Bayreuth 2016 Castorf Ring . Marek Janowski

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

 

Der mutigste "Ring" nach Chéreau

mit neuem Dirigenten

Frank Castorfs "Ring" bei den Bayreuther Festspielen 2016

 

 

Man war gespannt auf Frank Castorfs vierten Durchgang seiner umstrittenen Inszenierung des "Rings", weil nicht mehr Kiryll Petrenko am Pult stand, sondern Marek Janowski, der zweite Pultdebütant bei den 105. Bayreuther Festspielen neben Hartmut Haenchen, der für den abgereisten Andris Nelsons die Premere des Bühnenweihfetspiels "Parsifal" rettete.

 

Petrenko dirigierte im gefürchtetsten Orchestergraben der Welt einen glut- und temperament-vollen, analytisch scharf ausgeleuchteten, dramatisch-modernen "Ring". Janowskis eher romantische Lesart ist diametral entgegengesetzt. Gewiss, die Farben, die Klangballungen, die grossen sinfonischen Steigerungen und das, was Wagner die Kunst des Übergangs nennt, all das beherrscht Janowski perfekt. Doch er tut sich hörbar schwer mit dem Bayreuther verdeckten Orchestergraben und den akustischen Tücken des mystischen Abgrunds. Vor allem im "Rheingold" gab es nahezu unhörbare Musik. Im Laufe der vier Abende wurde Janowski immer lauter, seine anfangs sehr breiten Tempi wurden immer rasanter, im "Siegfried" ging er bis an die Grenze des Spielbaren. In der "Götterdämmerung" war er dann grossartig in Form und begeistete das Publikum, das ihn enthusiatisch feierte.

 

Sängerisch rundete sich dieser in einigen wichtigen Partien umbesetzte "Ring" nicht. Es gab mehr Schatten als Licht im grossen Sängerensembe. Viele diesjährige Bayreuth-Sänger verwechseln leider Singen mit Schreien, eine Todsünde für Wagner, der nichts weniger als einen deutschen Belcanto einforderte. Daran gemessen, waren einige Partien, es betrifft auch den Wanderer und Siegfried, alles andere als überzeugend besetzt. Überragend ist nach wie vor die Brünnhilde von Catherine Foster, die seit ihrer ersten Brünnhilde in Weimar zu einer der gefeiertsten Interpretinnen der Partie an allen grossen Häusern der Opernwelt avancierte. Günther Groissböcks rabenschwarzer Fasolt, Alberg Dohmens edel-dämonischer Alberich, Nadine Weissmanns samtige Erda, Sarah Conollys energische Fricka, Georg Zeppenfelds stimmstarker und vorbildlich wortverständlicher Hunding, Andreas Conrads charaktervoller Mime, Anna Durlovskis virtuoser Waldvogel und Maria Prudenskayas fulminante Waltraute sind die Lichtblicke im durchwachsenen, nicht ganz überzeugenden diesjährigen "Ring"-Ensemble.

 

Weit überzeugender ist Frank Castorfs kontrovers beurteilte Inszenierung, trotz ihrer groben Missachtung des Wagnerschen Textes, ihrer regielichen Mätzchen und des in diesem Jahr noch gesteigerten Klamauks und Aktionismus: Sowohl das "Rheingold"-Theater in einem Tankstellen-Motel an der texanischen Route 66, als auch die "Walküre" als Reminiszenz an eine Schlüsselepisode der Dekadenzgeschichte des Marxismus auf einer hölzener Erdölbohranlage im aserbeidschanischen Baku mit prangendem Sowjetstern, aber auch "Siegfried" zwischen sozialistischem Mount Rushmoore und Berlin Alexanderplatz zu DDR-Zeiten, von Krokodilen bevölkert, was immer noch den lautstarken Unmut des Publikums erregt, schliesslich die "Götterdämmerung" vor der New Yorker Börse in der Wallstreet, der Berliner Mauer, Hinterhoffassaden, vor der legendären Schkopauer Plaste-und Elaste-Werbung und vor einer Dönerbude. Zwar ist Castorfs politisches Stationen- und Anekdotentheater für die meisten Zuschauer wohl nur schwer mit Wagner in Übereinstimmung zu bringen, doch wie er die Wagnersche altgermanisch kostümierte, antikapitalistische Parabel des 19. Jahrhunderts übersetzt in die Konfrontation von Kapitalismus und Sozialismus im Kampf ums Erdöl im 20. Jahrhundert, nötigt Respekt ab. Castorf spiegelt Wagners antikapitalistische Welt- und Götteruntergangsvision im Zusammenbruch der kommunistischen Utopie und im Triumph des Kapitalismus, der in amoralischen Nihilismus einmündet, in dem alle Bildung und Humanität versagt. Der anarchistische Siegfried verbrennt bei Castorf Bücher und demoliert die politischen Idol-Skulpturen. Am Ende haben nur noch Mafiosi, Verbrecher, Geschäftemacher und Sexmonster das Sagen.

 

Angesichts der vielen belanglosen "Ringe" der jüngeren Bayreuther Inszenierungsgeschichte ist Castorfs aufrüttelndes politisches Musikheater ein denkanregendes Theaterspektakel, ob es nun von Jedem verstanden wird oder nicht. In jedem Fall ist es großes, sinnliches Bilder-Theater, nicht zuletzt wegen der spektakulären, filmkulissenhaften Bühnenbilder von Aleksandar Denic.

 

Nach Chéreaus "Jahrhundertring" hat Castorf ohne Frage den avanciertesten, gewagtesten und aussagekräftigsten "Ring" der Bayreuther Festspielgeschichte inszeniert. Gut möglich, dass er im nächsten, seinem letzten Jahr Kultstatus erringt.

 

 

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