Zandonais Giulietta e Romeo in Erfurt

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Lutz Edelhoff

 

Rauschhaftes Liebestraumspiel mit dem Duce

Riccardo Zandonais: "Giulietta e Romeo" am Theater Erfurt

Premiere am 08.04.2017

 

Im ausgrabungsfreudigen Theater Erfurt hat man die Romeo-und-Julia-Oper des hierzulande selten gespielten, in Wagners Todesjahr geborenen Komponisten Riccardo Zandonai wieder ans Licht gezogen: "Giulietta e Romeo".

 

Es handelt sich um eine sehr freie Bearbeitung des alten tragischen Stoffes um Liebesleid und Liebesglück in Verona. Frei "nach Shakespeare" steht denn auch auf dem Titelblatt der Partitur. Der Librettist Arturo Rossato hat in drei Akten Figuren und Szenen Shakespeares grosszügig weggelassen und hinzuerfunden. Gleich geblieben ist der Plot, wie auch in den Bearbeitungen von Benda über Bellini bis zu Leonard Bernstein: Boy meets Girl, die Familien sind verfeindet, die Beziehung ist unmöglich, man liebt sich trotzdem heimlich, wird entdeckt und dann nimmt die Tragödie ihren Lauf bis hin zum Scheintod Julias und dem Selbstmord Romeos... Die Oper Zandonais wurde 1922 in Rom uraufgeführt, mit grossem Erfolg, wenn auch nicht ganz so grossem wie bei seiner "Francesca da Rimini" nach d'Annunzio. Sein Romeo-und-Julia-Stück wurde überall nachgespielt, es galt als Repräsenrationsstück der italienischen Opernkunst jener Generation von Komponisten, die um 1880 geboren wurden, und die sich von Verdi und Puccini, aber von Wagners übergrossem Einfluss absetzen wollten. Dazu zählten auch Komponisten wie Casella, Alfano, Pizzetti und Respighi. Ähnlich wie letzterer klingt auch Zandonai, es ist eine eklektizistische (warum nicht!) mit allen Wassern jener Zeit gewaschene, klangsinnlich rauschhafte Musik, die zwischen Wagner, Richard Strauss und Claude Debussy angesiedelt, spätromantisch, archaisierend, gewaltig um nicht zu sagen überrumpelnd. In Deutschland ist das Stück nur selten inszeniert worden, 1927 in Mainz und Anfang der Vierzigerjahre in Nürnberg und Hannover, dann gab es zwei Gastspiele aus Rom 1941 (in Berlin) und von der Arena di Verona 1986 bei den Wiesbadener Maifestspielen. Die Erfurter Neuinszenierung ist seit 1942 die erste szenische Wiederbelebung des Stücks hierzulande, worauf man natürlich sehr gespannt war.

 

Der Erfurter Hausherr Guy Montavon hat das Stück inszeniert. Er zeigt es weder topogra-phisch, noch zeitlich korrekt nach Angaben des Librettos. Man sieht kein mittelalterliches Verona und Mantua auf der Bühne, sondern eine prachtvoll gebaute, symbolschwangere Traumlandschaft, die Francesco Calcagnini entworfen hat. Eine grosse Uhr ohne Zeiger deutet an: Es geht hier nicht um historische, reale Zeit. Guy Montavon zeigt stattdessen Szenen und wirft Schlaglichter auf Stationen und Momente aus dem Leben des Kompo-nisten Zandonai. In den ersten beiden Akten werden Romeo und Julia als Schüler eines Internats um 1900 gezeigt. Es geht recht heftig und deftig zu in Bibliothek und Schafsal dieses Internats. Der letzte Akt des zweieinhalbstündigen Stücks spielt um 1940. Frauke Lange hat das grosse Ensemble und den Chor in zeittypische, zauberhafte Kostüme gesteckt. Es ist ziemlich was los auf der Erfurter Bühne, es geht turbulent zu, keine Minute Leerlauf. Montavon nutzt die enorme Energie der Musik zu prallsinnlichem Theater. Seine biografische Traumspielregie ist handwerklich virtuos. Im gewaltigen Orchesterzwi-schenspiel des letzten Aktes, das den inneren Sturm Romeos auf dem Weg zu seiner vermeintlich verstorbenen Julia ausmalt, ein Intermezzo, das von einigen Musikologen als Musterbeispiel faschistischer Musik bezeichnet wird, zeigt Montavon auf dem Zwischen-vorhang Kriegsfilme mit Flugzeugangriffen, Bombenabwürfen, zerstörten Städten und Aufnahmen des Duce, also Mussolinis, womit er nicht ohne Grund die enge Verflechtung des Komponisten mit dem italienischen Faschismus andeutet. Eine martialische Szene, die dann in eine geradezu halluzinierende Schlussvision mündet, in der Romeo sich die Pulsadern öffnet und Julia auf symbolischer Liebestreppe, es muss ja nicht immer der klassische Balkon sein, in einer Blumenvision dem Liebestod entgegengeht. Eine starke, bildkräftige, surreale Inszenierung.

 

Im Erfurter Graben steht Myrion Michailidis, der Operndirektor der Staatsoper in Athen, am Pult. Seine dirigentische Opernausgrabung überzeugt nicht nur, sie überwältigt, denn die raffiniert instrumentierte, stark parfümierte, klangsinnliche Musik Zandonais, die voller pseudomittelalterlicher, aber eben auch impressionistischer Klänge ist, kann nicht anders als ein Klangrausch genannt werden, dessen Sog man sich kaum entziehen kann. Myrion Michailidis kostet ihn voll aus, er entfaltet aufs Süffigste die Reize und Sensationen dieser Musik, er hat den Laden über und unter der Bühne bestens im Griff, das Orchester spielt tadellos und geht geradezu über sich hinaus in seiner Spielleidenschaft. Ein grosser Abend musikalisch! Auch sängerisch darf man von einem Fest sprechen, denn das aufgebotene Ensemble lässt kaum einen Wunsch offen. Lauter erstklassige Sänger, die sich auf der Erfurter Bühne einfinden, sie müssten sich auch auf Metropolenbühnen nicht verstecken. Allen voran die litauische Sopranistin Jomante Šlezaite als Julia und der ukrainische Tenor Eduard Martynyuk als Romeo. Ein Traumpaar, sängerisch wie optisch, aber auch so kleine Partien wie der "Sänger", den der koreanische Tenor Won Whi Choi zum Besten gibt, sind fabelhaft besetzt. Er möge für die vielen stehen, die man erwähnen könnte und müsste. Eine exzellente Aufführung, die man gesehen und gehört haben muss!

 

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