Martin Geck - Richard Wagner

Dieter David Scholz

 

 

 

Das ultimative Wagnerbuch zu Wagners 200. Geburstag

Martin Geck: Wagner. Siedler Verlag, 416 S. , 24,99 Euro

"Kein Musiker ist uns noch begegnet, so unfähig oder leidenschaftlich, die glänzende Begabung und erstaunliche Kunst Wagners zu verkennen, seinen enormen Einfluss zu unterschlagen, sich dem Großen und Genialen seiner Werke selbst bei eingestandener Antipathie zu verschließen." Der große Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick hat es auf den Punkt gebracht, was auch Martin Geck, einer der profundesten Wagnerkenner, er war Gründungsredakteur der Richard-Wagner-Gesamtausgabe, zu bedenken gibt: Wagner ist ein singuläres Phänomen, ob man ihn mag oder nicht. Aber man sollte sich davor hüten, ihm auf den Leim zu gehen. Zumal er selbst in seinen offiziellen wie privaten, den briefliche wie essayistischen Äußerungen nie zwischen Leben und Werk, Wirklichkeit und Phantasie getrennt und allerhand Selbstmystifikationen inszeniert habe. Zu schweigen von Cosimas 2000 Seiten umfassenden Tagebuchaufzeichnungen mit ihren Gedächtnislücken und Stilisierungen Wagners.

Martin Geck selbst hat sein Leben lang Wagnerphilologie betrieben. In seinem neusten Buch zieht er ernüchternd Bilanz: Die Wagnerforschung - und er weiß, wovon er redet - sei immer wieder in die Fallen Wagners getappt. Und viele Wagnerbiographen seien "wie die Fliege in den Mus-Topf gestürzt". Selbst Martin Gregor-Dellin, der prominenteste Wagnerbiograph. Es sei unmöglich, so das Fazit seiner lebenslangen Beschäftigung mit Wagner, auf der Basis der vorhandenen Quellen ein "objektives und zugleich aussage-kräftiges" Wagner-Bild zu erstellen. Daher hat Martin Geck beschlossen, Wagner nicht mehr "auf die Schliche kommen" zu wollen, sondern uns und unserem heutigen Umgang mit Wagner. Es geht ihm also um den Brückenschlag zwischen einstigen und heutigen Wagnerdiskursen, wobei er in seinem Skeptizismus Diskurse grundsätzlich nurmehr als "Sprachspiele" betrachtet. Und bei Spielen geht es nicht um die Wahrheit...

Was uns heute an Wagner angeht, was er uns noch zu sagen hat, das ist es, was Martin Geck interessiert. Eine Mischung aus Faszination und Grauen. Wobei der Autor gesteht, dass seine Wagnersicht "eher von Teilnahme à la Thomas Mann als von Zorn im Sinne der enttäuschten Liebhaber Nietzsche und Adorno geleitet" sei. Nur darüber, was bei aller Widersprüchlichkeit fasziniere, könne man schreiben. Diese Widersprüchlichkeit Wagners - die seine ungebrochene Aktualität ausmachen, stellt Martin Geck in 14 Kapiteln dar: die Widersprüche zwischen Kunst und Leben, Politik und Poesie, Mythos und Drama, Revolutionärem und Chauvinistischem. Geck verdeutlicht Wagners originelle Vermischung von literarischen Stoffen, Gesellschaftskritik, Psychologie und Politik. Und er spannt einen Bogen von Wagners erstem Opernentwurf "Leubald" bis zu Wagners "Parsifal". Wagner habe mit seinen Bühnenwerken Rituale gegen die Angst geschrieben. Kunst sei für ihn "Rettung vor der Wahrheit". Wagner sei am Ende der Romantik ein "Spürhund der Moderne" gewesen. Geck hat eine Summe gezogen. Und er hat sein Buch - das sich gegen alle medientheoretische, eventsüchtige, zeitgeistige Vereinnahmung und Banalisierung Wagners wendet, mit klug kommentiertem, außergewöhnlichem Bildmaterial ausgestattet. Ein imposantes "Weltabschiedswerk" eines unbestechlich klugen und gegen alle Fallstricke Wagners gefeiten Wagnerexperten.

Das Buch setzt beim Leser allerdings Wagnerkenntnis voraus. Doch für alle Fortgeschrittenen unter den Wagnerianern wie Antiwagnerianern ist es das ultimative Buch zum Wagnerjubiläum.

 

Rezension u.a. auch im MDR