Aix-en-Provence 2014

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Dieter David Scholz

Auftakt der Festspiele in Aix-en-Provence im Zeichen des Streiks

 

Eine Streikwelle sucht wieder einmal Frankreichs Musikfestivals heim. Nachdem die Streikbewegung in den vergangenen Wochen bereits zur Absage mehrerer Festivals und Aufführungen in Frankreich geführt hat, Montpellier, Marseille und Avignion traf es am härtesten, hat es nun auch Aix-en-Provence getroffen. Bis zuletzt ging man davon aus, dass die Premieren der beiden Neuinsze-nierungen - Händels erstmals in Aix gezeigter - „Ariodante“ und Rossinis „Turco in Italia“ wie geplant über die Bühne gehen würden, doch dann kam alles anders.

 

 

Erst mit einer dreiviertel Stunde Verspätung konnte die Premiere von Händels „Ariodante“ beginnen, um 21.45 Uhr. Der Abend sollte lang werden, bis gegen zwei Uhr morgens, es handelt sich um ein langes Werk. Aber es war doch alles andere als ein geglückter Abend!

Die freischaffenden Künstler und Techniker der Theater-, Tanz, Musik- und Filmbranche hatten zuvor den Eingang zum „Théatre de L´Archevêché“ (einer Freilichtbühne im Innenhof des Erzbischöflichen Palasts) verbarrikadiert. Sie machten vor Beginn der Aufführung mit Kampfreden, Singen revolutionärer Lieder und ohrenbetäubendem Lärmen auf sich aufmerksam. Ihr Anliegen ist verständlich: Die «intermittents» protestieren gegen eine Reform ihrer Arbeitslosenversicherung, bei der die Regierung schmerzhafte finanzielle Einschnitte vornehmen will. Das 1936 gegründete System basiert auf der Anzahl von Arbeitsstunden, was zur Folge hat, dass einige höhere Auszahlungen beziehen als andere. Vor allem die Geringverdiener im Kulturbereich haben das Nachsehen. Festival-Intendant Bernard Foucroulle zeigte auf Nachfrage zunächst noch Solidarität mit den Streikenden:

 

"Kultur ist eine sehr schwierige und gefährdete Angelegenheit. Besonders schwierig ist die Lage für die Freischaffenden. Kein Wunder, dass überall in Frankreich die Emotionen angeheizt sind. Aber ich bin nach der Rede des Premierministers über die Bedeutung der Kultur vor zwei Wochen hoffnungsvoll. Alle, die für die Kultur arbeiten, müssen geschützt und abgesichert werden."

 

Das Freiburger Barockorchester spielte unter Andrea Marcon mit erwarteter Delikatesse Händels Musik zu der komplizierten Liebes-geschichte, die Antonio Salvi geschaffen hat. Salvi war der Leibarzt der Medici-Herzöge zu Florenz und hat das Libretto der Oper frei nach einer Episode aus dem Epos „Der rasende Roland“ von Ludovico Ariost entworfen. Es ist die Liebesgeschichte zwischen dem Ritter Ariodante und der schottische Prinzessin Ginevra, angereichert mit Verleumdungen, Überkreuzbegehrlichkeiten, Machtintrigen und finalem Unschulds- bzw. Treuebeweis. Ein melancholisches Stück. Richard Jones, Inbegriff des Regie-Britpops, siedelt denn auch in seiner Inszenierung die grelle Kreuzritterwelt des Mittelalters ins deprimierende Hier und Heute, mit Esszimmer, Küche und Schlaf-zimmer. Eine Einheitsbühne in düsteren Farben. Die Figuren tragen Strickwaren, Schottenrock und Seemansoutfit. Gespiegelt wird das Geschehen mit Marionettenspiel. Kein origineller Einfall, keine aufregende Inszenierung, auch stimmlich nicht. Nun hatten es die Sänger aber auch schwer, denn den ganzen ersten Akt hindurch – immerhin anderthalb Stunden lang - störte der Radau der Streikenden die Aufführung beträchtlich. Einmal unterbrach der Dirigent die Vorstellung. Es blieb nicht bei den massiven Behinderungen und Störaktionen während der ersten Premiere. Zur zweiten, der mit Spannung erwarteten Neuproduktion von Rossinis Oper „Il Turco in Italia“ mit Marc Minkowski am Pult und Christopher Alden als Regisseur, kam es erst gar nicht erst. Drei Stunden vor Beginn der Vorstellung wurde sie abgesagt. Eine Katastrophe für das Festival wie für das zum Teil von weit her angereiste Publikum. Es hatte seinen Unmut schon während des "Ariodante" lautstark geäußert. Auf der Pressekonferenz am Morgen nach der „Ariodante“-Premiere sparte Intendant Bernard Foucroulle nicht mit deutlichen Worten:

"Ich bin überzeugt, die Mehrheit der Streikenden sucht nach einer einvernehmlichen Lösung. Aber es gibt auch eine Minderheit unter ihnen, denen geht es gar nicht um die Sache, sie legen einfach nur Feuer und wollen Festivals zerstören. In Marseille haben sie alle Aufführungen abgesagt. Ist das Solidarität unter Künstlern? Nein. Das Gegenteil. Das können wir nicht gutheißen. Wir müssen jetzt unser Festival, unsere Künstler und das Publikum schützen. Denn es geht um das Überleben des Festivals! Der Staat zahlt für alle Defizite und Ausfälle. Und irgendwann ist seine Geduld am Ende. Wenn das Festival abgeblasen wird, gibt es vielleicht gar kein Aix-en-Provence mehr 2015, 2016 und vielleicht sogar nie mehr"

 

Die Lage ist dramatisch. Der Auftakt des diesjährigen Festivals in Aix-en-Provence war gründlich verhagelt. Das war das Ziel der Streikenden. Sie haben es erreicht. Ob das Festival wie geplant fortgeführt werden kann, ist noch offen. Wie die Politiker Frankreichs darauf reagieren, bleibt abzuwarten.

 

 

 

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