Hommage an Magda Olivero 1994

Photo: Im Besitz von Dieter David Scholz / Widmungsexemplar von Magda Olivero

Dieter David Scholz

 

 

 

Magda Olivero

Hommage an die große alte Dame des veristischen Belcanto

 

 

Francesco Cileas "Adriana Lecouvreur" war eine Ihrer Glanzrollen, zeitlebens war es auch ihre Lieblingsrolle. 1938 hat sie sie zum ersten Mal gesungen, gemeinsam noch mit Benjamino Gigli. Und immer hat sie mit ihrer intensiven und nuancierten Gestaltung der Partie, so auch 1959 in einer Aufführung des Teatro San Carlo in Neapel, die live mitgeschnitten und auf CD veröffentlicht wurde, das Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Sie war eine der Königinnen des Verismo und eine der eigenwilligsten, der ausdrucksstärksten Sängerinnen dieses Jahrhunderts.

 

Wenn Magda Olivero auftrat, versetzte sie ihr Publikum in einen Zustand von Frenesie, ihre bloße Präsenz erregte die Zuschauer in einer Weise, wie das sonst wohl nur noch bei der Callas oder bei Renata Tebaldi der Fall war. 1910 in Saluzzo geboren, studierte sie im nahegelegenen Turin Gesang, Klavier und Theorie, schon mit 23 debütierte sie als Lauretta in "Gianni Schicci" an der Mailänder Scala, wo sie Tulio Serafin unter seine Fittiche nahm. Ihr Temperament treib sie schnell zu den Paraderollen des Verismo. Francesco Cilea zog sie allen anderen Sängerinen als Adriana Lecouvreur vor. Wohl auch mit keiner anderen Partie identifizierte sich die große Sängerin mehr, in dieser Partie verabschiedete sie sich nach ihrer Hochzeit 1941 schließlich auch für 10 Jahre vom Theater. Erst auf Bitten des todkranken Komponisten Cilea, der sie noch einmal als Adriana hören wollte, fand sie 1951, nach zehn Jahren der Gesangsabstinenz wieder zurück auf die Bühne und eroberte im Sturm die Opernhäuser Italiens als Verdis Violetta, als Mascagnis Iris, als Madama Butterfly, in beiden Manon-Partien, als Tosca, Medea, Adrina, versteht sich und als La Wally. Um nur die wichtigsten der veristischen Glanzpartien zu nennen, die sie mit ihrem tief emotionalen und pathetischen Stil zum unvergleichlichen Erlebnis für jeden werden ließ, der sie darin hören, besser noch: erleben durfte.

 

Was den Auftritten der Olivero - und selbst noch ihren Plattenaufnahmen - jene Magie verlieh, wie nur wenigen ihrer Kolleginnen, war nicht ihre virtuose Technik und ihre ausgefeilte Pianokultur, sondern ihre große Ausdrucks- und Gestaltungskunst: die gekonnten Übertreibungen, die excessiven Schluchzer, die in raffinierteste Schreie endenden Spitzentöne, die von leicht antiquiertem Pathos getragene Deklamation, die bebende Intensität. Das Geheimnis der Olivero war ihr pathetischer Lyrismus, mit dem sie Affekt-Posen und Klanggesten von fragiler, verletztbarer und verletzter Weiblichkeit zustande brachte, wie sie changierender, plastischer, filigraner und bewegender kaum zu hören waren im letzten halben Jahrhundert des Operngesangs. Magda Olivero verkörperte den Gesang des Verismo mit seiner Mischung aus Naivem und Maniriertem wie keine andere Sängerin. Sie wurde schon zu Lebzeiten zur Legende.

 

Auf die Epoche des Verismo hatte sie ihr mehr als siebzig Partien umfassendes Repertoire denn auch beschränkt, wie sie im übrigen in kluger Ökonomie ihre Stimme einsetzte und schonte. Sie hat sich niemals vermarkten lassen. Abhängigkeit von Manager oder Platten-firmen kannte sie nicht, weshalb sie außerhalb Italiens auch nur wenige Gastspiele gab. Magda Olivero war eine im Verborgenen blühende Orchidee, Kenner schätzen sie gleichwohl schon immer als eine der kostbarsten Blumen unter den Opernsägerinnen.

 

Für ihre Freunde sang sie seit den Sechzigerjahren fast alljährlich zu Maria Himmelfahrt, also am 15. August, im quasi privaten Rahmen eines Gottesdienstes in der kleinen Pfarrkirche im südtiroler Sulden, 2000 Meter hoch gelegen, unterhalb des gigantischen Ortlermassivs mit seinem ewigen Schnee. Auch in diesem Jahr (1994) ließ Sie es sich nicht nehmen, in ihrem Sommeraufenthaltsort für teils weit angereiste Freunde und Verehrer aus Mailand, Venedig, Genf, Wien und München, Rom und anderswo noch einmal zu singen. Mozarts "Ave verum corpus" und das weniger bekannte "Ave Maria" von Pietro Mascagni, eine Vertonung des Zwischenspiels aus "Cavalleria rusticana":. Ein Glück für dn, der dabei war.

Daß Magda Olivero im Alter von 84 Jahren noch immer über erstaunliche Stimmkraft verfügt, hat sie, ihren eigenen Angaben zufolge einer sicheren Technik, ungetrübter Gesundheit und ihrer zuverlässigen Muskulatur zu verdanken. Ihre Erfahrungen mit der Technik und mit der Kunst der Gestaltung - Inspiration könne man nicht lehren - gibt sie seit Jahren - auch ab kommendem Monat wieder - ihren Schülern in den Meisterkursen an der Scala und in Barcelona weiter: Stimme, so hat sie einmal gesagt: Stimme mache nur vierzig Prozent einer Opernaufführung aus. Die übrigen sechzig setzen sich zusammen aus zahllosen Winzigkeiten." Der Ratschlag, den sie ihren Schülern mitgibt:

 

"Das Wichtigste ist eine gute Stimme zu haben, dann einen guten Lehrer, der auf einen eingeht, der einem die wichtigen Dinge sagt, der über Atmung bescheid weiß, der über Muskulatur bescheid weiß. Und dann vor allem studieren, studieren, jeden Tag aufs Neue. Auch ich habe mein ganzes Leben hindurch immer studiert. Denn wenn man glaubt, man ist am Zeil, dann erreicht man das Ziel nie."

 

DLF