Michael von Soden: Wagner im Rhein-Main-Gebiet

Dieter David Scholz

 

 

Wagner im Rhein-Main-Gebiet

Michael von Soden: „Empfänger unbekannt verzogen“

 

 

Wagner hatte 1859 die Partitur seines „Tristan“ abgeschlossen. Sein Versuch, zwei Jahre später in Paris mit dem „Tannhäuser“ zu reüssieren, endet in einem Skandal. In Wien teilte man ihm schließlich mit, dass der „Tristan“ unaufführbar sei. Dann fasste er auf einer von den Wesendoncks, seinen Zürcher Gönnern, spendierten Venedig-Reise den Entschluss, die lange projektierten „Meistersinger“ auszuarbeiten. Da er mit seinem bisherigen Verleger Breitkopf und Härtel gebrochen hatte, sandte er einen glänzenden Prosaentwurf (er ist bei von Soden gut kommentiert abgedruckt) an Franz Schott in Mainz und las ihn schon kurze Zeit später ebendort vor geladenen Gästen vor. Schott nahm die „Meistersinger“ an und gewährte Wagner sogar Vorschuss. Gewichtige Gründe, die den Komponisten bewogen, möglichst in der Nähe dieses Verlegers zu bleiben. Er ließ sich im nur wenige Kilometer entfernten Biebrich, auf der anderen Seite des Rheins, nieder. Dort wohnte er von Februar bis November 1862.

 

Ein kurzes, aber folgenreiches Intermezzo in seiner stationenreichen, europäischen Vita. Michael von Soden hat sich auf Spurensuche begeben, hat genauestens recherchiert und mit detektivischem Spürsinn alle Orte Wagners aufgesucht und alle Wege und Erlebnisse Wagners rekonstruiert in Wort und Bild, mit Darstellungen von einst und jetzt. Pikant ist die Schilderung von Wagners amourösen Simultan-Beziehungen zur Schau-spielerin Friederike Meyer und zur Schott-Büroangestellten Mathilde Maier, während er gleichzeitig die Beziehung zu Cosima von Bülow (Tochter Franz Liszts und Gattin des Wagner anhimmelnden Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow) intensivierte. Interessant sind auch die folgenreichen Biebricher „Tristan“- Gesangsproben mit Ludwig und Malwine Schnorr von Carolsfeld, die erste Bekanntschaft Wagners mit dem Bariton Karl Hill (damals noch Postbeamter), den er später als Alberich und Klingsor nach Bayreuth holte, und die Uraufführung der Wesendonck-Lieder durch die Sängerin Emilie Genast, mit Hans von Bülow am Klavier, im noch heute erhaltenen Wagner-Saal bei Schott in Mainz, Weihergarten 5.

 

Als Wagner Biebrich Richtung Wien verlassen hatte, wo er (hochverschuldet) in Frauenkleidern flüchtete, um sich in der Schwäbischen Alb vor der Welt (der Gläubiger) zu verstecken, verlieh ihm das in Frankfurt ansässige Freie Deutsche Hochstift dem Tondichter den Meistertitel. Die Nobilitierungs-Urkunde und Wagners Briefwechsel mit dem Freien Deutschen Hochstift sind erstmals bei von Soden abgedruckt. Man hatte Wagner in Wien angeschrieben, doch der Empfänger war inzwischen „unbekannt verzogen“. Dieses Kapitel, bevor der junge König Ludwig II. auf den Plan trat, um Wagner zu retten, hat Michael von Soden so genau wie keiner vor ihm dargestellt in einem an Dokumenten und Abbildungen reichen, liebevoll gestalteten Buch, das einstweilen nur über die Internet-Adresse des vor wenigen Monaten erst vom Autor gegründeten Verlasg zu beziehen ist: www.mvs-verlag.de

 

 

Buchbesprechungen im Schott Verlag „Das Orchester“ & im MDR