Verdi Ausstellung Mailand 2000

Dieter David Scholz

 

 

Photo: privat

Ausstellungskatalog

Giuseppe Verdi

L´uomo, l´opera, il mito

 

Giuseppe Verdi: Der Mensch, das Werk, der Mythos.

Ausstellung anläßlich seines 100sten Todestages

 

Mailand: Palazzo Reale. 17. Nov. 2000 - 25. Febr. 2001

 

Am 27. Januar 1901 starb Giuseppe Verdi, der wie kein anderer zum Nationaldenkmal italienischer Musik wurde. Vieles beschert und das Verdi-Jahr 2001. Eine der Sensationen der weltweiten Verdi-Aktivitäten ist die größte Verdi-Ausstellung, die je gezeigt wurde, die große Jahrhundertausstellung zum hundertsten Todestag des Komponisten im Palazzo Reale in Mailand.

 

 

Mailand ist nicht nur in Carnevalsstimmung in diesen frühlingshaften Tagen, die ganze Stadt ist bunt von verstreuten Konfetti, sie ist auch in geschäftstüchtiger Verdi-Laune. Die Plattengeschäfte der Stadt haben sich gerüstet und alles zusammengetragen an CDs und Videos, was es in Sachen Verdi gibt und jemals gab, eine Fundgrube für den, der Raritäten an Tonkonserven sammelt. Und natürlich grüßt einen Verdis Konterfei aus vielen Geschäftsauslagen, in Restaurants, wo natürlich Verdi ohne Unterlaß aus den Lautsprechern tönt und in Hotels, nicht nur im legendären Grand Hotel et di Milan, in dem der Maestro von hundert Jahren verstarb, und wo einem schon in der Empfangshalle der kauzige Komponist streng entgegenblickt.

 

Auch die Kaffehäuser und Schokoladenhersteller sind ganz auf Verdi eingestellt in Mailand. Allen voran das Traditionskaffee Sant`Ambroeus, das in diesem Jahr Verdi-Konfekt und Pralinés vertreibt, mit bun-ten Schleifchen, weil gerade Karneval ist, und ohne alle Pietät.

 

Daß das Teatro alla Scala, das erste Opernhaus Italiens, mit einem ganz auf Verdi zugeschnittenen Spielplan aufwartet, versteht sich von selbst, Hausherr Riccardo Muti höchstselbst hat Rigoletto und Trovatore neu einstudiert. Mit soviel musikalischem Respekt und Kenntnis-reichtum wie vielleicht nur wenige andere Verdi-Dirigenten seiner Generation. Riccardo Muti ist schließlich auch Präsident des Ehren-komitees der großen Mailänder Verdi-Ausstellung dieses Jahres.

 

„Va pensiero“ – Der Gedanke fliegt – nicht nur auf goldenen Schwingen, wie in Verdis Gefangenenchor aus dem „Nabucco“, der fast zur heimlichen Nationalhymne der sich nach nationaler Freiheit und Einheit sehnenden Italiener wurde, nein: die große Ausstellung, mit der Mailand den fraglos populärsten Opernkomponisten seines Landes zu seinem 100sten Todestag ehrt, sie ist ein einziges Fest des Gedenkens. Schon beim Ausstellungsentrée wird dies deutlich: man betritt ehrfürchtig unter einer ins monumentale überhöhten Büste Verdis aus mehreren Kubikmeteren Polystyrol einen Raum, dessen Rückwand auf ganzer Breite ein Foto der Mailänder Begräbnis-zerenomie Verdis im Jahre 1901 reproduziert wurde.

 

Pomp funèbre und Heldenverehrungspathos. Aber schon im nächsten Raum schreitet man durch eine fast Eins zu Eins-Nachbildung der Fassade des ärmlichen Geburtshauses Verdis in Roncole. Das Entrée zur menschlich-allzumenschlichen Ebene der Ausstellung.

 

Aufwendig und theatralisch hat man die wohl einmalige Gedenkausstellung zu Ehren des Volkshelden der italienischen Oper schlechthin an prominentestem Ort, dem unmittelbar neben dem Mailänder Dom gelegenen, frisch restaurierten Palazzo Reale präsentiert. In suggestivem Rot sind die meißten Säle ausgeschlagen. Kein Geringerer als der Altmeister unter den italienischen Bühnenbildnern, Pier Luigi Pizzi war der Ausstellungsmacher. Pizzi hat eine imposante Ausstellungs-Oper inszeniert. Mit einem nicht oft anzutreffenden Höchstmaß an Geschmack und Fachkompetenz hat er, gemeinsam mit den vielen Fachberatern und wissenschaftlichen Mitarbeitern Mythos, Mensch und Werk Giuseppe Verdis vor allem als optische, visuelle Augenweide ins Bild und in erlebbare, durchschreitbare Räume gesetzt. Es ist keine dieser gelehrten Ausstellungen mit einem Wald an Lesetafeln, die dem breiten Publikum oft die Lust an einer Ausstellung rauben. Im Gegenteil: die Erläuterungen beschränken sich aufs Allernotwendigste. Dafür überwältigt einen eine überreiche Fülle an selten, ja wohl nur dies eine Mal zusammengetragenen Exponaten aus aller Herren Länder. Die Liste der Leihgeber – wie Sponsoren - ist lang. Und wohl nur durch diesen Umstand ist es zu erklären, daß die Ausstellung – die gemeinsam von der Stadt Mailand, der Mailänder Scala mit ihrem Theatermuseum und dem Verlagshaus Ricordi veranstaltet wird, im hundertsten Todesjahr Verdis nicht einmal drei Monate zu besichtigen ist.

 

Natürlich ertönt Verdis Requiem in der großen Mailänder Ausstellung zu Ehren des hundertsten Todestages Verdis. Es ertönt in einer der ergreifendsten Installationen der Ausstelung, im naturgetreu nachgebildeten Sterbezimmer Verdis im Grand Hotel et di Milan. Die Dies-irae-Klänge kommen direkt aus dem schlichen kleinen Totenbett des Maestro, neben dem ein Nachttopf steht, eine Waschkommode und ein kleiner Schreibtisch mit ungeordneten Manuskripten, Briefen und Noten.

 

Die Banalität des Sterbens – man könnte auch sagen, der Sinn fürs Wesentliche - wird hier anschauliches Ereignis. Ebenso wie im Nachbau des ehelichen Schlafzimmers aus dem Wohnhaus in Sant´Agata

 

Gar nicht aufzulisten ist die Fülle an dokumentarischem Material, die dem Besucher die einmalige Chance bietet, Einblick zu nehmen in Entstehungsgeschichte und Uraufführungsvorbereitungen der meisten Opern Verdis. Von „Oberto“, seinem Erstling, bis zu „Falstaff“, seinem heiteren Weltabschiedswerk, dessen ernste, strenge Bühnenbildentwürfe (vor allem zum Wald von Windsor) und ironisch dagegengesetzten Kostümfigurinen von Adolf Hohenstein, der es an der Mailänder Scala 1893 in Szene setzte, tief beeindrucken, weil sie den Geist der oft so falsch verstandenen bzw. inszenierten Oper so überaus differenziert treffen.

 

Von Hohenstein stammen auch die betroffen machenden Zeichnungen des sterbenden Komponisten im Totenbett, die zu den Rarissima der Ausstellung zählen. Einer Ausstellung, die auch die politische Dimension Verdis nicht ausklammert: seine Annäherung an die Revolu-tionäre Mazzini und Cavour, des piemontesischen Konstrukteurs der italienischen Einheit im Zeichen der konstitutionellen Monarchie, seine eher passive Tätigkeit als Parlamentsabgeordneter und seine Ernennung zum Senator 1874. Aber die Ausstellung zeigt auch Verdis Enttäuschung von der Politik. Seine Verweigerung gegenüber der Tagespolitik. Was er zu sagen hatte, sagt er auf der Bühne, in politischen Opern wie "Don Carlos" oder "Simon Boccanegra.

 

Hunderte von historischen Photographien aus dem Privatleben, vor allem aber aus dem Berufsleben Verdis und seines Verlegers Giulio Ricordi, Original-Briefe, unter anderem der vom 15. Februar 1883, in dem Verdi den Tod seines deutschen Kollegen und Gegenspielers Richard Wagner beklagt, gehören zum Kostbarsten der Ausstellung, neben, freilich vielen Noten-Autographen und Erstausgaben der Partituren. Neben dem Spinett, auf dem Verdi seine ersten musikalischen Gehversuchte machte, seinem berühmten Erard-Flügel und einem vielleicht zu überwältigenden Aufgebot an Gemälden des Historiker-Malerstars Mailands, Francesco Hayez zu Themen aus Verdiopern. Interessant sind die Exponate der Libretti mit Eingriffen der Zensoren, die die ganze Empfindlichkeit der Herrschenden und ihre Dummheit und Borniertheit zur Zeit der europäischen Restauration unsterblich machen.

 

Aber, wie gesagt, es ist keine kopflastige, intellektuell strapaziöse Ausstellung nur für Kenner oder Fachgelehrte! Die Mailänder Verdi-Ausstellung ist, obwohl von der Crème der wissenschaftlichen Verdiologie zusammengetragen, eine Panorama-Schau, die zwar unendlich viele Details und Facetten beleuchtet, aber doch immer Distanz zum Gegenstand bewahrt und aus übergeordneter Perspektive dem zwischen Popularität und kauzig-knorziger Individualität schillernden Phänomen Verdi gerecht wird. Gerade weil die Ausstelllung - zu der ein leider nur in italienisch erschienener, prächtiger Katalog erschienen ist mit sechsunddreißig Essays – gerade weil sie nicht nach chronologischen oder streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten zusammengestellt wurde, sondern vielmehr nach den Gesetzen der Bühnenwirksamkeit arrangiert, ist ihr theatralisch-optischer Höhepunkt denn auch erst kurz vor Schluß zu sehen, und zu hören im Kariatydensaal des Palazzo Reale: die originalgetreue Rekonstruktion des Trimphmarsch-Bühnenbildes samt Tempelkulissen, massenweise kostümierter Akteure, Elefanten und ägyptischer Streitwagen aus der Aida-Inszenierung der Scala von 1872.

 

Das imposante Bühnenportal der Scala hat man gleich auch noch Eins zu Eins nachgebaut. Ein Wunder der Ausstellungsarchitektur, aber auch eine neuerliche Demonstration der frag- oder zumindest denkwürdigen Austauschbarkeit von Original und perfekter Kopie, von Realität und Täuschung. Dazu ein paar Minuten Triumphmarsch als Bandschleife ohne Unterlaß!

 

Wer diese Verdi-Ausstellung nicht gesehen hat, hat etwas verpaßt in seinem Leben!