Richard Strauss. Der Patriarch

Dieter David Scholz



 

Differenziertes filmisches Richard Strauss-Porträt


„Der Patriarch. Richard Strauss und die Seinen“
Buch und Dokumentarfilm (DVD) ARTHAUS MUSIC. 2014


 

Aller guten Dinge sind drei und deshalb hat das Label Arthaus Musik nach der RICHARD STRAUSS COLLECTION und dem Dokumentarfilm RICHARD STRAUSS AND HIS HEROINES als letzten Teil der Trilogie ein Buch inklusive einer auf DVD beigefügten Film-dokumentation über  bislang unbekannte, sehr private Seiten des großen Komponisten, Dirigenten und Weltbürgers aus Garmisch herausgebracht.

 

Zu den Klängen des Tanzes der sieben Schleier aus Richard Straussens Welterfolg „Salome“ fährt die Kamera auf die Garmischer Villa des Komponisten zu, die noch heute so dasteht und einge-richtet ist, als würde der Komponist gestern verreist sein. Er war der zu seiner Zeit erfolgreichste Komponist Deutschlands.  Seine Erben verwalten bis heute seine Hinterlassenschaft: Sein Werk und sein stattliches Landhaus. Sie haben nichts darin verändert.  Selbst die noch von Richard Straussens Ehefrau Alice beschrifteten Stapel gebügelter Wäsche liegen an ihrem Platz. Die Ehe-frau des älteren Enkels des Komponisten, seit 1991 die Leiterin des Strauss-Archivs, Gabriele Strauss-Hotter:

 

„ Es ist immer noch alles original so, wie er´s damals 49 verlassen hat. So ist es in einen Dornrös-chenschlaf  versunken und .. genau so ist es noch heute, wies damals war. Der Kalender ist stehen geblieben an seinem Sterbetag. Wir versuchen eben das zu behüten und zu bewahren.“

 

Gabriele Straus, die gemeinsam mit Barbara Wunderlich, der Tochter des berühm­ten Tenors, das Buch herausgab,hat für die auf DVD beigefügte Film-Dokumentation unter anderem Brigitte Fass­baender in die Villa eingeladen, die wohl berühmteste Interpretin des Rosenkavaliers. Sie zitiert aus einem Brief Straussens, in dem er süffisant kommentiert, was Wilhelms der Zweite an den Intendanten der Berliner Hofoper geschrieben hat:

 

„Es tut mir  sehr leid, dass Strauss diese Salome komponiert hat. Ich habe ihn sonst sehr gern. Aber er wird sich damit furchtbar schaden. Von diesem Schaden konnte ich mir diese Garmischer Villa bauen“

 

In diesem Gebäude hat die Regisseurin Marieke Schröder einen anrührenden Film gedreht. An-hand intimer Kamerafahrten durch die Garmischer Villa des Komponisten, ergänzt der Film visu-alisierend mit Befragungen der Erben des Komponisten, was in dem reich bebilderten und mit vielen persönlichen Dokumenten versehenen, keineswegs unkritisch geschriebenen Buch zu er-fahren ist: Dass Strauss ein Unternehmer mit ausgeprägtem Geschäftssinn war, ein leidenschaft-licher Skatspieler und ein bayerischer Kosmopolit, dessen Lieblingsstadt Paris war, der literari­sche Leiden­schaften für Gothe, Schopenhauer, Nietzsche und Homer pflegte. Letzte teilte er übrigens mit Richard Wagner, seinem größten Idol. Christian Strauss:

 

„Er hat gesagt, ein Mensch, der die Odyssee und die Ilias nicht in Originalsprache lesen kann, ist kein Mensch. … Er war Teil unseres Lebens, dadurch, dass er das Haus dominiert hat. Er hat auch meinen Vater und meine Mutter dominiert… was der Großpapa gesagt hat, das hatte zu geschehen.“

 

Richard Strauss war ein Patriarch, aber ein faszinierender. Die wichtigsten Facetten seines schil-lernden Lebens, seiner Persönlichkeit und seines Werks werden in Buch und DVD subtil, sachlich und an­schau­lich zur Sprache gebracht. Ein Buch über den Wandel des Strauss-Bildes, das nicht zuletzt der Öffnung des Strauss-Familienarchivs zu verdanken ist.  Jürgen May, wissenschaft-licher Mitarbeiter dieses Archivs erläutert…

 

„ … wie weitgehend Strauss eigentlich schon in jungen Jahren  im Kulturbetrieb seiner Zeit vernetzt war mit Komponisten, mit Dirigenten, aber auch mit Dichtern, Schriftstelleren, die er auch vertont hat.“  

Direkt daran

 

In einem eindrucksvollen Opernausschnitt sieht und hört man in dem Film zwei der bedeutend-sten Strauss-Sängerinnen, Lucia Pop und Brigitte Fassbaender im „Rosenkavalier“. Viele andere Strauss-Sängerinnen werden in dem Buch vorgestellt. Aber man erfährt auch viel über das Pri-vatleben des Star­komponisten, das nicht immer problemlos war. Seine Ehe mit der Sängerin Pauline de Ahna war geradezu eine Achterbahnfahrt : Garbiele Strauss plaudert aus, was sie von ihren Schwiegereltern er­fahren hat.

 

„Ja, wenn also  wenn die größten Krachs waren und die Türen geknallt haben, hat er die schönsten Lieder komponiert danach.“

 

Strauss konnte sich wie kein zweiter Komponist – außer vielleicht Puccini und Janáček - in die weibliche Seele hi­nein­versetzen. In einem sehr einfühlsamen Kapitel beschreibt Thomas Voigt den Patriarchen denn auch als konkurrenzlosen „Frauenversteher“. Aber auch das Thema Strauss und die Politik wird weder im Buch noch im Film ausgespart. Der Musikwissenschaftler und Strauss-Spezialist  Laurenzt Lütteken :

 

„ Es ist sicher so, dass Strauss die Weimarer Republik verachtet hat … und Strauss hohe Hoff­nung gesetzt hatte in die erste Phase der Nationalsozialisten. Er war natürlich… vom Ideo­logischen her überhaupt kein Parteigänger der Nationalsozialisten. Dann hat er sich,  glaub ich, erhofft davon  eine Stabilisierung und völlig unrealistisch eingeschätzt die Wirklichkeit der Diktatur…. Er fühl­te sich als Repräsentant des deutschen Musiklebens…und ist dann zum Präsidenten der Reichsmu­sikkammer ernannt worden…ist dann sehr schnell in Konflikt geraten…auf allen Ebenen.“

 

Spätestens als Strauss sich mit seinem jüdischen Librettisten Stefan Zweig solidarisierte, wurde er selbst zur unerwünschten Person und aus dem Amt entfernt. In einer Tagebuchnotiz von Richard Strauss heisst es:  

 

„Es ist eine traurige Zeit, in der ein Künstler meines Ranges ein Bübchen von Minister um Erlaubnis fragen muss, was er komponieren und aufführen darf.“

 

Man findet in dem Buch erschütternde Dokumente darüber, wie Strauss von Goebbels gedemütigt wurde. Auch sind Ausschnitte aus äußerst kritischen Briefen des Komponisten an das Regime zu lesen. Eine der wichtigsten Aussagen des Films:

 

„Strauss´ Strategie gleicht der vieler Menschen in Nazi-Deutschland. Er funktioniert. Er zieht sich in seine Welt zurück. … Für ihn steht die Musik über allem.“

 

Im Krieg erkrankte Strauss ernsthaft.  Die Kunstbarbarei des Dritten Reichs hatte ihn gebrochen.  Am 8. September 1949 stirbt Richard Straus in sein­er geliebten Garmischer Villa. Die Trauerfeier findet im Münchner Ostfriedhof statt. Pauline ist da­nach fast nur noch bettlägerig. Auch ihr Lebenswille ist gebrochen, Sie stirbt im folgenden Mai, zurück bleibt das Haus am Fuße des Berges Wank, so wie er es geplant, wie er es gebaut  und wie er es bewohnt hat.  

 

Das Buch und die auf DVD beigefügte Filmdokumentation ziehen die Summe dessen, was in diesem Richard Strauss-Jahr aufgearbeitet wurde. Strauss wird differenzierter denn je wahrgenommen.  Ein schöner Abschluß des Strauss-Jahres.


 

MDR Figaro 09.12.2014