Chéreaus Cosi in Aix

Dieter David Scholz



Photo: Festival d´Aix-en-Provence

Festival d´Aix-en-Provence 2005

"Cosi fan tutte" als Schule der Klarheit der Beziehungen, nicht des Zynismus

Eine Jahrhundert-Aufführung von Patrice Chéreau

 

Mozarts „Cosi fan tutte“ eröffnete 1948 das renommierte Festival d´Aix- en-Provence. Die vierte Inszenierung des Stücks stand in diesem Jahr im Zentrum der hochgespannten Erwartungen des aus aller Welt angereisten Publikums. Was Wunder: Kein Geringerer als Patrice Ché­reau wurde als Regisseur gewonnen. Daniel Harding, GMD des Mahler Chamber Orchestra und so etwas wie der Musikchef des Festivals, stand am Pult. Eine Jahrhundertinszenierung ist es geworden, und eine Hommage an seinen wichtigsten Lehrer, Giorgio Streh­ler, denn Richard Peduzzi hat auf die große Bühne des offenen Théâtre de l´Archeveché, des Hoftheaters des Erzbischöflichen Paastes, die weißgekalkte, nackte Hinterbühne eines italienischen Theaters gebaut. Das Mailäder Piccolo Teatro - die Hauptwirkungsstätte Strehlers - lässt grüßen? "Vietato fumare" steht an der kahlen Rückwand in großen Lettern, „Rauchen verboten“. An der Seite, fast unscheinbar, ein kleiner Feuerlöscher.


Man wartet in Aix mit einem überzeugenden Sängerensemble auf. Barbara Bonney, früher Su-sanna, ist jetzt eine zynische Zofe. Stéphane Degout glaubt man als Guglielmo mehr denn Shawn Mathey als Ferrando. Erin Wall als Fiordiligi singt zwar nie gehörte Koloraturen, hat aber Probleme mit der Höhe. Alles überstrahlend die edle Mezzosopranistin Elina Garanca als Dora-bella. Ruggero Raimondi, noch in den Siebzigerjahren einer der erotischsten Don Giovanni-Inter-preten und ein Charakterdarsteller von Gottes Gnaden, spielt den Verführer Don Alfonso als abgehalfterten, ausgebrannten Don Juan. Stimmlich leider nur noch ein Schatten seiner selbst, aber als singender Schauspieler eines alten Theaterdirektors dieser Schule der Liebenden superb.

Daniel Harding dirigiert einen romantisch inspirierten, aber in jedem Takt intelligenten und sin-nigen, transparenten und subtilen Mozart. Jeder musikalische Gestus bekommt seinen Sinn. Die Korrespondenz zwischen Orchester und Bühne ist vollkommen. Chéreau inszeniert das Stück aus dem Geist von Mariveau. Er versteht und zeigt in handwerklich bestechender Präzision jen-seits aller Opernroutine Mozarts Buffa nicht als Schule des Zynismus, sondern der Klarheit, der Klarheit nämlich der Empfindungen des gleichzeitigen Begehrens verschiedener Liebesobjekte. Eine verstörend-moderne psychologische Deutung des Stücks, die einmal wieder Mozarts Modernität zeigt, und ein Kabinettstück feinster Personenführung, an das man sich noch lange erinnern wird!  Über die Zusammenarbeit mit Patric Chéreau ist Eva-Wagner-Pasquier des Lobes voll: "Es ist ein Traum, mit ihm zusammenzuarbeiten. Es gab überhaupt keine Probleme. Wenn man doch mit allen so arbeiten könnte. Ich kenne ihn ja noch vom Bayreuther Ring, den wir 1985/1986 zusammen erarbeiteten. Wir haben eine gute Vertrauensbasis. Es ist phantastisch zu sehen, wie jemand für alles da ist, die Vorbereitung, die Produktion, die Konzeption. Chéreau ist einer, der sich um alles kümmert, die Arbeit mit ihm ist hervorragend gelaufen."


Fast 30 Jahre nach seiner Bayreuther Ring-Produktion und zehn Jahre nach seinem Salzburger Don Giovanni ist Chéreau in diesem Jahr der Star von Aix geworden. Er hat eine Cosi hingelegt, die auf alles Buffoneske verzichtet, auch auf jeden übertriebenen Klamauk und alle Auffüh-rungsklischees. Er zeigt ein existenzielles Experiment, ein erotisches Spiel, bei dem sechs Personen verlieren. Deshalb umarmen sie sich am Ende denn auch alle in einer berührenden Finalgeste. Sie sind ununterscheidbar als Verlierer. Eine wunderbar humane Deutung, die mit den Auftritten aus dem Zuschauerraum eine Brücke des Publikums zum Bühnengeschehen schafft. Chéreau hat Mozarts Cosi ernster als viele seiner Kollegen genommen und demonstriert, dass man, um die Aktualität des Stücks zu zeigen, weder Kreuzschiff, Yuppie-Loft noch Hippie-Hochzeit auf die Bühne bringen muss. Er hat das Stück mit unzähligen psychologischen Nuan-cen inszeniert, er zeigt Nahaufnahmen, die bestechen, er hat Tänze choreographiert. Man erin-nert sich an sein Rheingold, wenn sich beim Sextett des ersten Aktes alle an die Hand nehmen und taumelnd, in Wellenlinien übe die Bühne gleiten, wie die Götter beim Aufstiegsmarsch nach Walhall, der eigentlich ein Abstieg ist. 


Eva Wagner verantwortet die Sängerbesetzungen in Aix und leitet die Académie Européenne de music, in der der sängerische Nachwuchs nicht nur, aber vor allem für Aix herangezogen wird. Stephane Degout beispielsweise, der Sänger des Guglielmo ist einer ihrer Zöglinge, auch Kresi-mir Spicer, der diesjährige Sänger des „Titus“, in einer kaum nennenswerten – um nicht zu sagen harmlos-dilettantischen Neuproduktion von Lukas Hemleb. Eine ärgerliche Produktion. Eva Wagner: "Die Idee, die wir verfolge, ist wirklich eine europäische Akademie der Musik, wir versuchen Sänger, Musiker in ganz Europa aufzuspüren, ich reise sehr viel, wir wollen sie ausbauen, fördern und beobachten sie über Jahr, um sie immer wieder bei uns einzusetzen."  

Das Festival in Aix-en-Provence, das 37 Opernaufführungen, 24 Konzerte, 53 Rezitals und 12 Konferenzen und Diskussionen veranstaltet, verfügt über einen Etat von ca. 19 Millionen Euro, darf mit großzügigen Sponsorengeldern rechnen, spielt aber auch viel über eigene Produktionen ein, die man nicht nur Europa-, sondern weltweit auch auf Gastspieltourneen zeigt. Das Festival weist 92 % Platzausnutzung auf. Man bespielt neben dem Open Air Theater noch das alte schöne Theater Jeu de paume, in dem dieses Jahr noch einmal die gefeierte Luc Bondy-Inszenierung von Brittens „Turn of the Screw“ gezeigt wird. Mit der fabelhaften Mireille Delunsch als harter Governess und der nicht minder fabelhaften Marie McLaughlin als Miss Jessel. Die Effektivität dieses bedeutendsten Festivals nicht nur Südfrankreichs beruht nicht zuletzt auf dem Erfolg Stéphane Lissners, der allerdings das ambivalente Zauberwort Koproduktion einführte. Er ist Intendant des Festivals, seit kurzem auch Intendant der krisengeschüttelten Mailänder Scala. Besonders stolz ist Lissner darauf, 2007 zum ersten Mal mit der Metropolitain Opera zu koope-rieren, mit einer Neuproduktion von Janaceks „Totenhaus“, wieder in der Regie von Patrice Chéreau und mit Pierre Boulez am Pult. Auch mit den Wiener Festwochen, mit Warschau und Strassburg wird man zusammenarbeiten. Die dies-jährige Cosi übrigens wird man noch in der Pariser Opéra und bei den Wiener Festwochen sowie in Baden-Baden zeigen. Einen der gewich-tigsten Kraftakte und Höhepunkte des Festivals in der Stadt Cézannes am Fuße des von ihm so gern gemalten Montagne St. Victoire hat Stephane Lissner auf der diesjährigen Pressekonferenz schon für die nächsten vier Jahre Wagner „Ring des Nibelungen“, mit den Berliner Philharmo-nikern unter Sir Simon Rattle abgekündigt, in der Regie von Stéphane Braunschweig. Ein Ring der Superlative, der in vier Teilen jeweils nach Aix auch bei den Salzburger Osterfestspielen gezeigt werden wird. Eigens dafür baut die Stadt Aix ein neues Theatergebäude.  Eine Konkur-renz zu Bayreuth. Für Eva Wagner, die enge Mitarbeiterin Lissners, seine Casting-Chefin in Aix und ehemalige Assistentin des Bayreuther Festspielchefs Wolfgang Wagners, der sie als Tochter verstieß und als seine Nachfolgerin austrickste, so etwas wie eine persönliche Genugtuung: "Natürlich freue ich mich... (lacht)  ... wir arbeiten ja seit 2000 an diesem Projekt... persönlich freue ich mich sehr, klar!"


Mit dem kommenden Ring und mit der Chéreau-Sternstunde der neuen "Cosi" befindet sich das Festival d´Aix gegenwärtig im steilen Höhenflug. Bleibt abzuwarten, wie es mit diesem Auf-wärtstrend in Aix weitergeht, wenn Intendant Stéphane Lissner erst in Mailand Fuß gefasst haben und von den italienischen Verhältnissen in Anspruch genommen sein wird.


MDR, NDR 2005