Cileas Gina in Venedig

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Michele Crosera / Teatro La Fenice

 

Eine Lanze für einen jungen Komponisten

Die Ausgrabung von Francesco Cileas: „Gina“ am Teatro La Fenice in Venedig

 

 

Dem in der Provinz Reggio Calabria 1866 geborenen Francesco Cilea gelang mit seiner Oper „Adriana Lecouvreur“ im Jahre 1902 ein Welterfolg, der seine übrigen vier Bühnenwerke in den Schatten stellte. Fast völlig in Vergessenheit geriet seine erste Oper „Gina“. Am Teatro La Fenice in Venedig hat man sie am Freitag, 10. Februar 2017 wieder ausgegraben und in der zweiten Spielstätte des Hauses, dem Teatro Malibran herausgebracht.

 

 

 

Das Teatro Malibran geht zurück auf das ehemalige Teatro San Giovanni Grisostomo aus dem 17. Jahrhundert, damals die größte Bühne Venedigs und Schauplatz aufwändiger Opernspek-takel. Scarlatti und Händel komponierten für das Haus. Später wurde es zur Bühne des Komödiendichters Goldoni. Dann begann sein allmählicher Niedergang. Die berühmte spanische Mezzosopranistin Maria Malibran nahm sich des Theaters an. 1837 erhielt es ihren Namen zu Ehren seiner Mäzenin. Nach wechselhafter Geschichte und mehreren Umbauten wurde es zuletzt nach dem Brand des Teatro La Fenice 1996 restauriert und erweitert. Seither wird es vom Fenice vor allem für Alte und Neue Musik, sowie Experimentelles und Außer-gewöhnliches genutzt. Außergewöhnlich darf man Cileas Bühnenerstling, das dreiaktige „melodramma idillico „Gina“ wohl nennen. Der junge römische Dirigent Francesco Lanzillotta, der das Orchester des Teatro La Fenice engagiert dirigiert, über die Musik dieses Werks:

 

„Sie ist ganz anders als die Musik in Adriana Lecouvreur oder L´Arlesiana. Es handelt sich bei dem kurzen Stück um eine komi¬sche, eine ironische Oper voller erfrischender Musik. Ihr Stil ist leicht, nicht dramatisch. Das Stück hat etwas von einer Operette. Aber man hört noch Bellini durch. Es gibt herrliche Gesangsmelodien. Die Dramaturgie ist wie die musikalische Struktur sehr einfach, ganz klar.“

 

Auch die Handlung der Oper, frei nach einer französischen Komödie mit dem Titel „Cathé¬rine ou La Croix d´or“, die am Teatro Nuovo in Neapel Erfolge feierte, ist recht einfach. Ein Fünfpersonenstück, das zur Zeit Napoleons in einer kleinen französischen Stadt spielt. Im Zentrum der an allerhand Zufällen und Turbulenzen reichen Komischen Oper steht ein ver-lobtes Liebespaar, das getrennt wird, weil der junge Mann in den Krieg ziehen muss. Am En-de kehrt er unversehrt zurück. Einer glücklichen Heirat steht nichts mehr im Wege.

 

Die Oper „Gina“ ist zwar noch weit entfernt von den harmonischen und klanglichen Raffi-nessen der späteren Werke Cileas. Die an tänzerischen und militärischen Rhythmen, an gefühligen Arien, schmissigen Ensembles und effektvollen Chören reiche Musik des schwun-gvollen Stücks, in der der junge Cilea italienische Operntradition weiterführt, dabei eine enorme Repertoirekenntnis verrät, aber auch und unüberhörbar auf die französische Musik schielt, offenbaren einen erstaunlich souveränen jungen Komponisten. Fortunato Ortombina, der künstlerische Direktor des Teatro La Fenice:

 

“Man kennt Cilea natürlich wegen seiner Adriana Lecouvreur. Es ist ein musikalisch wie drama-turgisch großartiges Meisterwerk. Mit Gina hören wir das erste Stück, das Cilea im Alter von 22 Jahren komponiert hat. Es war die Abschlussarbeit seines Studiums am re-nommierten Conservatorio di San Pietro a Majella, der berühmtesten und wichtigsten Hochschule der Musik in Italien.“

Fortunato Ortombina ist ein erfreulich wagemutiger Impresario. Er setzt eben nicht nur auf Kassenknüller wie „Traviata”, “Tristan” oder “Lucia di Lammermoor”, sondern riskiert immer auch Neues und macht sich stark für Ausgrabungen, wie jetzt die Oper „Gina“:

 

„Man nennt so ein Stück im Italienischen “mezzo carattere”, das meint einen leichten, senti-mentalen Opernstil zwischen Oper und Operette. Anhand dieses Stücks bekommen wir eine Ahnung davon, was für Juwelen in der Bibliothek dieses Konservatoriums noch zu entdecken sind.“

 

Regisseur Bepi Morassi, erfahren in Sachen Opera Buffa, inszeniert „Gina“ mit leichter Hand und augenzwinkernd parodistischer Attitüde in schlichter, launiger Ausstattung, die Studenten entworfen haben. Behängte Wäscheleinen – man könnte auch sagen Brechtgardinen – geben Durchblicke frei oder verhindern Durchsicht. Das ermöglich gut getimte Auf- und Abtrit-te. Französische Flaggen werden beim Trommelwirbel gehisst. Marschierende Soldaten lassen an Offenbachiaden denken. Es darf gelacht werden

 

Fünf tadellose Gesangssolisten (Armanda Gabba, Arianna Venditelli, Valeria Girardello, Alessandro Scotto di Luzio, Claudio Levantino) und der zuverlässige Chor des Teatro La Fenice dürfen in napoleonisch-biedermeierlichen Kostümen ungeniert Komödie spielen und auch schon mal revuehaft das Tanzbein schwingen. Kein großes Werk, gewiss nicht, auch keine sensationelle Aufführung, aber sie hat ihre Berechtigung: Fortunato Ortombina:

 

„Wir haben dieses Stück ausgesucht, weil es in eine spezielle Projekt-Reihe im Teatro Mali-bran gut hinein passt, die wir vor drei Jahren mit einem Rossini-Jugendwerk begonnen haben. Wir wollen Stücke junger Komponisten gemeinsam mit Studenten der venezianischen Akademie der Schönen Künste aufführen: Junge Komponisten für junge, heutige Künstler.“

 

 

Beitrag auch im DLF Musikjournal