Wozzeck Enrico Lübbe Erfurt

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Lutz Edelhoff

 

Surreale Parabel des "Abgrunds Mensch"

 

Alban Berg „Wozzeck“ am Theater Erfurt

Premiere 25. 02. 2017 19.30 Uhr

 

 

Egoismus, fehlendes Mitgefühl und Rücksichtslosigkeit sind zentrale Themen des Stücks von Georg Büchner wie der 1925 uraufgeführten, darauf fußenden Oper von Alban Berg. Themen, die heute aktueller denn je zu sein scheinen. Dennoch hat Regisseur Enrico Lübbe, Intendant des Schauspiels Leipzig. in seiner Inszenierung keinen Blick aufs Hier und Heute geworfen. Er hat schon vorab in einem Interview erklärt, dass er das ebenso einseitig fände wie Realismus oder Psychologie. Für ihn steht auch nicht die Titelfigur des Wozzeck im Vorder-grund. Er betrachtet Wozzeck nicht als Psychopathen, als Verrückten unter Normalen, als Mörder, als geschundene Kreatur oder gesellschaftliches Opfer. Lübbe geht es nicht um die exemplarische Darstellung eines bemitleidenswerten Einzelschicksals. Seine Inszenierung will vielmehr die ganze menschliche Gesellschaft, alle Figuren, die auftreten, als bemitleidenswerte Kreaturen, die menschliche Existenz an sich als sinnlose Wiederholung des Immergleichen darstellen. Alle sind von Ängsten und Trieben und dem unerfüllten wie wohl unerfüllbaren Bedürfnis nach Liebe Getriebene, alle drehen sich im Kreise, sind Opfer und Täter zugleich im absurden Kreislauf des menschlichen Lebens. Dem büchnerschen "Abgrund Mensch" rückt Enrico Lübbe in seiner Inszenierung mit einer geradezu schopenhauerisch überhöhten, zeitlos surrealen Parabel zu Leibe.

 

Das Bühnenbild von Etienne Pluss ist denn auch eine szenische Metapher der Gesellschaft, die den Getriebenen in einem wunderbar gebauten mechanischen Getriebe zeigt, einer Art Karussell klaustrophobischer Räume, in dem die einzelnen Typen und Figuren des gnadenlosen Stücks in ihrer Skurrilität vorgeführt werden, stilisiert, zeichenhaft, grell überzeichnet. Bianca Deigner hat sie in ironisierte, verfremdete Biedermeierkostüme gesteckt, die sie als Marionetten eines sinnlos kreisenden Theaters, des Theaters Leben zeigen, von dem ein Anderer, Giuseppe Verdi in seinem „Falstaff“ sagen lässt" tutto nel mondo è burla" was soviel heisst wie 'Die ganze Welt ist ein Narrenhaus'. Nur dass dieses büchnersche Narrentheater anders als bei Verdi in einer Tragödie endet. In der Wirtshausszene wird bei Enrico Lübbe dann auch aus Realität Albtraum und Wahnsinn, das Bühnenraumkarussell verschwindet, die Bühne weitet sich zum Saal, gerät in Schieflage, jeder Chorist rennt hoffnungslos wie ein Sisyphos gegen die gekippte Welt an und es gibt dann ein paar verblüffende Zaubertricks zu sehen, die Studierende der Abteilung Visuelle Kommunikation der Bauhaus Universität Weimar beigesteuert haben. Eine starke Szene. Zur Szene am Teich, in dem Wozzeck seine Marie ermordet, verschwindet dann alle Räumlichkeit. Nur noch nass-schwarzglänzender Bühnenboden und seitliches Gebüsch. Der Mord selbst wird im Gegenlicht unsichtbar. Danach, gespenstisch bei leisem Schneefall, die Ringelreihen-Szene der Kinder, die schon die künftigen Maries, Tamburmajors, Margrets und Wozzecks erahnen lassen. Der Kreis schliesst sich. Ein grandiose Parabelspiel, das Enrico Lübbe handwerklich virtuos realisiert hat, mit Figurenverdopplungen, Ritualisierungen und einer fast Brechtschen Distanziertheit. Man ist als Zuschauer nicht betroffen, wird nicht erschüttert durch diese Inszenierung, aber man begreift den abgrundtiefen Büchnerschen Pessimismus der ja das Herz der Oper von Alban Berg ist.

 

 

Bergs "Wozzeck" ist eine Oper, die an die Sänger besondere Anforderungen stellt, da der Singstimme ungewöhnlich viele, differenzierte Ausdrucksformen zwischen Singen und Sprechen abverlangt werden. Zu schweigen vom Schauspielerischen. Die Erfurter Besetzung wird diesen Ansprüchen bis auf eine Ausnahme gerecht. Insgesamt hat man eine Besetzung mit charaktervolle Typen und Sängerdarstellern zusammengestellt, die den anspruchsvollen Absichten Bergs gerecht werden. Der Hauptmann von Eric Biegel, der Tambourmajor von Thomas Paul, der Doktor von Vazgen Gazaryan, auch die Margret von Katja Bildt, um die Herausragenden zu nennen. Die Marie von Stéphanie Müther ist leider stimmlich ziemlich in die Breite gegangen. Warum sie die Marie schreit, ist unverständlich. Wenn es eine Partie gibt, die man nicht schreien muss, ist es die der Wozzeck-Marie. Das haben ja viele Sängerinnen beispielhaft vorgeführt. Aber dafür weiss der Interpret des Wozzeck, Máté Sólyom-Nagy mit um so leiseren, anrührend menschlichen Tönen zu bezaubern.

 

Bergs atonal geschriebener "Wozzeck" ist ein expressionistisch übersteigertes Seelendrama, das selbst für die bedeutendsten Dirigenten eine besodere Herausforderung darstellt. Joana Mallwitz, die Musikchefin des Erfurter Theaters dirigiert das Werk mit glasklarem, fast zärtlichem Understatement. Sachlich, punktgenau. Jedenfalls bis zum dritten Akt. Und dann holt sie zum finalen Paukenschlag aus und macht ohne alle Zurückhaltung hörbar, was in der Musik von Berg steckt! Da fallen einem fast die Ohren ab. Und dann schlägt sie noch einmal einen Haken und überrascht mit einer Lesart des Orchesterstücks zwischen den beiden letzten Szenen der Oper, die ganz impressionistisch daherkommt, fast wie Puccininachhall. Faszinierend. Ein grosser Abend! Musikalisch wie Szenisch.

 

 

Rezension auch in MDR Kultur am 26. 02. 2017