Rameau Platée

Dieter David Scholz



Sternstunde des Musiktheaters

Am 28. April 1999 hatte eine der am meisten umjubelten Barockopern-produktionen der letzten Jahre in Paris Premiere: Jean-Philippe Rameaus "Ballett-buffon" in drei Akten, "Platée", in der musikalischen Einstudierung von Marc Minkowski, inszeniert von Laurent Pelly. Die letzte Oper Rameaus wurde in dieser Produktion am Pariser Palais Gar-nier frenetisch gefeiert. 2002 wurde eine Aufführung mitgeschnitten, jetzt ist sie bei TDK als DVD erschienen.  

J.P. Rameau: Platée.
ML: Marc Minkowski, I: Laurent Pelly, CH: Laura Scozzi
Paris, Palais Garnier, 2002
TDK DV-OPPLT

 

  

Das Geräusch von Kutschfahrt und Pferdehufen, der Blick schweift über Versailles, die Wir-kungsstätte von Jean-Philippe Rameau, dann hört man nichts als Frösche quaken, bevor noch das prachtvolle Pariser Opernhaus des Palais Garnier sichtbar wird, in dem dann die eigentliche Aufführung stattfindet. Aber es geht ja auch um eine Sumpfkröte, um die Nymphe Platée, die selbst quakt und deshalb so viele Silben mit "oi" verwendet:. Und auch der sie umgebende Chor des ersten Aktes, er quakt schon fast offenbachisch.


Ein Meisterstück des satirischen Musiktheaters, diese " Platée" von Jean-Philipe Rameau.  Es ist die Geschichte der hässlichen, aber durchaus anmaßend-arroganten Sumpfnymphe, die tatsächlich glaubt, niemand könne ihrer Schönheit widerstehen, und selbst Jupiter hätte sich in sie verliebt, dabei geht sie nur einer so irrwitzigen wie grausamen Intrige, einer Komödie auf den Leim, die Thespis, der Erfinder der Komödie und der Satyr Momus ausgeheckt haben, um Juno, die Gattin Jupiters von ihrer Eifersucht zu heilen.


Rameau hat das Ballett-bouffon zur Hochzeit des Dauphins Ludwig mit der nun wirklich unschö-nen Maria Theresia von Spanien 1745 geschrieben. Das Stück wurde (verständlicherweise) als unpassend für den Anlass empfunden und fiel durch. Heute wissen wir es als eines der Meister-werke der Opernliteratur zu würdigen, auch wenn es schwer zu realisieren ist. Nur Ausnahme-produktionen können dem Werk zu seinem Recht und zum Publikums-Erfolg verhelfen. Eine solche Ausnahme-Aufführung war ohne Frage die Pariser Produktion von Mark Minkowski in der Inszenierung von Laurent Pelly. Sie haben die buffoneske Komödie als bitterböse Außenseiter-Satire auf die Bühne gebracht, als Theater-Gaudi und turbulenten Spaß. Die Geburt der Komödie, die der Librettist Rameaus, Adrien-Joseph Le Valois D´Orville – frei nach Pausanias - meinte, sie wird im Palais Ganier bei Pelly und seiner Ausstatterin Chantal Thomas zum Theater auf dem Theater, das freilich, mit jedem Akt mehr zerfällt und immer sumpfigerem Chaos Platz macht. Das Zuhause eben der Sumpf-Nymphe, die schon in der Uraufführung von einem Mann gesungen wurde. Auch bei Minkowski wird sie von einem Tenor en travestie gegeben. Ein Paradestück für den vielseitigen, Verwandlungskünstler und virtuosen, komisch begabten Sängerdarsteller Paul Agnew, dessen stimmliche wie schauspielerische Gestaltung der Nymphe schlicht konkurrenzlos ist. D.h. einer war genauso fabelhaft in dieser Rolle, lange vor ihm: Michel Sénéchal.


Merkur und Jupiter sind es, die der krötenartig ungestalten Nymphe so übel mitspielen und sie einlullen in eine Komödie, über die sich alle Beteiligten, vor allem das Publikum königlich amü-sieren. Und Rameau hat für diese bauchmuskelerschütternde, wenngleich böse, schwarze Komö-die eine Fülle von Tanzsätzen geschrieben. Die Choreographin Laura Scozzi übersetzt das ba-rocke Tanzpathos in ironische, parodistische, ja in Travestietänze, die kein Auge trocken lassen. Als Grazien treten drei Männer in Unterhosen auf und verknäueln sich immer absurder inein-ander, eindrucksvoll sind auch die großen Froschballette. Nichts Historisches haftet der Produk-tion an, nichts Barockes, und doch ist sie ganz im Geist des verspielten, illusionistischen Barock-theaters. Die Choreographien sind umwerfend vital und komisch, die Truppe ist glänzend, und auch die Kostüme, die Laurent Pelly selbst entwarf, sind an Pracht und Phantasie nicht zu über-treffen. Gegenwart und Theaterwelt, Glanz und Glamour, Zirkus und Barockoper durchdringen sich gleichermaßen. Die Sänger der Aufführung sind die crème de la crème heutiger Barock-Sänger, ob Yann Beuron als Thespis, Vincent Le Texier als Jupiter, Doris Lamprecht als Juno oder die großartige Mireille Deluntsch als La Folie.


Unter Mark Minkowskis Leitung bieten Chor und Musiker der Musiciens du louvre ein sinnliches Hörvergnügen:  Rameau als effektvolle Theatermusik. Da wird Barockoper ganz "heutig" und zu mitreißender, intelligenter Unterhaltung auf höchstem Niveau. Man kommt aus dem Staunen über die Theaterwunder der Aufführung nicht heraus, die Don Kent hervorragend abgefilmt hat.

Spätestens wenn Juno als Eifersuchtsfurie auftritt und Platée, der vermeintlichen Nebenbuhlerin, die ihr den Gatten abspenstig zu machen scheint, wenn sie schreilachend der Nymphe den Schlei-er vom Gesicht zieht und ihrer Hässlichkeit gewahr wird, ergreift Einen Mitleid mit der Kreatur, der so übel mitgespielt wurde. Die Götter lassen uns gehörig lachen, aber das Opfer ihres Spaßes rührt uns am Ende doch, zumal in der einfühlsamen Gestaltung Paul Agnews, der zu seinem letz-ten Abgang fluchend in eine Versenkung hopst und es noch einmal gehörig spritzen lässt. Eine singuläre Aufführung und eine unverzichtbare DVD!

 

Beitrag im MDR, Figaro am Vormittag 2005