Neue Wagner Literatur 2009

Neue Wagnerbücher

von Oliver Hilmes, Eva Rieger, Frank Halbach und Stephan Mösch


Alle Jahre wieder vor Beginn der Bayreuther Festspielzeit (in Vor- Corona-Zeiten) überschwemmten die Verlage die Buchhandlungen mit neuer Wagnerliteratur. Ein Rückblick auf 2009, das besonders ergiebig war.


Selbst glühende Verehrer Richard Wagners, seines Werks und seiner Familie fühlen sich angesichts dessen, was sich nicht nur zwischen Ende Juli und Ende August alljährlich am Grünen Hügel in Bayreuth abspielt, an populäre Seifenopern des amerikanischen Fernsehens erinnert. Die erste Generation des Bayreuther Familienunternehmens, das seit 133 Jahren existiert, hat Oliver Hilmes in seinem neusten, beim Siedler Verlag erschienenen Buch in aller Breite dargestellt. „Cosimas Kinder“ ist es betitelt, und es ist gewissermaßen die Fortsetzung seiner großen Biographie der zweiten Wagner-Gattin, Cosima, die er im vergangenen Jahr herausbrachte.

Nicht nur Wotans Göttersippe in Richard Wagners „Ring“ lässt an den Denverclan denken, auch die Familie Wagner selbst. Schon 1914 schrieb der Journalist und Autor Maximilian Harden, im so hehren Bayreuth der "wahnfriedlich weihfestlichen Edelmenschen "herrschten Geldgier, Betrug, Lügen, Meineid, Ehebruch und "Dynastenwahn". Daran hat sich bis heute im Grunde nichts geändert. Und alles begann mit der Wagner-Witwe, mit Cosima, die ihren Mann um 47 Jahre überlebte. Oliver Hilmes stellt die Gründung der Wagner-Dynastie denn auch als die „Geschichte von Cosimas Kindern“ dar. Cosima hatte aus erster Ehe mit dem Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow zwei, mit Wagner drei Kinder. „Wagner und die Seinen sind ein Kosmos für sich“ schreibt der Autor zurecht und er gibt dem Leser eine „Sternkarte“ zur familiären Orientierung an die Hand. Für jeden, der sich an pikanten Details erfreut, bringt Oliver Hilmes, der aufwendige Recherchen und Quellenstudien in vielen Archiven und Privatsammlungen betrieb, viel Licht in die Geschichte dieser deutschen Familiensaga.

Oliver Hilmes widmet sich außerordentlich kenntnisreich, zuweilen mit süffisanter Ironie den so unterschiedlichen, von Cosima zum Wohle Bayreuths lancierten Lebensläufen und Eheschicksalen von Cosimas Töchtern aus erster Ehe mit Hans von Bülow, Daniela und Blandine, aber auch über Richard Wagners Kinder aus zweiter Ehe (mit Cosima also) Isolde, Eva und Siegfried. Er macht nicht vor detaillierten Ehe- und Erbschaftsangelegenheiten halt und seine Beschreibungen reichen vom Salon über die Bankkonten bis ins Schlafzimmer. Oliver Hilmes breitet genüsslich selbst pikante Details aus dem Liebesleben der Cosima-Kinder aus, ob bei Daniela, die den Kunsthistoriker Henry Thode heiratete, ihm aber jeglichen Geschlechtsverkehr verweigerte, oder beim Thronfolger Siegfried, dessen Homosexualität ein peinliches Familienproblem darstellte. Blandine heiratete einen bankrotten italienischen Grafen, der sie ruinierte. Isolde ehelichte den Musiker Franz Beidler, der von ihrem Geld lebte, weshalb Mutter Cosima sie in einem regelrechten Schlafzimmerprozess enterben ließ.  Eva wurde mit einem alten englischen Admiralssohn, dem Privatgelehrten, Houston Stewart Chamberlain verheiratet, der sich zum Chefideologen Cosimas mauserte und mit seiner ekelhaften, deutschnationalen, antisemitischen Wagnerliteratur die nationalsozialistische Wagnervereinnahmung vorbereitete.


Die Kinder Cosimas, so macht Oliver Hilmes deutlich, waren alle mehr oder weniger verkorkste Existenzen. Mutter Cosima hat das Glück ihrer Kinder der Raison des Festspielbetriebs geopfert. Dennoch drohte nach Cosimas Tod 1930, ihr Sohn Siegfried starb nur wenige Wochen später, der Bankrott der Festspiele. Die Stunde der Siegfried-Witwe Winifred hatte geschlagen. Sie rettete Bayreuth mithilfe von Adolf Hitler. Aber das ist ein anderes, ein neues Kapitel in der Geschichte der Wagnerdynastie. Zu ihm hat die Historikerin Brigitte Hamann in ihrem Buch „Winifred Wagner – Hitlers Bayreuth“, das vor sieben Jahren erschien, alles gesagt. Oliver Hilmes hätte dieses Kapitel nicht auch noch noch einmal aufschlagen müssen. Und dass er sein Buch mit einem die aktuelle Bayreuther Situation reflektierenden Epilog schließt, ist ebenso überflüssig. Doch was er über die Dynastie im Zeitraum von Wagners bis zu Cosimas Tod bienenfleißig aufgearbeitet hat, ist eine hochinteressante, unterhaltsame, aber auch tragische Kindergeschichte, die – wie er zurecht schreibt - mal „ganz große Oper, manchmal aber auch nur eine beschwingte Operette, ein deftiges Boulevardstück, ein tief-trauriges Passionsspiel oder eine absurde Posse“ ist.


Das Wagnersche Oeuvre lebt von starken Frauen wie Brünnhilde. Aber auch in der Familie Wagner haben starke Frauen immer wieder die Zügel fest in der Hand gehabt. Eva Rieger setzt sich in ihrem bei Artemis und Winkler erschienenen Buch unter dem Titel: „Leuchtende Liebe, lachender Tod“ mit „Richard Wagners Bild der Frau im Spiegel seiner Musik“ auseinander. Nur leider überstrapaziert die bekennende Alt-Feministin ihre frauenrechtsbewegte Methode der Wagnerbetrachtung, als dass man sie ernst nehmen könnte. Ihre abstrusen Behauptungen gipfeln in der These, Wagner zeige Frauen nur als schwache, unterdrückte, missbrauchte Opfer. Wer das Werk Wagners kennt, weiß es besser. Die Frauen sind bei Wagner meist viel stärker als die Männer. Die sind fast immer schwache, strauchelnde Helden, die von den Frauen erlöst werden wollen.

 

Auch der Fliegende Holländer ist einer jener Männer, die bei Wagner erlöst werden von aufopferungswilligen Frauen. Frank Halbach hat in seinem aus seiner Dissertation hervorgegangenen Buch „Ahasvers Erlösung“, das beim Herbert Utz Verlag erschienen ist, den „Mythos vom Ewigen Juden im Opernlibretto des 19. Jahrhunderts“ untersucht. Auch Eine bemerkenswerte, gründliche und differenzierte Arbeit! Nicht nur wird der Ahasver-Mythos mit seinen Varianten in der Literatur des 19. Jahrhunderts vor und nach Wagner so ausführlich wie nie zuvor dargestellt.  Zwischen Weltschmerz und Camouflage sichtet Halbach die Spuren Ahasvers, er beleuchtet Halevy und Scribe, Felix Weingartner, Heinrich Bulthaupt, Busoni und d´Indy neu.  In einem großen Kapitel hat er sehr präzise analysiert, wie Richard Wagner den Mythos Ahasvers, des ewigen Juden, in seine Werke implantiert hat, nicht nur in den „Fliegenden Holländer“, sondern auch in den „Ring“ und vor allem im den „Parsifal“. Ein äußerst spannendes, lehrreiches Buch, das historische Zusammenhänge verdeutlicht und mit dem Missverständnis aufräumt, Wagner gehe es auf der Bühne um antisemitische Camouflage. Für mich das Wichtigste Wagner-Buch des Jahres.

 Wagners Parsifal ist wahrscheinlich die die stärkste Droge, die Wagner seinem Publikum verabreichte. Kein Wunder, dass die Auseinandersetzungen mit diesem weihevoll-rituellen „Weltabschiedswerk“ bis heute so kontrovers sind. Stephan Mösch hat in seinem bei Bärenreiter und Metzler erschienenen Buch „Wagners Parsifal in Bayreuth 1882-1933. Weihe, Werkstatt und Wirklichkeit“ dieses „Bühnenweihfestspiel“ so umfassend und unter allen Aspekten analysiert wie keiner vor ihm. Er hat eine entstehungs-, werk-, kultur- und ideengeschichtliche Studie vorgelegt, die so imposant wie anspruchsvoll ist. Mitunter steht allerdings das Prunken mit wissenschaftlich-theoretischem Fachjargon der Vermittlung und dem Verständnis im Wege. Und nicht alle Erkenntnisse Möschs sind wirklich neu. Dennoch: Für alle, die sich genauer mit dem "Parsifal" beschäftigen wollen, dürfte diese respektgebietende Fleißarbeit, die viele Bayreuther Quellen und Dokumente zum ersten Mal auswertet oder zumindest zitiert, das Nonplusultra sein.   

 

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