Eichhorn - Das Lohengrinhaus

Dieter David Scholz

 

 

DLR Kultur: Buchbesprechung 29.08.2011, 11.33 Uhr

Ein Gespräch

 

Das Lohengrinhaus in Graupa und das Richard-Wagner-Denkmal im Liebethaler Grund -

Sizzo Stief: Erforschtes und Erlebtes

Hrsg. von Ulrike Eichhorn.

Edition Eichhorn. 75 S.; 9,95 Euro

 

 

Moderatorin: Wie kommt ein Wagner-Denkmal, zudem das größte Wagner-Denkmal der Welt, an einen so verschwiegenen Ort wie den Liebethaler Grund?

 

Das ist einem Idealsten zu verdanken. Er heisst Sizzo Stief, ist Konditor-Sohn, der in dieser Gegend bei bzw. Pirna aufge­wachsen ist und in Dresden studierte, bei Richard Guhr nämlich, an der Akademie für Kunstgeerbe. Und dieser Richard Guhr, der hatte schon 1912 auf eigene Kosten eine fixe Idee verwirklicht, zum hundertsten Geburtstag des Bayreuther „Meisters“, also 1913, in Sachsen ein monumentales Wagnerdenkmal zu errichten. Er hat ein Modell gefertigt, hat es gießen lassen. Und dann hatte die Stadt Dresden, wo es ursprünglich aufgestellt werden sollte, kein Interesse gezeigt. Es gab zwar zeitweise Interesse an dem Denkmal im böhmischen Teplitz, ein Ort, an dem Richard Wagner seinen "Tannhäuser" entwarf. Aber daraus wurde auch nichts. Und dann trat dieser Sizzo Stief auf den Plan und suchte unermüdlich Sponsoren und Orte, um das Kunstwerk seines verehrten Professors aufzustellen. Schließlich fand er einen geeigneten, sehr romantischen Platz im Liebthaler Grund, das ist eine malerische Felsenschlucht unweit Graupa. Wohin sich Wagner 1846 für drei Monate mit Gattin Minna und Hund Peps nach zurückgezogen hatte, um dort seinen „Lohengrin“ musikalisch zu skizzieren. Der passionierte Wanderer Wagner war seinerzeit mehrfach in diesem Liebethaler Grund gewesen. Und es gelang Sizzo Stief tatsächlich, den örtlichen Amtshauptmann, den zuständigen Regierungsrat, den Pirnaer Stadtbaumeister und andere Lokalpolitiker, Beamte und prominente Fürsprecher von der Idee zu überzeugen. Er bekam das Grundstück umsonst und erhielt sogar vom Arbeitsamt Arbeiter zugewiesen, die den Baugrund herrichteten, das Fundament errichteten und das Denkmal aufstellten.

 

Moderatorin: Es wurde im Mai 1933 eingeweiht.

 

Ja, die Nazis haben sich sofort dieser günstigen Gelegenheit bemächtigt, auf sich aufmerksam zu machen. Sie haben 1933 die Einweihung des Denkmals, wie übrigens auch zwei Jahre später des Lohengrinhauses regelrecht an sich gerissen. Und sie haben im Sinne der NS-Kulturpolitik, in der der Name Wagner ja von Anfang an eine besonders bevorzugte Rolle spielte, als großen kultur-politischen Verdienst der Nationalsozialisten feiern lassen. Eine Propagandaveranstaltung, die alle medialen Register zog. Graupa, die Region Dresden wurde natürlich zu einer Art Wagnerheiligtum verklärt. Und Sizzo Stief, dem eigentlich der Dank für die Errichtung beider Denkmäler gebührt, er wurde nur noch als Randfigur behandelt. Und er ist dann auch nach dem Krieg, obwohl er als Lehrer in Graupa tätig wurde, quasi vergessen worden. Nun hat er sich in seiner Bescheidenheit nie in den Vordergrund gespielt. Andere haben sich dann mit seinen Federn geschmückt, bzw. in das von ihm gemachte Nest gesetzt. Auch zu DDR-Zeiten, als Wagner natürlich gründlich entnazifiziert worden ist, und als Edelsozialist und gesellschaftlicher Revolutionär in die sozialistische Ideologie einverleibt wurde.

 

Moderatorin: Eigentlich handelt es sich ja um ein Fundstück der Architekturhistorikerin Ulrike Eichhorn.

 

Ja, dieser Sizzo Stief, der übrigens aus politischen Gründen 1956 die DDR verließ, hat vier Jahre vor seinem Tod – das war 1971 - die Geschichte seiner Rettung des Lohengrinhauses und der Errichtung des Lohengrindenkmals aufgeschrieben. Das ist ein maschinen-schriftliches Manuskript mit dem Titel „Erforschtes und Erlebtes“. Das hat Ulrike Eichhorn bei Recherchen im Archiv der Stadt Pirna gefunden. Und sie hat es nun erstmals veröffentlicht. Mit zahlreichen historischen Abbildungen. Und mit biographischen und zeitge-schichtlichen Kommentaren. Leider haben sich da einige inhaltliche Fehler eingeschlichen. Um ein Beispiel zu nennen: Wieland Wagner war zur Einweihung des Denkmals angereist. Und über ihn schreibt sie, er hätte sich nach 1945 an den Bodensee abgesetzt und sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt. Das eben hat er leider nicht getan, im Gegenteil, er hat seine Vergangenheit gründlich verdrängt. Die Wahrheit über diesen "Obernazi von Bayreuth" hat ja erst Brigitte Hamann mit ihrem Buch „Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth“, 2002 zutage gefördert. Es gibt auch eine Reihe von Druckfehlern. Aber das Büchlein ist im Eigenverlag erschienen. Es ist offenbar nicht lektoriert worden und die Autorin ist nun wirklich keine Wagnerspezialistin. Aber sie hat immerhin diesen museumsgeschichtlich wichtigen Text ausgegraben und der Öffentlichkeit jetzt zur Verfügung gestellt. Das ist schon ein Verdienst.

 

Moderatorin: Ist das kleine Buch nur für Wagnerfans lohnend?

 

Also natürlich wird diese Publikation niemand lesen, der sich nicht irgendwie für Wagner interessiert. Oder für die Wagnerstadt Dresden und ihre Umgebung, die ja für Wagner biographisch so wichtig war. Aber ich finde den Text von Sizzo Stief auch darüber hinaus spannend zu lesen: Wie sich da Jemand engagiert, ohne Geld, ohne Beziehungen, ohne selbst glühender Wagnerianer zu sein. Die Schilderung seines Kampfes gegen amtspolitische Ignoranz und parteipolitische Arroganz – auch im Dritten Reich - ist wirklich beeindruckend. Wie er sich von niemandem abschütteln lässt. Und damit Erfolg hat. Besonders interessant finde ich, wie Stief die Verhaltensmuster von Nazi-Parteifunktionären schildert. Dass sie sich immer dann in Szene setzten, wenn es sich für sie lohnte, wie sie sich schamlos Verdienste anderer zu eigen machten, wie sie sich Wagner einverleibten. Eine Episode ist geradezu grotesk. Da schildert Stief die Reise mit einem ziemlich großmäuligen Nazifunktionär nach Nürnberg. Er will dort Hitler persönlich Photographien übergeben und um Unterstützung bitten. Und im letzten Augenblick bekommt sein Nazi-Begleiter schließlich kalte Füße und läßt Stief im Stich. Eine von vielen lesenswerten Episoden. Also dieser Sizzo Stief zeigt sich in seinen Erinnerungen als ein sehr sympathischer, unangepasster Mensch, der sich in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der DDR treu geblieben ist. Man kann dieses schmale Büchlein mit Gewinn auch als anrührende kleine Autobiographie eines durchsetzungsstarken, unängstlichen Menschen lesen, der um eine Idee kämpfte.