Klassik und Kalter Krieg

Dieter David Scholz



Nach Kriegsende zerfiel die Welt politisch in West und Ost. Die Gren-ze der Systeme verlief quer durch Deutschland. Was in beiden Teilen Deutschlands blieb, war die Klassi-sche Musik. Die DDR hat sich von Anbeginn die Förderung und Pflege der Klassischen Musik auf ihre Fah-nen geschrieben. Warum und welche Rolle sie in Zeiten des Kalten Kriegs in der DDR spielte, dokumentiert ein Film von Thomas Zintl: "Klassik und Kalter Krieg". Er ist jetzt beim Label Arthaus auf DVD herausgekommen.

Die Bedeutung der Klassik für die DDR                          

"Klassik und Kalter Krieg". Ein Film von Thomas Zintl - Arthaus DVD NTSC 101 664

 

 

Beethovens Neunte Sinfonie. Man sieht den alten Leonard Bernstein bei seinem Festkonzert zum Mauerfall in Berlin. Rückblende: Das kriegszerstörte Berlin, Aufmärsche der FDJ, Szenen vom Mauerbau 1961. Und dann sieht man die be­we­gen­den Szenen der die Mauer stürmenden Bürger der DDR im Jahre 1989.

 

Dann Freiheitschöre ... diese Spanne von knapp 40 Jahre ist es, die Thomas Zintl im Hinblick auf die Klassi­sche Musik und ihre Funktion in der DDR untersucht. Mit vielen aufschlussreichen Bild- und Tondokumenten veranschaulicht er, dass das sogenannte "kulturelle Erbe", wozu auch die klassische Musik zählt, in der DDR mit ihren vielen Musikinstitutionen einem politischen Zweck diente. Auch der Dresdner Kreuz- und der Leipziger Thomanerchor. Kreuzkantor Roderich Kreile:

 

„Chormusik, Chöre wie der Dresdner Kreuzchor oder auch der Thomanerchor haben für das Gesamtansehen der DDR im Ausland eine wichtige Rolle gespielt.“


Man prunkte mit der Pflege des Klas­sischen Erbes als einem Gegenentwurf zur soge­nannten "imperialistisch-aggressiven Pop-Kultur des Westens. Der Sänger Peter Schreier erinnert sich:

 

„Da wollte man zei­gen, was wir draufhaben. Und wir hatten ja in der Beziehung ´ne ganze Menge drauf. Aber es sollte eben politisch ausgenutzt werden, als Aushängeschild für diese DDR ... Musik (Bach)“

 

Kein anderes Land hatte - im Vergleich mit seiner Einwohnerzahl - so viele Sinfonie­or­chester und Opernspielstädten wie die DDR. Walter Ulbricht, Staatratsvorsitzender der DDR von 1950-1971:

 

„Das Problem besteht doch darin, dass noch mehr Ver­anstaltungen durch­geführt werden müssen, in denen die großen Kunstwerke der Bevölkerung nahegebracht wer­den, den Werktätigen erklärt werden, ... zum Sieg des Sieg des Sozialismus in unserer Heimat, der Deutschen Demokratischen Republik.“

 

Die klassische Musik war zweifellos ein Lichtblick im weithin grauen Alltag der DDR. Eine Ni-sche. Aber sie wurde auch zum Exportschlager. Ob Dres­dner Staatskapelle oder Gewand­haus­orchester Leipzig, ob Kurt Masur, Theo Adam oder Peter Schreier. Plattenfirmen im Westen wie im Osten, wo es nur eine einzige gab, koproduzierten Auf­nahmen in der DDR oder mit DDR-Künstlern. Das sorg­te für klingende Kassen und regen Grenz­verkehr. Es ging schließlich um Devisen. Reimar Bluth, Leiter des VEB Deutsche Schallplatte, Eter­na 1967-1992:

 

„Wir hätten mit den ganz Großen Künstlern der Welt kei­ne Aufnahmen mache können, also ein Karajan war natürlich nicht zu kriegen. Das ging nur über den Weg der Koproduktion. „

 

Wer im nichtsozialistischen Ausland auftreten durfte, das bestim­mte die Deutsche Künstler­agen­tur. Bezahlt wurde in meist in Ostmark. Die Devisen strich größtenteils der Staat ein. Peter Schreier zititiertt Erich Honecker:

 

"Nichts wird bei uns um seiner selbst willen gemacht. Alles, was wir tun, dient dem Wohle unse-rer arbeitenden Menschen. "

 

Dass Klassische Musik, dass Oper gegen En­de der DDR auch Me­dium subversiver Staatskritik und des Protests wurde, erfährt man beispielsweise durch die Opernregis­seurin Christine Mielitz, die den Gefangenenchor in ihrer Dresdner Insze­nierung 1989 mutig und höchst aktuell vor Mau­er und Stacheldraht stellte.

 

„Also nach dem Gefangenenchor haben die Leute minutenlang geschrien, geweint, also irre...“

 

 

Der Film von Thomas Zintl ist ein facettenreicher Film über ein nicht mehr existierendes Klassik-Biotop der Vergangenheit. Historische Filmdokumente werden heutigen Interviews mit Zeitzeu-gen unterschiedlichster Couleur gegenübergestellt. Eine ausgewogene und differen­zierte Dokumentation jenseits von West-Ost-Ressentiments oder Ostalgie.

 

DVD-Tip für MDR-Figaro 2012