Zum 200sten Geburtstag von Franz von Suppé

Dieter David Scholz



Andreas Weigel: Franz von Suppè (1819-1895). Musiker, Menschenfreund. Ehrenbürger von Gars. Begleitpublikation zur gleichnamigen Jubiläumsausstellung des Zeitbrücke-Museums Gars. Mit Beiträgen von Andreas Weigel, Anton Ehrenberger, Ingrid Scherney und Christine Steininger. (Sommer 2019). Layout: Nicole Sauerzapf (geni : design). ISBN 978-3-9504427-4-8. Preis: 29.- Euro.

Er  gilt als Schlüsselfigur bei der Entstehung der Wiener Operette und wurde vor 200 Jahren in Dalmatien geboren. Er nannte sich Francesco Ezechiele Ermengildo de Suppé, nach eige-ner Schreibweise Suppè, wie sein letzter Wiener Meldezettel belegt, der im Wiener Stadt- und Landesarchiv erhalten ist. Eigentlich hieß er schlicht Suppe. Sein Name ist so schillernd wie seine Vita. Seine  überlieferte Biographie ist voller Kolportagen, Legenden  und Erfindungen.

 

Franz von Suppe, Suppè oder Suppé ?

 

Am 24. November 1860 hatte seine erste Operette „Das Pensionat“ am Theater an der Wien Premiere, fünf Wochen, nachdem am Carl-Theater der Offenbach-Hit „Ba-ta-clan“, von Karl Treumann bearbeitet unter dem Titel „Tschin-Tschin“ herausge-kommen war. Das „Gift aus Frankreich“ hatte Wien infiziert. Auch Suppé war gegen die nach Wien herüberschwappende Kunstform heiter-satirischen Musiktheaters nicht resistent. Der Erfolg der frivolen Werke des Kölner Parisers in Wien war sensationell und ließen zumal bei der  Direktion des Carl-Thea-ters den Wunsch aufkommen, solche „Operetten“ selbst zu produzieren. Wobei das Wort „Ope-rette“  das Wesentliche der Offenbachschen Werke, den Geist der gesellschafts- und auto-ritätskritischen, rebellischen  Parodien  und Satiren mit der, „Vermenschlichung des Mythos, der Entkleidung des Auto-ritären, dem Durchbrechen von Denkverboten und der Infragestellung des Gegebenen“ (Peter Hawig)  nicht trifft. Die Wiener Operette ist nach Meinung Franz Hadamowskys und Heinz Ottes (sie schrieben das Standardwerk „Die Wiener Operette“) im Gegensatz zu Offen-bach, "ein unfassbares Etwas aus Musik und Tanz, aus Heiterkeit und Schönheit, ein Wiegen und Schweben, ein Locken und Halten, ein Wünschen und Träumen, eine selige Beschwingtheit und eine überirdische Stimmung“. Offenbach war der „Rückzug ins Kleinkarierte und ‚Lebkuchenherzhafte“ (Peter Hawig), das Affirmative und Verklä-rende, die Süßigkeit, Melancholie  und Gefühligkeit der Wiener Operette  fremd. Aber auch musikalisch war die Offenbachiade anders gestrickt,  weil sie „Muster und Bau-steine, Klischees, Stereotypen und Vorprägungen anderer Komponisten und Stile“ parodierte, spiegelte und karikierte.


Das war weder die Sache des dämonisch-genialen Johann Strauß Sohn, der wie sein Vater aus den Tanzsälen zur Operette kam, noch die Sache Suppés. Und doch ist bei ihm „bis in die letzten Werke hinein der Atem Offenbachs zu spüren, wenn er nicht gerade vom Herzschlag Donizettis übertönt wird“, wie Hans  Dieter Roser in seiner Suppé-Monographie  betont.  Suppés Herz „schlug eindeutig für die Belcantoopern Bellinis und Donizettis“,  auch Rossi-nis, daher verband er in seine Werken Altwie-nerisches mit Italienischem. Und sein Œuvre, dessen Musik sich durch außergewöhnliche musika-lische Qualität auszeichnet,  ist äußerst umfangreich: Mehr als 30 Opern und Operetten hat Suppé komponiert, 2 große Ballette und nahezu 200 Bühnenmu-siken. Er war Ka-pellmeister, in Baden, Preßburg, am Theater an der Josefstadt  und am Theater an der Wien, wo er auch Schau-spielmusiken, Ouvertüren und Couplets schrieb. Sein Leben war stationenreich, seien Herkunft exotisch, so will es jeden-falls die offizielle Überlieferung: Franz von Suppé wurde am 18. April 1819 im heutigen Split als Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppé-Demelli geboren. Suppés Vater entstammte einer belgischen, später in Dalmatien lebenden Familie. Seine Mutter war Wie-nerin. Bereits mit 8 Jahren sang Francesco im Kirchenchor der Kathedrale von Split, dessen Chorleiter Giovanni Cigalla ihm erste musikalische Kenntnisse vermittelte. Flöten-unterricht erhielt er vom Kapellmeister Giuseppe Ferrari. Mit fünf-zehn Jahren begann  er eine Ausbil-dung zum Juristen an der Universität von Padua. In dieser Zeit besuchte er häufig Mailand und sah nicht nur die damaligen Opernaufführungen in der Scala, sondern trat auch in persön-lichen Kontakt mit Gioacchino Rossini, Gaetano Donizetti und dem jungen Giuseppe Verdi. Nach dem Tod seines Vaters zog er im September 1835 nach Wien und begann dort mit dem Medizinstudium, beendete dieses aber rasch wieder, um seine musikalische Karriere in An-griff zu nehmen. Er studierte am dortigen Kon-servatorium bei Simon Sechter und  Ignaz Xaver von Seyfried. Nachdem er seine Studien am Konservatorium 1840 beendet hatte, fand der 21-jährige Suppé seine erste Stelle als Kapellmeister am Theater in der Josefstadt. Soweit die Legende. Heute weiß man dank der Nachforschungen von Andreas Weigel und Hans Die-ter Roser, dass ein Großteil davon reine Erfindung ist. Es ist inzwischen nachgewiesen, dass Suppés väterliche Vorfahren weder aus Belgien noch Cremona kamen: vielmehr stammen sein Vater Peter, Großvater Franz und Ur-Großvater Peter allesamt aus dem Raum des heute kroatischen Rijeka. Darüber hinaus lautete der Mädchenname von Suppès Mutter nicht „Lan-dovsky“, wie oft zu lesen ist, sondern „Jandowsky“. Die Lebensläufe von Suppès Ehefrauen, Therese und Sofie, sowie seiner Nachkommen blieben größtenteils im Dunkeln. Und doch werden bis heute die auf  Otto Kellers 1905 veröffentlichter Mono-grafie „Franz von Suppé. Der Schöpfer der Deutschen Operette“  zurückgehenden Behauptungen, Anekdoten und Legenden  gutgläubig nachgebetet.


"Der Theaterwissenschaftler Andreas Weigel "hat einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1926 gefunden, der die ganze Abstammung Suppés penibel auflistet...Suppé wollte sich schon in frühestem Ausbildungsalter wichtig machen,  wie auch später noch öfters mit puren Erfin-dungen oder Auffälligkeiten (Schlafzimmer in der Wohnung im Theater an der Wien mit Totenkopftape-ten). Italien war eben das Land der Musik, das ihm Geltung bringen konnte. Im Geburtsregister ist auch der Name Suppé ohne Akzent eingetragen - also Suppe -, was in Dalmatien nicht so banal klang wie später in Wien. Er hat sich auch den italienischen Akzent selbst verpasst, wodurch er dann auch nachher aufgegeben hat, ihn im öffentlichen Leben bei Suppé zu korrigieren. Ebenso hat er sich den Cavaliere selbst verpasst und die italienische Großmutter an den italienischen Suppè drangehängt. ...Alle diese biographischen Erfindungen und Legenden wurden im Hause Suppé wissentlich oder unwissentlich gepflegt. Das Studium in Padua ist Legende, Suppé war erst 1848 zum ersten Mal in Italien. Suppé hat  auch in Wien nie an einem offiziellen Konservatorium studiert, denn es gab nur das der Musikfreunde auf der Tuchlauben, wo aus den Büchern eindeutig hervorgeht, dass er dort nicht war.“ (Hans-Dieter Roser). Von anderen Suppé-Legenden zu schweigen. Vieles sei rein „erstunken und erlogen“, so Andreas Weigel.


Das „Zeitbrücke-Museum“ der (einstigen) Kamptal-Sommerfrische Gars, wo Suppè zwischen 1876 und 1895 seine Sommer verbracht hat, feiert den 200. Geburtstag des weltberühmten Operetten-Komponisten mit einer Jubiläumsausstellung und einer reich bebilderten Begleit-Publikation (7. Juni bis 6. Oktober). Gezeigt werden ausgewählte Archiv- und Depot-Stücke aus Suppés Privatbesitz, die erstmals seit 1932 wieder der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zudem werden erstmals anhand amtlicher Akten und privater Dokumente verbriefte biografische Fakten vorgelegt, die Ergebnis intensiver Recherchen Andreas Wei-gels  sind und vieles, was bislang über Suppès Leben und Werk veröffentlicht wurde, grundlegend korrigieren.

 

So zweifelhaft Suppés überlieferte Vita auch ist, unzweifelhaft bleibt seine Leistung als enorm fleissiger Komponist und der  musikalische  Ausnahmerang seiner Werke. Er starb am 21. Mai 1895 in Wien. Nur wenige seiner zum Teil aberwitzigen, gewagten und höchst ori-ginellen Operetten werden heute noch gespielt, immerhin gräbt das Theater Chemnitz anläß-lich des 200. Geburtstags die Operette „Der Teufel auf Erden“ aus. Seine mitreißenden Ou-vertüren gehören nach wie vor zum Standardrepertoire des Konzert-lebens der „leichten“ Muse, ob „Die Schöne Galathée“, „Leichte Kavallerie“, „Dichter und Bauer“ oder „Boc-caccio“.



Photos: Bazzechi, Firenze