Zu Wolfgang Wagners Tod 2010

Dieter David Scholz

 

 

Foto: Bayreuther Festspiele

(Geschenk Wolfgang Wagners mit persönlicher Widmung)

 

22. März.2010

 

Wolfgang Wagner ist tot

Nachruf auf einen Jahrhundert-Impresario

 

Wolfgang Manfred Martin Wagner wurde am 30. August 1919 in Bayreuth als drittes Kind des Festspielleiters und Komponisten Siegfried Wagner (1869-1930) und dessen aus England stammender, sehr viel jüngerer Frau Winifred geboren. Er war der letzte noch lebende Enkel Richard Wagners und bis 2008 alleiniger Festspielleiter seit 1966. Nach dem plötzlichen Tod seiner zweiten Ehefrau Gudrun am 28. November 2007 wurden seine Tochter Eva aus erster Ehe und Katherina aus zweiter Ehe als denkbare gemeinsame Nachfolgerinnen aufgestellt. Daraufhin erklärte Wolfgang seinen Rücktritt zugunsten seiner beiden Töchter, die am 30. August 2008 vom Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele zu den neuen Leiterinnen der Festspiele gewählt wurden. Dann wurde es still um den langjährigen, zuletzt von Krankheit gezeichneten Impresario. In der Nacht vom 21. auf den 22. März 2010 ist er friedlich entschlafen. Ein imposantes Lebenswerk hatte ich vollendet. Eine Bayreuther Epoche ist mit ihm zu Ende gegangen. Die Nachkriegsära in Sachen Wagner ist endgültig vorbei.

 

Ein Rückblick: Am 30. Juli 1951 hob sich der Vorhang zur "Parsifal"- Eröffnungspremiere der ersten Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war Wolfgang Wagner ge-wesen, der in den ersten Nachkriegsjahren mit dem Motorrad durch Deutschland fuhr, um Sponsoren zur Wiedereröffnung zu gewinnen:

 

„Ja Gott, ich mein, wie immer sind es zwei große Probleme gewesen damals: das ist einerseits die Finanzierung – man darf nie vergessen, Richard Wagner ist an der Finanzierung des zweiten Festspieljahres gescheitert – und dann ging es ja darum, die nur von deutscher Seite - ohne die Ausländer hätten wir´s nicht geschafft - die von deutscher Seite ausgehenden Ressentiments, die natürlich weitgehend durch die Freundschaft meiner Mutter mit Hitler untermauert waren, abzubauen.“ (Wolfgang Wagner)

 

Seit 1951 leitete Wolfgang Wagner, gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, die Bayreuther Festspiele. 1966 starb Wieland und seither war Wolfgang alleiniger Festspielleiter. Als Künstler, will sagen als Regisseur war Wolfgang immer umstritten, er galt als konservativ und stand im Schattens eines Bruders. Doch seine enorme praktische Lebensleistung ist respektgebietend. Er hat unzweifelhaft künstlerische Höhepunkte gesetzt, er hat bedeutende Sänger, Regisseure und Dirigenten an sein Haus geholt und er hat Bayreuth zur „Werkstatt“ eines „Work in Progress“ gemacht.

 

In den 57 Jahren (58 Spielzeiten), in denen er die Festspiele leitete, ist Wolfgang Wagner wie kaum ein anderer Intendant den Spagat zwischen Traditionspflege und Innovation gelungen. Nahezu 1800 Aufführungen hat er in seiner Amtszeit zu verantworten, mit einem Dutzend eigener Inszenierungen, denen oftmals altbackenes, altfränkischen Biedermeier unterstellt wurde. "Werktreue" war ihm, dem verantwortungsvollen Sachwalter Richard Wagners, nun mal heilig.

 

Wolfgang Wagner war ein kauzig-knorziges Original und ein begnadeter Theaterfürst. Dessen Lebensleistung ist bei aller denkbaren und oft verübten Kritik an ihm über alle Zweifel erhaben. Sein diplomatisches Geschick als Leiter, Organisator und unerschütterlich von allen Krisen agierender Finanzstratege des ältesten und bedeutendsten deutschsprachigen Musikfestivals war einzigartig.

 

Das Erstaunliche an Wolfgang Wagner war, dass er sich des Zusammenhangs von künstlerischem Konservativismus und Spendierfreude bewusst gewesen ist und sich dennoch oft für das ästhetische Wagnis, für innovatives Musiktheater und unkonventionelle Regiehandschriften eingesetzt hat: gemeinsam mit seinem Bruder Wieland bei der "Entrümpelung" der Alt-Bayreuther Bühne und der Etablierung der "Werkstatt Bayreuth", und seit 1966 in alleiniger Verantwortung für Inszenierungen wagemutiger oder spektakulär agierender Regisseure wie Götz Friedrich, Patrice Chéreau Harry Kupfer, Heiner Müller oder Christoph Schlingensief.

 

Freilich, nicht alle waren davon begeistert, auch nicht die große Wagner-Sängerin Birgit Nilsson, die sich mir gegenüber vor ihrem Tode noch einmal dazu äußerte: „Bayreuth ist nicht mehr so wie es war, als ich dort war. Es ist auch so, dass man jetzt nicht mehr vom Festspielhaus Bayreuth spricht. Man sagt Werkstatt Bayreuth. Und das deckt ja viel mehr ab. Da kann ja jeder Anfänger in Bayreuth singen!“

 

Auch wenn Wolfgang Wagner mit seinem Werkstattgedanken den künstlerischen Niedergang der Festspiele einleitete: Er hat sich maßgeblich für die Schaffung einer Richard Wagner-Stiftung engagiert, die 1973 ins Leben gerufen wurde, aber auch um den Wiederaufbau des kriegszerstörten Hauses Wahnfried - heute Richard Wagner-Museum - und er hat konsequent ein baufälliges Provisorium zu einem mit dem neusten Stand der Technik ausgerüsteten Theatergebäude saniert. Darauf vor allem ist er stolz:

 

"Dass ich zumindestens die Bayreuther Festspiele, soweit es durch meine Tätigkeit für die Bayreuther Festspiele überhaupt menschenmöglich ist – als gesichert betrachten kann, und das war also auch eine meiner Hauptarbeiten, die ich vollbringen wollte durch die Gründung der Stiftung. Man wollte verhindern, dass eventuell durch eine Erbauseinandersetzung das ganze kostbare Wagnerische Manuskriptenmaterial zum Beispiel, oder auch die Bibliothek und die ganze Hinterlassenschaft von ihm, einschließlich des Festspielhauses, irgendwie in eine Lage gerät, dass es alles durch Familienauseinandersetzungen zerfleddert und kaputt geht." (Wolfgang Wagner)

 

Dank Wolfgang Wagners Initiative ist aus dem privaten künstlerischen Vermächtnis Richard Wagners ein öffentliches, finanziell abgesichertes Kulturunternehmen geworden. Wolfgang Wagner war ein Glücksfall für die Nachkriegsgeschichte der Bayreuther Festspiele. Der Dirigent Peter Schneider:

 

„Er hat sich um alles gekümmert, er kam zu Proben rein, ich habe ihn beobachtet, wie er in der Kantine in die Töpfe guckte, ob alles läuft, er war auch musikalisch ausgesprochen gut informiert, also er kannte sich einfach in allem aus!“

 

Im März 1999 gab Wolfgang Wagner seine Zustimmung zu dem Verfahren seiner Nachfolgefindung als Festspieleiter. Schmierentheater-Possen, politische Querelen und familiäre Schlammschlachten haben sich seither gejagt. Künstlerischer Niedergang war (zumal durch Gudrun Wagners Mitwirkung an der Festspielleitung) nicht zu verkennen. Der Clan stritt sich um das Erbe. Erst als Wolfgang Wagners zweite Frau, Gudrun, die seit mehr als 25 Jahren seine rechte Hand war, Ende November 2007 plötzlich und unerwartet starb, wurde durch ihren Tod der Weg frei für die Nachfolgeregelung zugunsten Eva und Katharina Wagners, die denn auch am 1. September 2008 vom Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele entschieden wurde.

 

Seither sind andere Zeiten angebrochen am Grünen Hügel. Die beiden Halbschwestern Eva und Katharina sehen sich mit schwierigen strukturellen und finanziellen Veränderungen der Festspiele konfrontiert. Und sie setzen programmatisch-künstlerisch auf Verjüngung, auf Regietheater, Zeitgeist, Events, neue Kommunikationsmedien und Popularisierung der Festspiele. Der Ausgang dieser Neuorientierung ist ungewiss. Wolfgang Wagner, der sich – seit 2007 gesundheitlich arg angeschlagen, weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, mischte sich in die Festspielleitung nicht mehr ein. Er beging seinen neunzigsten Geburtstag Ende August letzten Jahres als Pensionär in aller Stille und familiären Abgeschiedenheit. Nun ist er tot.

 

Alles ist anders jetzt. Mit dem Ausscheiden von Wolfgang Wagner (seit 1987 war er alleiniger Gesellschafter der Festspiele GmbH. Und Geschäftsführer auf Lebenszeit) werden die Festspiele nun von der Bayreuther-Festspiel GmbH veranstaltet. Diese setzt sich jetzt zu je 25% Stimmanteilen aus Vertretern der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Bayern, der Stadt Bayreuth und der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth zusammen. Die Bayreuther Festspiele sind endgültig kein Familienunter-nehmen mehr, sondern quasi ein Staatstheater.

 

Was die Zukunft angeht. Bayreuth ist jetzt im 21. Jahrhundert angekommen. Bisher haben Eva und Katherina allerdings nur kosmetische Neuerungen eingeführt, mit neuen Marketingstrategien, mit Public Viewing, Golden- und Silverlounges, mit Internetauftritt samt Livestream. Neue Dirigenten, neue, junge Sänger und Zeitgeistregisseure sind angesagt. Das Bayreuther Führungsduo wird ganz sicher in Zukunft für Überraschungen, aber auch Spannungen sorgen, denn es ist nicht reine schwesterliche Liebe oder Übereinstimmung der künstlerischen Auffassungen, die die beiden neuen Herrinnen von Bayreuth verbindet. Eher strategisches Kalkül des Stiftungsrates und dynastisches Machtstreben.

 

Leichter werden die Zeiten nach Wolfgang Wagner in Bayreuth ganz sicher nicht. Eher im Gegenteil. Die Finanzprobleme werden schwieriger. Tarif- und wohl auch Gegensteigerungen von Personal und Künstlern werden die Kartenpreise erhöhen. Es wird sich zeigen, ob Bayreuth in der Ära nach Wolfgang Wagner künstlerisch jenen Aufschwung erlebt, der nötig ist, um die Zukunft dieses einzigartigen Festivals zu legitimieren und zu sichern, will sagen sein zahlendes Publikum aus aller Welt dank Interessantheit, Originalität und Qualität anzuziehen.

 

Dass die Nazivergangenheit Bayreuths aufgearbeitet werden solle, wie Katherina Wagner neuerdings vollmundig verkündet, bezeugt nur ihre Unkenntnis der Wagnerforschung und -Literatur. Es ist doch längst alles Wesentliche gesagt über die Verstrickung Bayreuths ins Dritte Reich, seit Michael Karbaum, Hartmut Zelinsky, Brigitte Hamann und vieler anderer mehr. Wolfgang Wagner hat da keinem Historiker Steine in den Weg gelegt. Mit ihm konnte man über alles unvoreingenommen und in aller Offenheit reden, wenn man sein Vertrauen gewonnen hatte. Er hatte auch nichts zu verbergen. Nicht er war in den Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts der "Obernazi von Bayreuth" (Brigitte Hamann), sondern sein Bruder Wieland, der von Hitler als "gottbegnadet" erklärter, vom Wehrmachts-dienst befreiter Bayreuther Kronprinz. Die viel verklärte Wieland-Wagner-Vergangenheit ist allerdings aufzuarbeiten. Das aber blockieren die Wieland-Erben bis heute.

 

Wolfgang Wagner wurde schon 1939 schwer verwundet und lernte dann an der Berliner Staatsoper sein Handwerk als Regisseur. Er stand bis zu Wielands Tod 1966 in dessen Schatten. Er trug es gelassen. Wieland inszenierte und galt als Genie, Wolfgang organisierte. Bis 2008. Er hat die Geschicke und die Geschichte der Bayreuther Festspiele länger geleitet und geschrieben als jeder andere vor und wohl auch nach ihm. Ein reiches und langes Leben hat sich erfüllt. Mit Wolfgang Wagner ist eine Epoche zu Ende gegangen. Das "alte Bayreuth" gibt es nicht mehr.

 

 

 

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