner Lumpenbällen und den legendären Bauhaus-Festen in Weimar und Dessau. Ein paar konkrete Beispiele: George Grosz posiert als amerikanischer Gangster, der Kommunist Otto Dix wirft sich in Dandy-Pose, Gauguin spielt ohne Hose auf Muchas Harmonium und die Künstlergruppe „Sturmfackel“ lässt sich gar bei einer Orgie ablichten. Der Schauspieler Désiré posiert 1865 als Jupiter, der sich in eine Fliege verwandelt hat (in Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“). Es ist eines der tollsten Photos dieses Buches.


Bodo von Dewitz, Kurator der großen Bohème-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig und Herausgeber dieses prachtvollen Buches, hat hunderte von Photos gesammelt und zusammen-gestellt. Und er hat durch seine Auswahl sehr eindrucksvoll Legende und Mythos der Bohème Lügen gestraft, denn die anarchische Frechheit, die Phantasie, die Verrücktheit, auch das heimliche Elend und die Radikalität des Außenseiters in diesen Abbildungen spricht für sich.

Die Bilder sind in Künstlerateliers, in Restaurationen, in Privatwohnungen, an verruchten und noch viele anderen Orten entstanden. Es gibt beispielsweise auch Reisefotos. Darunter ist ein ganz verrücktes Bild von 1875: Eine Künstlergruppe um Franz von Lenbach und Hans Makart lässt es sich in Ägypten gut gehen und legt sich in seltsam manierierter, vollgefressener Kon-stellation in den Sand. Offenbar stellt man Pieter Brueghels „Schlaraffenland“ als lebendes Bild nach. 


Die Bildauswahl schlägt einen großen, phantasievollen Bogen von Paris über Düsseldorf, Köln und Hamburg bis zum Bauhaus in Weimar und Dessau, aber auch vom frühen neunzehnten Jahrhundert bis ins Zwanzigste. Unter den vielen Photographien sind manche Schnappschüsse, gerade wenn es um die Dokumentation der Arbeitsverhältnisse und Vergnügungswelten geht. Aber zum größten Teil sind es doch inszenierte Photos. Es gibt überwältigende Selbstinsze-nierungen der Künstler aus Montmartre und Montparnasse.  Paris ist natürlich das Zentrum des Buches. Man darf nicht vergessen, und das macht dieses Buch deutlich: Die Selbstinszenierung des Künstlers gehört wesentlich zur Bohème dazu. Und nicht zufällig fällt der Beginn dieses Bohème-Kults mit der Erfindung der Fotografie zusammen. Der Beruf des Photographen gehörte ja im 19. Jahrhundert noch wie der des Künstlers auch zur außerbürgerlichen, rand-bürgerlichen Existenz, so wie der Friseur oder der Bühnenkünstler. Prominent vertreten sind die Aufnahmen von Felix Tournachon genannt Nadar, ein berühmter Photograph, der nicht nur führendes Mitglied der Pariser Boheme war, sondern seine Freunde und berühmte Zeitgenossen ablichtete.


Natürlich gibt es viele Photos von großen Namen. Aber neben Bildern von bedeutenden Foto-grafen wie Nadar, Alois Löcherer, Wilkie Wynfield, Julia Margaret Cameron, August Sander und Lux Feininger sieht man auch zahlreiche ungewöhnliche Aufnahmen völlig unbekannter Photographen. Diese Bilder spiegeln eine ungeheure Phantasie, Ungezwungenheit, auch im moralischen,  Sinne, es gibt Momente  von großer Ausgelassenheit, ja exzentrischer Verrückt-heit, aber es gibt auch sentimentale Photos, aber sie alle vermitteln etwas Freude und Kummer des Außenseiterseins, Opposition zum Establishment, Antibürgerlichkeit, bis hin zum erklärten Kampf gegen das Spießertum. Einige Fotos sind recht frivol. Es gibt auch sehr groteske Pho-tos. Ein Panoptikum darf man diese Sammlung nennen. Das Buch ist so etwas wie ein Panorama über den Künstler als tabubrechenden Außenseiter, als Star einer schillernden Halbwelt, aber auch als genialischer Hungerleider.


Es sind Eindrücke aus einer „verlorenen Zeit.“ Wenn man die Photos mit heutigen Künstlerab-lichtungen oder Photos von Kostümfesten, Karnevalsveranstaltungen, Fêten oder Silvester-parties vergleicht, dann muss man doch sagen: Was für eine Phantasie, was für einen theatra-lischen Sinn, was für eine ungehemmte Sinnlichkeit hatten die Menschen früher! Und da wird man dann schon etwas nostalgisch und wehmütig. Aber das Buch hat nichts Museales. Im Gegenteil. Die Lektüre dieses Buches macht heiter!

 

Buchbesprechung u.a. im DLR, 31.12.2010