Bermbach - Wagner in Deutschland

Dieter David Scholz

 

 

Udo Bermbach: Richard Wagner in Deutschland

 

Friedrich Nietzsche war es, der als Erster davon sprach, dass Richard Wagner unter Deutschen ein Missverständnis sei. Wie recht er hatte, belegt das neuste Buch von Udo Bermbach geradezu beispielhaft, denn es hat sich zum Ziel gesetzt, die deutsche Rezeption Wagners als Missverstehen im Sinne absichtlichen Verfälschens panoramahaft vor dem Leser auszubreiten. Dazu spannt der Autor einen weiten Bogen von den ersten Wagnerbiographien über den Ersten Weltkrieg, das Dritte Reich und den Bayreuther Neuanfang nach 1945 bis hin zum Umgang mit Wagner in den Achtzigerjahren der Bundesrepublik Deutschland. Es ist der bisher umfassendste Versuch, die so folgenreiche, verfälschende Wagnervereinnahmung in Deutschland aufzuarbeiten. Allerdings wird das Kapitel „Wagner in der DDR“ weitgehend ausgeklammert, was bedauerlich ist, denn gerade auch diese „Spielart“ der Wagnerdeutung (und politischen Vereinnahmung) im real existierenden Sozialismus bedürfte dringend der Aufarbeitung. Ist allerdings ein Thema für sich.

 

Zwar erwähnt Udo Bermbach den berühmten Leipziger „Ring“ von Joachim Herz, der schon vor Chéreaus Bayreuther „Jahrhundert-inszenierung“ Kapitalismuskritik des 19. Jahrhunderts – als Paraphrase der geistreichen, sozialistischen Wagner-Deutung George Bern­ard Shaws - auf die Bühne brachte, doch die reiche DDR-Wagnerliteratur bleibt weithin unbeachtet. Nun gut, Bermbach hat sich auf die Bayreuther Rezeption beschränkt.

 

Es ist der einzige Einwand, den man gegen das Buch erheben kann. Ansonsten ist dem Autor höchster Respekt zu zollen, schon wegen der immensen Fleißarbeit, die Udo Bermbach auf sich nahm, aber auch wegen der Gründlichkeit, Sorgfalt und Unvoreingenommenheit in Analyse wie Darstellung. Bermbach hat sich nichts weniger vorgenommen, als alle sechzig Jahrgänge der „Bayreuther Blätter“, der Hauszeitschrift Bayreuths von 1878 bis 1938, auszuwerten. Deren Autoren haben unter Leitung des Cosimagetreuen Hans von Wolzogen Wagner seiner rebellischen, antibürgerlichen, sozialistischen und pazifistische Züge beraubt, sodass er mühelos als Wegbereiter der nationalsozialistischen Weltanschauung benutzt werden konnte. Bermbach stellt das so unmissverständlich dar, wie niemand vor ihm. Er wertet aber auch die wesentlichen Wagner-Biographien aus. Von der ersten monumentalen, die Cosima bei Carl Friedrich Glasenapp in Auftrag gab, bis hin zu Martin Gregor Dellin und neueren. Joachim Köhlers Buch „Wagners Hitler“ aus dem Jahre 2001 ist für Bermbach ein besonders prägnantes Beispiel dafür, „wie der politische Revolutionär Wagner immer wieder zum unmittelbaren Vorläufer der NS-Ideologie zurechtgestutzt wird, ohne die semantischen Unterschiede und die historisch unter­schiedlichen Kontexte zu berücksichtigen“. Bermbach, der sehr wohl das Abdriften der Wagnerianer, speziell der Bayreuther nach Wagners Tod ins Rechts-nationale und schließlich Natio­nalsozialistische registriert, betont dennoch „gravierende und nicht zu vereinbarende Un­terschiede“ zwischen dem Politikverständnis Wagners und dem Hitlers. „Wagners Pazi­fismus und Hinneigung zum Buddhismus während seiner letzten Jahre“ stehe „der aggressiv-bellizistischen Haltung Hitlers“ diametral gegenüber.

 

Besonders plastisch demonstriert Bermbach den Wagner-Missbrauch im Sinne von Verfälschung am Beispiel der Siegfried-Figur. Er verdeutlicht den signifikanten Unterschied zwischen dem mittelalterlichen Haudegen und dem Wagnerschen gebrochenen Charakter, der von den Wagnerrezipienten meist verwischt wurde. Bermbach weist darauf hin, dass in Wagners „Ring“ Siegfried im Sinne sozialuto-pistischer und revolutionärer Ideen des 19. Jahrhunderts „das von Wotan geknüpfte und in seinen Wirkungen selbstdestruktive System der Verträge durchtrennen und damit die Voraussetzungen schaffen soll für eine neue, politikfreie Welt“. Dieser tragische Held Siegfried, der als Opfer endet, nicht als Sieger, „war kaum geeignet, Symbolfigur eines Reiches zu sein, das den Anspruch erhob, zur Weltmacht aufsteigen zu wollen“, so Bermbach. Dennoch wurde die Siegfried-Figur im Wilhelminismus wie im Dritten Reich zur Projektionsfläche „für bellizistische oder gar imperialistische Ambitionen“.

 

Udo Bermbachs Buch ist eine bestechende Darstellung der Geschichte wie der Methoden der deutschen Wagnerverfälschung und Wagnervereinnahmung. Der Autor zieht damit natürlich gegen zentrale Vorurteile jener Wagnerverächter zu Felde, die Wagner immer noch vornehmlich aus der Postholocaust-Perspektive wahrnehmen. In dem schon erwähnten Buch von Joachim Köhler „Wagners Hitler“ zeige sich für Bermbach, exemplarisch „die tragische Paradoxie dieser Arbeiten. Sie treten mit dem Anspruch der politischen Aufklärung auf, wollen die Untergründe der deutschen (Geistes-) Geschichte freilegen, verspielen aber beides, weil sie die Methoden derer übernehmen, gegen die zu argumentieren sie sich vornehmen.“ Ähnlich war es seinerzeit bei den Publikationen Hartmut Zelinskys. Der israelische Historiker Jakob Katz hat in seinem viel zu wenig beachteten Buch „Richard Wagner. Vorbote des Antisemitismus“ schon 1985 betont: Die Deutung Wagners „aufgrund der Gesinnung und der Taten von Nachfahren, die sich mit Wagner identifizierten, ist ein unerlaubtes Verfahren“ und verurteilte es als „eine Rückdatierung, ein Hineinlesen der Fortsetzung und Abwandlung Wagnerscher Ideen durch ... Hitler in die Äußerungen Wagners selbst.“ Leider sind die postnationalsozialistischen Wagner-Vorurteile aller wissenschaftlichen Aufklärung gegenüber resistent. Martin Gregor-Dellin hat den Hauptgrund dafür einmal auf die Formel gebracht: „Das gestörte Verhältnis der Deutschen zu Richard Wagner ist das gestörte Verhältnis zu ihrer Geschichte“, in der Bayreuth nun einmal eine besondere Rolle spielte! Bayreuth war, Bermbach zeigt es auf, „stets Seismograph der deutschen Entwicklung“. Und er enthüllt mit Fingerspitzengefühl und ohne zu pauschalisieren die prägende Rolle nationalsozialistischer Autoren wie Zdenko von Kraft, Otto Strobel, Hans Grunsky und Curt von Westenhagen in den Festspielführern und Programmheften vor und nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Eine unheilvolle Kontinuität bis in die Sechzigerjahre. Was man von den sich deutlich wandelnden Wagnerinszenierungen in Bayreuth nicht sagen kann, wie Bermbach belegt. Mit „dem Jahrhundert-Ring von 1976“ sei Bayreuth „endgültig in der deutschen Demokratie angekommen“. Allerdings, so muß hin­zugefügt werden, entfernten sich seither Bayreuther Realität und Wagners Idee von Bayreuth immer weiter voneinander. Utopie und Niedergang der Bayreuther Festspielidee waren nie deutlicher sichtbar als heute.

 

Fazit: Udo Bermbach ist nach wie vor einer der wenigen wirklich profunden Kenner der Wagner-Materie, die sachlich und differenziert zu Werke gehen. Das hat er schon in seinen beiden Büchern „Blühendes Leid. Über Politik und Gesellschaft in Wagners Musikdramen“ und „Der Wahn des Gesamtkunstwerks“ bewiesen. Mit seinem neusten Buch beschließt er seine vor acht Jahren begonnene Trilogie, die sich zum Ziel setzte, „Wagners Werke, ihre ästhetisch-politische Einbettung in das Festspielkonzept sowie ihre interpretatorische Rezeption und ihre funktionale Anpassung an sich ändernde gesellschaftlich-politische Kontexte aus der Sicht des Ideenhistorikers und Politologen zusammenhängend zu behandeln.“ Die Trilogie hat ihr Vorhaben eindrucksvoll verwirklicht. Der jetzt vorgelegte Schlußstein ist neben dem „Wahn des Gesamtkunstwerks“ sicher Udo Bermbachs bestes und wichtigstes Buch.

 

 

Besprechung in DLF, Musikjournal am 11. Juli 2011