So sah die Welt Beethoven

Dieter David Scholz



Literarischer Lichtblick im verhagelten Beethovenjahr

Martin Geck als souveräner "Dolmetscher" verschiedenster Beethovenbilder

 

„Beethoven ist ein Mythos“ so lapidar lautet der erste Satz der hervorragenden Rowohlt-Monographie Martin Gecks, die1996 zum ersten Mal erschien und immer wieder neu aufgelegt wurde. Der renommierte Musikwissenschaftler, der 2019 verstarb, war nicht nur einer der Großen der Wagner-, sondern auch der Beethovenforschung. Zu beiden Komponisten hat er viel geschrieben. Seine Bücher gehören zum Besten in Sachen Wagner wie Beethoven. Was Geck auszeichnet, dass er nie ausgetretene Pfade beschritt. Auch für seine neuste Publikation, die nun postum zum Abschluss des (von Corona verhagelten) Beethovenjahrs erschien, gilt dies. Zur Erinnerung: Martin Geck veröffentlichte zuletzt „“Die Sinfonien Beethovens“ (2017), „Beethoven-Bilder“ (2019) und „Beethoven hören“ (2020) sowie „Der Schöpfer und sein Universum“ (2020). Seine neuste Beethovenpublikation bietet nicht mehr, aber auch nicht weniger als „Momentaufnahmen aus zweieinhalb Jahrhunderten, eine Rezeptionsgeschichte in 78 kurzen Feuilletons“, wie Holger Noltze im Vorwort des schmalen, nur 176 Seiten umfassenden Buches schreibt.


Viele Bücher sind im Gedenkjahr des 250. Geburtstages des Komponisten erschienen (zu schweigen von CD-Veröffentlichungen), Gecks Buch zieht gewissermaßen eine Summe seiner Erkenntnisse über jenes komponierende Phänomen, dessen Musik er nie müde wurde zu hören. Aber Geck lässt andere für sich sprechen. Diese Vielfalt der Beethoven- Charakterisierungen ist es, die vielleicht das Wesentliche erschließt.  Jede dieser subjektiven Äußerungen, die zusammen genommen den Mythos Beethoven umreißen, kommentiert Geck mit souveräner Sachkenntnis, wissenschaftlich profund, nicht selten mit Witz, Ironie und Humor. Was für Gecks Schreiben über Musik und Musiker gilt zeigt sich in ihnen: „immer auf eine Balance der analytischen Befunde und der biographischen oder emotionalen oder psychologischen ‚Betroffenheit‘ um das schwer korrumpierte Wort hier einmal zu sagen“ bemüht. Holger Noltze hat völlig Recht.

Geck stand der Musikwissenschaft immer skeptisch gegenüber, hat all jenen stets misstraut, die sich im Besitz der Wahrheit fühlten, hat sich positiv von den meisten seiner Kollegen abgehoben. Deshalb versucht er in seinen Büchern auch gar nicht erst, das „Genie“ oder den „Titan“ verständlich zu machen, er vertraut eher dem Werk: „Beethoven beschränkt sich nicht darauf, innerhalb seines eigenen Systems immer Freiräume aufzutun und somit dieses System beständig an seine Grenzen zu führen: vielmehr vermag er das Moment subjektiver Freiheit seinem eigenen System beständig entgegenzusetzen.“ Das schreibt Geck ausgerechnet als Kommentar auf Adornos Beethoven-Fragment.  Einer von vielen Kommentaren Gecks. Die Liste der Beethoven-Bewunderer wie -Kritiker ist lang, die er für sein Buch ausgewählt hat, es sind vergessene, aber auch prominente Namen. Goethe, Clara Wieck, Schumann, Berlioz, Heine, Nietzsche, Tolstoi, Debussy, Richard Wagner, Furtwängler, Glenn Gould, Marcel Proust, Hanns Eisler, Friedrich Nietzsche, Stalin, Becket, Thomas Mann… Ein Panorama begeisterter, ja hymnischer, aber auch verächtlicher, überraschender und skurriler Beethoven-Deutungen.


So urteilte beispielsweise der Berliner Kritiker Ernst Woldemar (Pseudonym für Heinrich Herrmann), Zeitgenosse von Carl Maria von Weber: „Allein ob sich ein Mann von ebenso reicher wie exzentrischer Einbildungskraft wie Beethoven, dermaßen in düstere, leere, trockene, plan- und geschmacklose Spekulationen - mit der schönsten der Künste – mit der Musik, verliert, dass man nicht bloß das Ruder des allgemeinen gesunden Menschensinnes, sondern selbst das seines eigenen früheren Verstandes darin vermisst.“  

Der Gelehrte und Freigeist Wolfgang Robert Griepenkerl schrieb 1838 in seiner Novelle „Das Musikfest oder die Beethovener“ vom „ersten Feldgeschrei jenes Ereignisses“, der Juli-Revolution, und bescheinigte Beethovens Sinfonien ein „Stück Völkerwanderung, ein Stück Kreuzzüge, ein Stück Reformation, ein tüchtig Quantum französische Revolution mit einem ganzen Napoleon, vor allem aber einem Teufel“.

Noch der Musiktheoretiker August Halm schrieb in seinem Buch „Von zwei Kulturen der Musik“ (1920) über Beethoven: Wir „finden in seiner Sprache viel Schädliches“. 

Alfred Rosenberg, Chefideologe der Nationalsozialisten, verkündete in seinem Buch „Blut und Ehre“ (Reden und Aufsätze 191.-1939) „Wir leben heute in der Eroica des deutschen Volkes“, und orakelte „dass der Deutsche Beethoven über alle Völker des Abendlands hinausragt und den besten unter ihnen als ein Zentrum echter Schöpferkraft gilt.“

Lange nach der dümmlichen wie anmaßenden Beethovenvereinnahmung der Nationalsozialisten, im Jahre 2006, holte der psychoanalytisch geschulte, slowenische Philosoph Slavoj Žižek noch einmal zu einem Tiefschlag aus und bescheinigte Beethoven in seinem Buch „Paralaxe“ ein „lächerliches Getue“, ein „hysterisches Herumfuchteln, das durchblicken lässt, dass hier ein Hochstapler am Werk ist.“


Der Dirigent und Musikwissenschaftler Peter Gülke beschließt mit seinen Anmerkungen zu Beethoven das Buch. Nach eingehender musikalischer Analyse schreibt er über das Ende der siebten Sinfonie ,,da würden „wie nach einem Bombeneinschlag zerstreute Trümmer zusammengesucht“.  Der Kommentar Martin Gecks dazu: „Er ist beim Schreiben über Musik nicht nur seinem Gegenstand in Klang und Partitur nahe, sondern auch seinem eigenen Erlebnis“.  Das ist der wohl persönlichste Kommentar Gecks und so etwas wie ein Selbstbekenntnis.


Man denkt an Gecks großartiges Wagnerbuch von 2010, in dem man liest „Diskurse sind Sprachspiele zu bestimmten Themen – interessegeleitet, unabgeschlossen. Und das Wort ‚Sprachspiel‘ besagt: Es hat keinen Sinn, zwischen Wahrheit oder Lüge, Recht oder Unrecht, Richtig oder Falsch unterscheiden zu wollen.“ Ebenso wenig wie Wagner will Geck Beethoven „auf die Schliche kommen“, in beiden Fällen versteht er sich „nur“ als „Dolmetscher“. Ach, gäbe es doch mehr solcher Dolmetscher!


Rezension auch in "Operalounge"