Mozarts Entführung Rodrigo Garcia

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Thomas Aurin / Deutsche Oper Berlin

 

 

 

 

Vom Berliner Tiergarten in die türkische Drogenfabrik

 

Exekution der „Entführung aus dem Serail“ - Das abschreckende

Opernregiebüt Rodrigo Garcia

 

Von Dieter David Scholz

 

Die türkische Regisseurin Yekta Kara war es, die 2014 am Theater Erfurt mit einer mutig aktualisierenden, höchst politischen Inszenierung beglaubigte: „Noch nie war Mozarts Entführung so wichtig wie heute“. Wie nichtssagend das Werk inszeniert werden kann, hat die Deutsche Oper Berlin mit ihrer jüngsten Mozart-Neuproduktion bewiesen, eine Inszenierung, die beispielhaft vorführt, wie man Mozart verhunzen kann.

 

Dabei hat das größte Opernaus Berlins (kräftig unterstützt von Presse, Radio und TV) angekündigt, der derzeit hochgehandelte, argentinische Dramatiker, Schauspielregisseur und Operndebütant Rodrigo Garcia (geboren 1964 in Buenos Aires) gehöre „zum Aufwühlendsten, Extremsten, was die europäische Theaterszene zu bieten hat“, er werde Bilder „für Mozarts Musik finden…, wie sie heutiger, leuchtkräftiger und verstörender nicht sein können“. Der belgische Kritiker und Programmheft-Autor Bruno Tackels bescheinigt Garcías Arbeiten sogar, sie versuchten allesamt die Klärung der Frage, „wie eine Gesellschaft so zivilisiert, so poliert, aber gleichzeitig so barbarisch sein kann, dass sie keine Gelegenheit auslässt, ihre Grausamkeit unter Beweis zu stellen“.

 

Doch Garcias erste Opernregie straft alle Vorschusslorbeeren Lügen, denn sie kommt nicht nur extrem unpolitisch und harmlos daher, sondern banalisiert und verblödelt Mozarts Singspiel, wie man es kaum je geistloser erleben durfte. Das verwundert kaum bei einem Regisseur, der schon in Vorabinterviews keinen Zweifel daran ließ, dass er von Oper eigentlich nichts halte und auf Handlung und Text der „Entführung“ nicht viel gebe.

 

Wohl deshalb hat er unbekümmert eine eigene, neue, englischsprachige Textfassung erarbeitet, dia an Anspruchslosigkeit kaum zu unterbieten ist. Das häufigste Wort seines Librettos lautet „fuck“. Die Sprechrolle des Bassa Selim polt Rodrigo Garcia zur Lesbe um. Warum? Weil er eigenem Bekunden nach Frauen mehr liebe als Männer. Was für ein Argument! Die Moderatorin und Schauspielerin Annabelle Mandeng gibt den bzw. die Bassa. Sie stakst wie ein hochge-wachsenes Model emotionslos über die Bühne. „Fuck, what happened?“ fragt sie schon zu Beginn. „Love storm in my pussy – Love storm in my anus“ hält sie ihrer Lieblings-haremsdame Konstanze entgegen, die ihre Arien vornehmlich beim “Basketball-Dribbling“ zu singen hat. (Kathryn Lewek tut vokalartistisch wie darstellerisch ihr Bestes). Am Ende beschimpft La Bassa die Flüchtlinge als “Assholes”, lässt sie dann aber doch ziehen; denn sie behauptet, zu wissen, dass Konstanze sowieso an der nächsten Tankstelle umkehren und zu ihr zurückkommen werde – vielleicht sogar alle vier, „denn wo kann es schöner sein als hier“. Sie ist eine peinliche, eine unglaubwürdige Figur, ihre Lippenbekenntnisse (die nichts mehr mit Stephanies Libretto zu tun hat) sind Lüge.

 

Dabei ist es Regisseur Garcia, der Mozarts „Entführung“ einen ganzen Abend lang nichts als Lügen bescheinigt, was er am Drastischsten in einem Krankenhaus-Video (auf den Lettern L Ü G E) mit sezierten, schlagenden Herzen dem Publikum einzuhämmern versucht und weshalb er die Handlung kurzerhand nach eigenem Gusto um verlegt: Konstanze, Blonde und Pedrillo werden beim Picknick im Berliner Tiergarten entführt bzw. per Ufo (von wem auch immer) weggebeamt in eine heutige Türkei, die einer Art Markendiktatur gleicht (die Ikons und Logos von Apple, Meister Proper, Shell und Nike werden angedeutet). Die Drogenbaronin La Bassa ist offenbar Chefin einer Chemikalienfabrik. Osmin trinkt denn auch beim Bacchusduett keinen Wein, sondern schnüffelt an Bassas "Crystal Meths" und wähnt sich prompt von splitterfaser-nackten Frauen umtanzt, deren Blöße allerdings auch der Zuschauer ausgiebig goutieren darf. Warum Stardesigner Hussein Chalayan als Kostümbildner verpflichtet wurde, obwohl viele Mitwirkenden nackt, in Sportoutfit oder in Underwear auftreten, bleibt ein Rätsel. Was seine tatsächlich getragen Kreationen angeht: Beliebigeres hat man selten gesehen.

Angesichts der Superlative, mit der Rodrigo Garcia im Vorfeld seiner ersten Opernregie angepriesen wurde, ist man mehr als verwudert, daß er sich für keine Blödelei und Veralberung zu schade ist, keinen Kalauer ausläßt und ganz auf niveauloses, austauschbares Lach- und Aktionstheater setzt. Etwas mehr hätte man schon von ihm erwartet. Auf einem großen Ballon zeigt er zu Beginn seiner Inszenerung per Videoprojektion die Reise eines jungen Manns in einem ungewöhnlichen roten Gefährt (einer ins Riesenhaft vergrößerten Kreuzung aus Mondauto und Range Rover) durch Stadt, Land, Wüste und Achterbahn in den Orient. Es ist Belmonte (mit unschönen Vokalverfärbungen und kleinem, wenig eindrucksvollem Tenor Matthew Newlin), begleitet von zwei lasziven Damen (offenbar Geschenke für La Bassa), die im Fahrzeug ihre Kleidung tauschen, durchs Fenster kotzen, sich schminken und sich küssen. Später werden sie in Ménage à trois-Formation in in einem Zeitraffer-Porno vorgeführt. Überhaupt darf in dieser Inszenierung Jeder mal mit Jedem, egal welchen Geschlechts und gefummelt wird auf Teufel komm raus. Garcia hat eine Vorliebe für erotischen Ringelpietz mit Anfassen und Streicheln. Er zeigt in die Kamera eines iPads singende Darsteller, bemüht E-Gitarre und Handy, gestattet sich auch Anspielungen auf die Fernsehserie ,Breaking Bad' sowie auf die Comic Figur Speedy Roadrunner. Zeitkritik ist das nicht gerade, eher Anbiederung an zeitnahe Spaß- und Freizeitkultur. Dennoch vermögen all seine Bemühungen nicht über die gähnende Langeweile und Bedeutungslosigkeit seiner Inszenierung hinwegzutäuschen. Man kann nur hoffen dass diese gründliche Exekution der „Entführung“ die erste und letzte Opernregie von Rodrigo Garcia bleibt.

 

Leider reicht die Produktion auch musikalisch nicht über Mittelmaß hinaus. Donald Runnicles dirigiert einen behäbigen Mozart, so als hätte es nie eine historisch informierte Aufführungs-praxis gegeben. Unter den Sängern begeistert eigentlich nur der prachtvolle Osmin-Bass von Tobias Kehrer. Blonde (Siobhan Stagg) und Pedrillo (James Kryshal) hat man schon weit besser gehört, selbst in der sogenannten Provinz.

 

Daß sich am Ende des enttäuschenden Abends das Regieteam nicht vor den Vorhang wagte, hat die Wut des verärgerten Publikums nur noch mehr angeheizt. Sie entlud sich verständli-cherweise in einem Buh-Sturm, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen ließ.

 

Beitrag auch in: Crescendo

Die Seiten der Deutschen Mozart-Gesellschaft