La Juive in Mannheim und Nürnberg

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Hans Jörg Michel / Nationaltheater Mannheim

Photo: Ludwig Ohla / Staatstheater Nürnberg

Abstraktion contra Konkretheit

Fromental-Halévys „La Juive“ in Mannheim und Nürnberg

Premieren am 10. und 17. Januar

 

Halévys Oper „La Juive“ ist eine der großen Erfolgsopern des 19. Jahrhunderts, seit ihrer Uraufführung 1835 stand sie allein bis 1893 mehr als 500 Mal auf dem Spielplan der Pariser Oper. Schnell wurde sie auch im Ausland ein triumphaler Erfolg. Bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts wurde die Oper auch in Mannheim und Nürnberg viel gespielt. Dann haben die Nationalsozialisten dafür gesorgt, dass das Werk wegen der jüdischen Herkunft des Komponisten und wegen der Handlung, einer beispielhaften Darstellung von grausamem Antisemitismus, aus den Spielplänen genommen wurde. In den letzten Jahren gibt es so etwas wie eine Renaissance des Stücks. In Wien, Paris, Zürich und Stuttgart kam das Stück wieder auf die Bühne. Zuletzt es haben Peter Konwitschny im vergangenen Jahr an der Kunsthuis Opera Vlaanderen in Belgien und in diesem Frühjahr Gabriele Rech in der Opéra de Nice in Südfrankreich inszeniert. Jetzt zeigen sie ihre sehr unterschiedlichen Konzeptionen auch in Deutschland erstmals. Ein Gespräch mit den Regisseuren:

 

 

Halévs Oper „Die Jüdin“ bringt einen Religionskonflikt auf die Bühne. Zum ersten Mal in der Operngeschichte werden in diesem Werk die Juden nicht als biblisches Volk, sondern als unterdrückte, ausgegrenzte Gesellschaftsgruppe der neueren Zeit auf die Opernbühne gebracht. Die Oper erzählt die Geschichte des Hasses zwischen Christen und Juden im Jahr 1414, zur Zeit des Konstanzer Konzils am Beispiel der Feindschaft zwischen Kardinal Brogni und dem jüdischen Goldschmied Eléazar. Als Magistrat von Rom hatte Brogni einst Eleazars Söhne hinrichten lassen. Eléazar dagegen hatte Brognis Tochter aus einem brennenden Haus gerettet und das Mädchen als seine eigene Tochter namens Rachel aufgezogen. Sie hat ein Verhältnis mit dem sich als Juden ausgebenden, aber eigentlich christlichen Reichsfürsten Léopold. Als das bekannt wird, droht den Juden die Hinrichtung. Am Ende der Oper wird Rachel in einen Kessel kochenden Wassers gestürzt. Bevor Eleazar selbst in den Tod geht, offenbart er Kardinal Brogni triumphierend, daß Rachel seine, also Brognis Tochter war.

 

Halévys fünfaktige Oper „Die Jüdin“ ist die bedeutendste seiner 40 Opern und eines der wichtigsten Werke des französischen Genres der Grand Opéra. Historisch akkurate Ausstat-tungsopulenz, großes Ballett und spektakuläre Schaueffekte waren das Kennzeichen der Grand Opéra. Keine leichte Aufgabe für Regisseure, sie fürs heutige Publikum zu realisieren. Peter Konwitschnys und Gabriele Rechs Inszenierungen zeigen beispielhaft, wie unter-schiedlich man sich dem Werk nähern kann. Einig ist man sich allerdings in der Aktualität des Stücks:

 

"Ja leider! Eigentlich mehr noch als für die Leute vor 150 Jahren, weil die unversöhnlichen Gruppen ja so zugenommen haben auf der Welt. Deshalb haben wir jede Eins zu Eins- Bebilderung von Christen bzw. von Juden vermieden. Bei uns gibt’s Menschen, die sehen alle gleich aus, nur haben die einen blaue Hände, die anderen gelbe." (Peter Konwitschny)

Peter Konwitschy versucht sich in verfremdender Abstraktion. Gabriele Rech hingegen zeigt historische Räume, historische Kostüme und konkrete jüdische und christliche Riten und Gebräuche.

 

"Modellhaft, als Deutsche, kann ich nicht anders denken, nehme ich die Dreißigerjahre, nicht Eins zu Eins als Nazizeit, aber um zu zeigen, wie so eine Pogromstimmung entsteht, wo beginnt das? Wie sind die Strukturen? Wie lässt sich ein Volk aufhetzen? Wie schnell! Die Leute kommen aus der Kirche. Und es braucht nur zwei, drei Sätze, man will eigentlich feiern, ein bisschen Alkohol, und schon ist man bereit, Juden in den See zu werfen und zwangszutaufen2 (Gabriele Rech)

 

Peter Konwitschnys Ansatz ist eher Brechttheater, also Emotionsvermeidung, Desillu-sionierung und grelle Übertreibung. Im dritten Bild lässt er die aufgebrachte Jüdin Rachel schließlich einen Sprengstoffgürtel unter ihrem Mantel enthüllen. Starker Tobak. Im folgenden, geradezu militanten, musikalisch fast maschinenhaften Ensemble …

 

" …da bauen alle Waffen an einem ganz langen Tisch. Und dort gibt es dann auch rote und grüne Hände,sodass ganz klar wird: Es geht hier über den Konflikt Christen- Juden hinaus. " (Peter Konwitschny)

 

Anders Gabriele Rech:

 

"Wir haben uns für einen andren Weg entschieden. Wir haben versucht, die Struktur der Garnd opéra etwas beizubehalten, d.h. wir erhalten auch einen Teil des Balletts, wir erzählen da eine „Reise nach Jerusalem“, was ja eines der zynischsten Spiele ist und wir haben auch den Bolero, der häufig gestrichen wird, mit rein genommen."

 

In Mannheim wie in Nürnberg hat man die Partitur der mehr als fünfstündigen Oper kräftig gekürzt. Bei Peter Konwitschy dauert das Stück nur knappe 3 Stunden, bei Gabriele Rech an die 4 Stunden. Peter Konwitschny läßt viele Szenen seiner parabelhaften und grellen Insze-nierung im Zuschauerraum spielen, demonstrativ pädagogisch, er ironisiert (zuweilen sehr schmerzhaft und respektlos, ja blasphemisch) Religion und religiöse Bräuche, überlagert aber auch die Musik mit Geräuschen und frechen Texteinwürfen. Gabriele Rech konzentriert sich dagegen eher auf die konkrete jüdische Handlung und wählt dafür als Bühnenbild eine Art realistischer Synagogenarchitektur.

 

"Unser Ansatz war halt, die Geschichte zu erzählen, da sie ja nicht so bekannt ist,wie La Traviata, Carmen oder sonst was. Das Stück heißt La Juive, Die Jüdin. Natürlich zeigen wir dieses Stück! Aber wir haben daneben auch so eine Art Austritt, das ist sozusagen die Referenz ans Heute. Wir haben uns da an diesen Gedenkstätten orientiert. Wir haben die Konzeption ja direkt nach den Anschlägen in Göteborg und nach Charly Abdou (Charlie Hebdo) entwickelt und wollen stellvertretend für alle Opfer von Anschlägen, die Juden zeigen, stellvertretend für alle unterdrückten Gruppen. (Gabriele Rech)

 

Peter Konwitschnys Botschaft: "Intoleranz führt nur zu Unglück!"

Eben das macht das grauenhafte Stück so aktuell.

 

"Absolut! Das ist der Grundkonflikt: Die Intoleranz, die Ausgrenzung, Hass, Rache. Und das Tolle an dem Stück ist, dass gar keine Schwarzweißmalerei per se da ist." (Gabriele Rech)

Die Inszenierungen, in Mannheim wie in Nürnberg, so unterschiedlich sie sich dem Stück nähern, so schmerzhaft die eine, so anrührend die andere, so verschieden sie auch musikalisch und sängerisch realisiert werden, sind beide unbedingt sehenswert.

 

 

Beiträge auch in SWR 2 Cluster und in MDR Figaro