Thielemanns Ring auf CD

Dieter David Scholz



 

Einer der langatmigsten, musikalisch fragwürdigsten und aufnahmetechnisch schlechtesten "Ringe"

Christian Thielemanns Bayreuther „Ring“ auf CDs


Nov. 2009, Gesamtlänge: 14 Std. 56 Min., Opus Arte, 14 CDs


Zum ersten Mal seit Daniel Barenboims „Ring“ in den Neunzigerjahren, haben die Bayreuther Festspiele wieder einen eigenen „Ring“ auf CD herausgebracht. Es ist die szen­isch wenig positiv aufgenommene Tancred-Dorst-Inszenierung, die musikalisch umso heftiger bejubelt wurde, da Christian Thielemann, einer der auratischsten Wagnerdirigenten – weil Projektionsfläche für vielerlei Bedürfnisse - am Pult stand. Im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann hat die Wagner-Urenkelin Katharina Wagner, Intendantin der Bayreuther Festspiele, diese gewichtige, 14 CD um­fassende Neuproduktion  der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Box ist inzwischen im Handel.


Mit einem aus der Urtiefe aufsteigenden Es-Dur-Dreiklang beginnt Wagners „Ring des Nibelungen“, die parabelhafte Tetralogie von der Welt Anfang und Ende im Dekor altgermanischer Mythen und Legenden, und mit der Psychologie und Dramaturgie des 19. Jahrhunderts. Bis heute hat Wagners „Ring“ nichts von seiner Aktualität, Modernität und Brisanz einge­büßt. Allerdings stellt seine Realisierung – auch in Bayreuth - enorme Anforderungen an Orchester, Dirigenten und Sänger. Zu schweigen von Regie und Bühnenbild. Die jüngste Bay-reuther Produktion aus dem Jahre 2006 mit Christian Thielemann am Pult hat Tancred Dorst inszeniert. Er hat wenig Beifall dafür geern-tet. Umso mehr Christian Thielemann, der für viele Wagnerianer der Wagnerdirigent schlechthin ist. Weshalb man sich in Bayreuth entschloss, diesen Ring nur auf CD herauszubringen, nicht auch auf DVD.

 

Um es gleich zu sagen: Christian Thielemanns „Ring“ ist einer der langatmigsten. Auf 14 CDs benötigt er 14 Stunden und 56 Minuten. Also fast 15 Stunden. Zur Erinnerung, den schnellsten in Bayreuth dirigierte Karl Böhm 1966 mit 13 Stunden, 34 Minuten. Natürlich ist Tempo von vielerlei Faktoren abhängig und nicht Alles. Doch eine Differenz der Aufführungsdauern von anderthalb Stunden ist schon beträchtlich, sie betrifft vor allem die mittleren und langsamen Tempi. Man bedenke: Wagner fand die Uraufführung mit Hans Richter am Pult schon zu langsam, und der war immerhin eine halbe Stunde schneller als Thielemann. Natürlich steht und fällt jeder Ring mit den Sängern.  

Linda Watson als Brünnhilde und Albert Dohmen als Wotan schlagen sich redlich durch die Partitur, doch hat man schon weit bessere Interpreten gehört. Vor allem Linda Watson ist eine hörbar überalterte „Wunschmaid“. Zudem ist ihre Stimme, wie die aller Sänger, zu sehr vom Orchester überdeckt. Und der Orchesterklang ist oft mulmig, verwaschen und wenig brilliant.


Katharina Wagner, die mit diesem Thielemann-Ring den Auftakt einer langfristigen Zusam-menarbeit mit dem britischen Label Opus Arte vorlegt, betonte auf ihrer Präsentation in Berlin die Eigenständigkeit dieser Live-Aufnahme aus dem Bayreuther Festspielhaus. Man hat im vergangenen Jahr den zweiten und dritten Zyklus des Rings aufgenommen:


"Wir haben selber mikrophoniert, wir haben teilweise die Mikrophonierung vom Bayerischen Rundfunk ausgeliehen. Aber ich kann sie beruhigen, es ist kein Radiomitschnitt." (Katherina Wagner)


Nun, so schlecht war der Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks gar nicht. Im Gegenteil, er war weit besser! Immerhin hat der BR seit 1951 Erfahrung mit der Übertragungs- und Aufzeichnungstechnik im Bayreuther Festspielhaus. Und man erinnert sich, dass die Rund-funkübertragung dieses "Rings" wesentlich klarer und präsenter klang als die nun vorgelegte CD-Produktion. (Aufnahmetechnisch ist der nun auf CD vorgelegte "Ring" gelinde gesagt eine Katastrophe, er klingt, als hätten die Mikrofone hinter einem Vorhang gehangen. Peinlich, dass keiner der Verantwortlichen Einspruch gegen die Veröffentlichung erhob.


Stephen Gould gehört als Siegfried noch zu den guten Sängern dieses Rings, er ist zwar kein Heldentenor, aber zumindest die lyrischen Passagen gelingen ihm einigermaßen. Eine der eindrucksvollsten Stimmen dieser Aufnahme ist neben Kwangchul Youn als Hunding und Christa Meyer als Erda, die von Hans-Peter König als Hagen. Der eklatanteste sängerische Ausfall dieses Rings ist Endrik Wottrich. Dass dieser Tenor – mit einer (wie viele Wagnerenthusiasten seit Langem beklagen) der hässlichsten Stimmen landauf – landab, in Bayreuth als Siegmund (den sonst die besten Tenöre zu singen pflegen) verpflichtet werden konnte, kann nicht künstlerische Gründe haben. 


Wenn man bedenkt, dass Wagner auf seinem Theater so etwas wie „deutscher Belcanto“ vorschwebte, und wenn man weiß, wie energisch er gegen jede Art von Schreigesang wetterte – die kleinen Noten und die Wortverständlichkeit waren ihm das Wichtigste – ist dieser "Ring" betrüblich. Doch sein Dirigent liebt bekanntlich laute Stimmen und laute Stellen. Er kann zwar auch leise Übergänge modellieren, aber immer wieder lässt er sich hinreißen zu Fortissimo-Orgien, die jedes Gespür für sensible Klangdramaturgie vermissen lassen.  

Es ist allgemein bekannt, dass die besondere Akustik von Bayreuth eigentlich nur im "Parsifal" wirklich funktioniert. Beim "Ring", der von viel dichteren Strukturen lebt, als der "Parsifal", ist die Bayreuther Akustik tückisch, da sie die Kontrapunktik dieses Werks ver-wischt. Da muss ein Dirigent schon sehr bewusst dagegen arbeiten, um einen transparenten Klang zu erreichen. Das aber ist Thielemanns Sache nicht: Er will überrumpeln und berauschen.


Die Besonderheit des "unsichtbaren" Orchesters, in welchem durch die tiefe Aufstellung der Musiker unter der Bühne der direkte Kontakt der Musiker zur Bühne unmöglich ist, hat eine allgemeine Tendenz zu langsamen Tempi in Bayreuth zur Folge. Wieland Wagner beklagte nicht ohne Grund das weit verbreitete "Schleppen“ in Bayreuth. Aber schon Cosima notierte in ihrem Tagebuch, Richard habe ausgerufen: "Nicht einen Menschen hinterlasse ich, welcher mein Tempo kennt." In Bezug aufs "Rheingold" wurde er gegenüber einem seiner Dirigenten noch deutlicher: "Wenn Ihr nicht alle so langweilige Kerle wärt, müsste das Rheingold in zwei Stunden fertig sein." Thielemann benötigt 2 Stunden 21 Minuten.


Wagner war der Meinung: "Stimmung ist gar nichts. Die Hauptsache ist und bleibt Kenntnis." Doch in Thielemanns „Ring“ herrscht Stim-mung vor. Vergleicht man sein Dirigat mit den anderen Bayreuther Ring-Mitschnitten (darunter ein rundes Dutzend hervorragender Dirigate mit größtenteil exquisiter Besetzung)), wird man ihn nicht zu den Besten zählen können, wenn man ehrlich ist. Zwar spielt das Bayreuther Orchester klangprächtig und technisch einwandfrei, doch Thie-lemanns Lesart ist pompös, spannungslos und pathetisch. Von Partituranalyse keine Spur. Statt Durchleuchten setzt er aufs Benebeln, statt Transparenz bevorzugt er massive Klangballungen, statt Dramatik epische Breite.


Wer von Wagners lebenslanger Abneigung gegen alle Art von Blech-, Marsch- und Militärmusik weiß ahnt, dass Wagner, wenn er denn Blech und Marschmusik einsetzt, einen Hintersinn verfolgt. Wagners Walhallamarsch am Ende des Rheingolds beispielsweise kann man nur als Karikatur musikalischer Machtverklärung verstehen. „Dem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen“, singt Loge vor dem marschmusikbegleiteten Einzug der Götter in Walhall. Und Wagner setzt dem scharfen, penetranten Blechbläsermotiv des Mar-sches eine sehnsüchtige Holzbläsermelodie entgegen, die von Anderem als Einzugspomp kündet. Ein Fall von ironischer Brechung in der kapitalismuskritischen Parabel vom Aufstieg und Untergang einer Herrscherdynastie. Nichts davon hört man bei Thielemann. Er läßt den Walhallamarsch wie unangefochten pompöse Staatsmusik zelebrieren. Aber so ist die Musik bei Wagner nicht gemeint!  


Beiträge in: WDR, MDR, SWR, Rondo...