Marek Janowskis Hänsel und Gretel in Berlin

Dieter David Scholz

 

 

Foto: Felix Broede

 

Denkwürdig: Marek Janowskis „Hänsel und Gretel“

 

Von 2002 bis 2015 war der 1939 geborene, vielfach geehrte und ausgezeichnete Dirigent Marek Janowski künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, das er zu einem der besten Klangkörper der Hauptstadt entwickelte. Mit seinen fulminanten, stets des größten Publikumszuspruchs sich erfreuenden Konzerten bot er oftmals den Berliner Philharmonikern und den drei Opernhäusern der Hauptstadt erfolgreich Paroli. In seinem letzten Konzert mit dem RSB vor der traditionellen Aufführung von Beethovens neunter Sinfonie am Jahresende hat sich Janowski punktgenau am Weihnachts-Vorabend in der Berliner Philharmonie Berlin einem Werk zugewandt, das Richard Strauss 1893 in Weimar uraufgeführt hat, und das seither alle Jahre wieder als populärste deutsche Märchenoper in der Vorweihnachtszeit auf die Theaterbesucher niederkommt: Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“. Die Aufführung kann man als das I-Tüpfelchen auf dem aufsehenerregenden, zehnteiligen Wagner-Zyklus verstehen, den er mit dem RSB zwischen 2010 und 2013 realisiert hatte.

 

„Hänsel und Gretel“ ist ein Werk, das man zurecht als eine der am meisten missver-standenen Weihnachts-und Kinderopern bezeichnen darf. Immerhin werden in dem Stück Kinder ermordet und zu Lebkuchen verarbeitet. Von den tiefenpsychologischen Grausam-keiten ganz zu schweigen. Siegmund Freud und Bruno Bettelheim lassen grüßen. Es geht aber auch in „Hänsel und Gretel“ um Armut, die Monster gebiert, Hexen nämlich, und wenn man so will, um frühkapitalistische Gesellschaftskritik. Man könnte das Stück durchaus als Sozialdrama inszenieren. Aber auch musikalisch hat es das romantisch delikate, ganz und gar nicht kindliche Werk in sich, für die meisten Kinder dürfte es zu anspruchsvoll sein.

 

Wie anspruchsvoll es ist, hat Marek Janowski in seiner konzertante Aufführung von bei gelegentlichen Lichtwechseln und -Stimmungen einmal mehr fulminant bestätigt. Humperdinck war kompositorisch mit allen Wassern gewaschen, die von Wagner zu Richard Strauss flossen. Die Aufführung hat die Szene nur angedeutet. Nach ihrem Duett „Abends will ich schlafen gehen“ am Ende des zweiten Aktes kehren die beiden jungen Sängerinnen des Geschwisterpaares (schlicht und rollendeckend Katrin Wundsam als Hänsel und Alexandra Steiner als Gretel) dem Publikum vor der Bühne den Rücken und wenden ihre Blicke dem Orchester zu. Alle Aufmerksamkeit wird auf die überwälti-gende, instrumentale Traumpantomime gelenkt. Wenn sich laut Regieanweisung der Vorhang langsam über dem ergreifenden Engelsbild schließen soll, wird es dunkel in der Philharmonie. Einige Sekunden wagt das Publikum nicht zu applaudieren. Ergriffenheit, wie bei Wagners "Parsifal".

 

Ein Journalist meinte neulich in einem Vergleich zahlloser CD-Einspielungen des Werks, dass es einer „Quadratur des Kreises" gleichkomme, wenn „gestandene Sängerinnen so tun, als seien sie unschuldige Kindlein.“ Ihm ist nicht zu widersprechen. Zumindest aber sollte man den naiv-poetischen Text von Adelheid Wette, der Schwester des Kompo-nisten, verstehen können, was in der großartigen Aufführung Janowskis trotz des handverlesenen Ensembles nicht durchweg gewährleistet war. Vor allem von Ricarda Merbeths höchstdramatisch angestrengt singende, zudem arg grimassierende Frau des Besenbinders war kaum zu verstehen. Ganz im Gegensatz zu Albert Dohmen als Besen-binder, der die dankbare Partie mit seinem immer noch beeindruckenden Wotan-Organ gab. Die zuckersüßen Soprane von Nora Lentner und Alexandra Hutton liehen Sand- und Taumännchen ihre Stimmen. Vortrefflich präsentierte sich der von Vinzenz Weissenburger einstudierte Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden. Den Vogel abgeschossen hat allerdings Christian Elsner als Knusperhexe. Der vortreffliche Charaktertenor, der mit schwarzem T-Shirt unterm schwarzen Anzug, auf dem das Wort „HEXE“ stand, auftrat, machte exemplarisch vor, wie man sängerisch akkurat und kultiviert karikieren kann, ohne in billige Travestie abzugleiten. Mime ließ grüßen! Mancher war nach diesem Abend der Ansicht, Elsner sei nicht nur die geborene, sondern auch die derzeit weltbeste Knusperhexe, die man sich nur denken könne. Eine grandiose Interpretation, die zurecht den meisten Beifall des enthusiasmierten Publikums nach sie zog.

Man darf sich darauf freuen, dass die von Deutschlandradio Kultur live übertragene Aufführung demnächst bei Pentatone auf CD erscheinen wird, denn diese letzte konzertante Opernaufführung Janoswkis mit „seinem“ ungemein klangprächtigen und präzisen Orchester war denkwürdig. Janowski machte in seiner den Spagat zwischen Volkliedton und großer Sinfonik meisternden, transparenten und doch rauschhaften, der Polyphonie der Musik Rechnung tragenden Interpretation des Werks wie kaum ein anderer gegenwärtiger Dirigent hörbar, dass diese Oper "eine kompositorisch höchst seriöse Fortführung der musikalischen Errungenschaften von Richard Wagner" ist. Auf diese Aufführung hat man gewartet! Sie trug einmal mehr dem Motto Janowskis Rechnung: „Das Wesentliche ist die Musik.“