Pesaro 2013 Guillaume Tell

Zum vierunddreißigsten Male findet in Pesaro, dem Geburtsort Rossinis, das „Rossini Opera Festival“ statt. Das Mekka aller Rossini-Pilger. Vom 10. bis zum 23. August wird dort wieder dem berühmtesten Sohn der Stadt gehuldigt.

 

Die Reise nach Pesaro lohnt in diesem Jahr schon des "Guillaume Tell" wegen, der letzten Oper Rossinis, seines Chef-d´œvre, das in der französischen Originalfassung, in ganzer Länge, einschließlich der Ballettmusiken zu erleben ist. Der britische Regisseur Graham Vick, der zu Unrecht nach der Premiere ausgebuht wurde, stellt in seiner Lesart des Stücks den historischen Schweizer Freiheitshelden als Revolutionär in den Mittelpunkt seiner aufwendigen Breitwand-Inszenierung in der Adriatischen Arena, einer zum veritablen Theater um­gebauten gigantischen Sporthalle. Tell kämpft mit seinen Freunden für Freiheit und gegen habsburgische Fremdherrschaft, es ist der Kampf der Schweiz gegen Österreich. Vick macht aus dem Stück eine grausame, schmerzhafte Soldateska, die Alpenpanorama und Schweizer-Folklore nur als Filmkulisse zitiert. Es gibt aber auch viel Ironie, sowohl in der Schilderung der von Paul Brown kostümlich prachtvoll gewandeten Adelsszenen, als auch bei den Bal­letten, die Ron Howell mit originellem Witz und großer Musikalität choreografierte. Am Ende weist eine vom Bühnenhimmel herabfahrende rote Freitreppe den Weg in eine bessere Zukunft.

 

Am meisten war man bei diesem "Guillaume Tell" auf die Sängerbesetzung gespannt. Kein Geringerer als der peruanische Tenorstar Juan-Diego Florez ist in der Rolle des Arnold Melchthal zu hören, eine Extraklasse für sich. Florez hat seine große, internationale Karrie-re1996 von Pesaro aus gestartet, ebenso wie die lettische Sopranistin Marina Rebeka als Habsburgerprinzessin Mathilde, Arnold Melchthals Geliebte. Pesaro ist eine Talentschmiede bis heute, vor allem Dank der Accademia Rossiniana, die der künstlerische Leiter Alberto Zedda vor nunmehr 25 Jahren ins Leben rief, um für Nachwuchs an Rossini-Sängern zu sorgen.

 

Dieser "Guillaume Tell" in Pesaro ist bis in die kleinsten Nebenrollen hinein vorzüglich besetzt (einmal abgesehen vom tenoral überstrapazierten, bereits etwas ledierten Tenor Nicolai Alaimo als Tell). Beeindruckend ist auch der Chor des Teatro Comunale die Bologna. Vor allem aber wird die Oper vom Orchester des Teatro Comunale di Bologna unter Leitung des jungen Michele Mariotti, er ist erster Dirigent des Orchesters, mit einem Furor, einer Grandeur und einer Präzision zum Klingen gebracht, dass man in den mehr als 5 kurzweiligen Stunden, die die Aufführung dauert, hört und begreift, dass diese letzte Oper Rossinis aus dem Jahre 1829 ein Jahrhundertwerk ist, Summe des Gewesenen, Bilanz der Gegenwart und Zukufts-musik, die Bellini, Donizetti, Meyerbeer, Verdi, ja selbst Wagner vorwegnimmt.

 

 

So wie "Guillaume Tell" den Endpunkt Rossinis markiert, standen am Anfang seiner Karriere einaktige Farcen. Eine von ihnen, "L´Occasione fa il ladro" (Gelegenheit macht Diebe) wurde dieser letzten Oper Rossinis gegenübergestellt, um die künstle-rische Entwicklung Rossinis zu veranschaulichen. Es war immer ein Anliegen des Rossini-Festivals in Pesaro, den ganzen, zumal den hierzulande nie gespielten, den verkannten Rossini ans Licht zu ziehen. Ein Markstein war eben die legendäre Insze-nierung Jean-Pierre Ponnelles aus dem Jahre 1987, die die Burleske "L´Occasione fa il ladro" wiederentdeckte und rehabilitierte. Erstaunlicherweise überzeugt Ponnelles historisierende, quirlige Inszenierung dieser Koffer- und Rollentausch-Komödie zweier Paare als vorgeführtes Barocktheater, in dem die Figuren aus dem Bühnen-boden, bzw. aus dem Koffer gezaubert werden, immer noch herzerfrischend und beweist, dass konventionelles Musiktheater nicht langweilig sein muß.

 

 

Konventionell war die zweite Neuproduktion des diesjährigen Rossini-Festivals, "L´Italiana in Algeri" in der Regie von Davide Livermore ganz und gar nicht, im Gegenteil, Davide Li­vermoore zeigt diese Rossini-Oper über ein arabisch-italienisches Absurdistan im entzückenden, alten Teatro Rossini aus amerikanischer Perspektive als 70er Jahre als Revue à la Tausendeine Nacht mit allerhand Projektionen und Filme, von Sprechblasen, über kitschige Tapetenmuster bis hin zu perfekten Comicstrips. Isabella, von Anna Goryachova kultiviert gesungen, gelangt per Flugzeug­absturz ins Land des Erdöls, zum lüsternen Macho Mustafa, den der stimmlich wie schau-spielerisch brilliante Alex Esposto, rauchend im kurzen Strandanzug gibt. James Bond läßt grüßen. Aber auch die Marx-Brothers stehen Pate. Eine gut geschmierte Nonsense-Show mit arabischen Pistolero-Garden, tippelnden Stewardessen, Staubsaugerinnen in Minis, tuntigen Friseuren und Eunuchen. Der spanische Dirigent José Ramon Encinar, der in Pesaro debütiert, hat es schwer, gegen die Übermacht der Bilder anzudirigieren, obgleich er diesen Wirbelwind von Oper ordentlich zu entfachen weiß.

 

Alles in allem beweist das diesjährige Rossini-Festival, das auch noch eine konzer-tahnte Aufführung der Oper "La donna del Lago" und "Il viaggio a Reims" mit Nachwuchsstimmen anbietet, daneben Konzerte, Vorträge und Diskussionen, mit seinen 24 Aufführungen in 14 Tagen, dass es trotz abnehmender öffentlicher Zuwendungen nach wie vor unverwechselbar ist und weltweit die Nummer Eins in Sachen Rossini. Auch aufs nächste Jahr darf man gespannt sein, denn es wird eine neue "Armida" geben, "Aureliano in Palmira" und "Inganno felice", drei Raritäten, die man eben nur in Pesaro sehen kann.

 

 

Verschiedene Beiträge in DLF "Kultur heute" & MDR Figaro

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Rossini Opera Festival Pesaro

 

Guillaume Tell" & "L´Italiana"

Pesaro 2013

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