Die Sache Makropulos

Dieter David Scholz



Anja Silja in der Rolle ihrs Lebens

 

Die Sache Makropulos (Leos Janáček)
Glyndebourne – Regie: Nikolaus Lehnhoff, 1995 – mit Anja Silja
ML: Andrew Davies, Filmregie: Brian Large

NVC ARTS der Warner Music Group 0630-14016-2


 

1926 wurde Leoš Janáčeks Oper "Die Sache Makropulos" in Brünn uraufgeführt. Eine Oper ohne Arien und mit phantastischer, ja utopischer Handlung, frei nach einer Komödie von Karel Čapek. Sie wurde zwar ein Uraufführungserfolg, aber es gab vor dem zweiten Weltkrieg nur eine einzige weitere Aufführung, die Deutsche Erstaufführung unter Josef Krips 1929 in Frankfurt am Main. Erst in den Sechzigerjahren wurde das musikalische Kriminalstück über Unsterblichkeit von Sir Charles Mackerras in London wiederentdeckt. Mit Elisabeth Söderström hat er die bis heute un-übertroffene Schallplatteneinspielung vorgelegt. Aber erst durch die Inszenierung Nikolaus Lehn-hoffs beim Glyndebourne Festival 1995 mit Anja Silja in der Hauptpartie der Emilia Marty trat das Stück seinen triumphalen Siegeszug an. Jetzt ist diese Produktion des Glyndebourne Festivals auf DVD erschienen.

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Es ist eine suggestive, geradezu hypnotische Musik, die Janáček in seiner drittletzten Oper schrieb, zwei Jahre vor seinem Tod brachte er sie heraus. Er verzichtete zugunsten einer vom gesprochenen Wortakzent her gestalteten Tonsprache weitgehend auf alle opernhaften musikali-schen Formen, zumal im Gesang. Was insbesondere die durch das ganze Stück geisternde Partie der Emilia Marty zu einem sängerischen Parforceritt einer jeden Darstellerin macht. Zu schwei-gen vom schauspielerischen, denn sie muss tatsächlich eine durch die Jahrhunderte hindurch le-bende, nicht sterben wollende Frau in immer neuen Gestalten darstellen. Eine Frau, die seit den Zeiten Kaiser Rudolfs des Zweiten aufgrund eines von ihrem Vater für den Kaiser entwickelten und an ihr getesteten Lebenselixiers unsterblich ist, jedenfalls 330 Jahre lang. Die sind nun abge-laufen. Deshalb greift sie in einen Rechtsstreit ein, der sich seit 100 Jahren hinzieht, um an das durch die Generationen erhaltene und weitergereichte geheimnisvolle Dokument zu kommen, das die Formel des Lebenselixiers enthält. Eine Partie, wie geschaffen für die Sängerdarstellerin Anja Silja, die seit 50 Jahren auf der Bühne steht, und so oft wie keine ihrer Kolleginnen die Partie der Emilia Marty verkörperte.


Nikolaus Lehnhoff hat seine Inszenierung ganz auf die Silja zugeschnittenen. Sie spielt und singt die Partie ihres Lebens mit einer gesanglichen Intensität und darstellerischen Raffinesse, die einen von Anfang an in Atem hält. Lehnhoff zeigt sie als Dame von Welt, als Opernsängerin in einem phantastischen Pfauenfedern- und Strasskronen-Kostüm des Art Deco, als betrunkene Leder-Do-mina und zum Schluss nur in einem hauchdünnen, durchscheinenden  schwarzen Unterrock als die Silja ganz privat. - Tobias Hoheisel hat ihr einen mit Bücherwänden zur Anwaltskanzlei, mit Samtvorhängen zum Theater und mit Gletscherprospekt zum eisigen Sterberaum geeignete Bühne gebaut, einen Laufsteg ihrer verschiedenen Facetten gewissermaßen, auf dem unentwegt eine ba-rocke Statue des Chronos, des Gottes der Zeit also, aber auch alle möglichen Requisiten, Reise-koffer und Möbel auf Laufbändern vorbeiziehen. Die Zeit wird da zum Raum.


Die Silja schreitet wie eine Medea durch die Zeiten, in wechselnden Kostümierungen. Sie ist – eingebettet in ein ausnahmslos hervorragendes Ensemble, aus dem Kim Begley und Victor Braun herausragen, vom Dirigenten Andrew Davis auf Händen eines bestdisponierten London Philhar-monic getragen, schlichtweg ein Ereignis. Sie steht Elisabeth Söderström an Schöngesang zwar deutlich nach, aber ihre darstellerische Aura, Größe und Faszination ist - heute jedenfalls - konkurrenzlos. Die "Kindertrompete", wie Wieland Wagner sie nannte, Anfang der Sechzi-gerjahre, als er die Zwanzigjährige für Bayreuth und die Wagnerpartien entdeckt hatte, ist hier noch immer stimmlich fulminant als Janacek-Tragödin zu erleben. Nun versteht man ihr Tschechisch nicht, und wer kennt schon genau die Noten der Partie? Sei´s drum…


Trotz ihrer 64 Jahre ist die Silja noch immer eine Femme fatale, die Jugendlichkeit ausstrahlt. Und sie ist eine unopernhafte Sängerin von enormer darstellerischer Wandlungsfähigkeit. Die Silja ist als Emilia Marty ganz Dame, sie ist aber auch besoffene Hure, sie ist eitle Primadonna, coolesVamp und zartfühlende Frau, am Ende Privatmensch. Man muss die Silja in dieser Partie gesehen haben. Der Fernseh- und Videoregisseur Brian Large hat die Aufführung in der nun erhältlichen DVD-Fassung – die in Tschechisch gesungen, aber deutsch untertitelt ist - sehr intim und untheaterhaft ins Bild gesetzt. Auch der Ton ist makellos. Für alle an dem Stück Interes-sierten, zumal für alle Silja-Verehrer ist diese DVD ein unbedingtes "Muss".


Wer Anja Silja in dieser Inszenierung live erleben möchte, hat in der Deutschen Oper Berlin ab dem 24. Juni 2004 Gelegenheit dazu, denn die Produktion aus Glyndebourne wird dort noch einmal für eine Aufführungs-Serie zu Gast sein.



DVD-Tip für Figaro am Vormittag, 27.4.2004