Richard Wagner. Kgl. Kapellmeister in Dresden. Olms Verlag

Dieter David Scholz

 

 

Anlässlich der weltweiten Ehrungen und Veranstaltungen mit der die Musikwelt Wagners 200sten Geburtstag feierte, hat die Technische Universität Dresden 2013 gemeinsam mit der Sächsischen Staatskapelle und der Musikhochschule Carl Maria von Weber ein weithin beachtetes Symposion veranstaltet, das erstmals Wagners Wirken in Dresden, seine dortigen Erfahrungen und die Wirkung seiner Dresdner Tätigkeiten unter die Lupe nahm. Jetzt ist der Tagungsband dieses Symposiums erschienen, der eine Menge neuer, interessanter Einsichten und Erkenntnisse bereithält.

 

Der durchschlagende Erfolg des "Rienzi" (Wagners erfolgreichstes Werk zu Lebzeiten, vor den "Meistersingern") war der Anlass, dass man ihm die Stelle des königlich sächsischen Hofkapellmeisters anbot, die er mit Freuden annahm, schon um sein permanentes Hungerleiderdasein beendet zu sehen. Natürlich war es für ihn eine große Ehre, diesem berühmten Orchester vorstehen zu dürfen, das er einmal die "sächsische Wunderharfe" nannte. Was es mit dem wunderbaren Dresdner Orchesterklang auf sich gehabt habe zu Wagners Zeiten, erklärt Eckart Haupt in seinem Beitrag am Beispiel der wertkonservativen Flötisten dieses Orchesters, die sich der einfacher zu spielenden modernen Ringklappenflöte verweigerten hätten zugunsten der traditionellen Flöten Anton Bernhard Fürstenaus, deren Kolorit-Eigenschaften in idealer Weise den Klangvorstellungen Wagners entsprochen hätten. Wie wichtig die Erfahrungen des jungen Kapellmeisters mit diesem Orchester in Hinblick auf seine Verwendung des chromatischen Hornes waren, das er zum ersten Mal im Rienzi verwendete, um im Lohengrin und allen darauf folgenden Werken immer höhere Anforderungen an die Ventilhornisten zu stellen und bisher unbekannte technische Schwierigkeiten zu fordern, veranschaulicht Peter Damm in seinem Vortrag.

 

Einen Blick über den Dresdner Tellerrand wagt Helmut Loos. Sein Vergleich der beiden grundverschiedenen sächsischen Hofkapellmeister Richard Wagner und Felix Mendelssohn Bartholdy, die "paradoxerweise ... im gewissermaßen falschen städtischen Umfeld" wirkten, "der fortschrittliche, revolutionäre Wagner im höfischen Dresden, der konservative Mendelssohn im bürgerlichen Leipzig" ist aufschlussreich. Er wirft ein bezeichnendes Licht auf den unbescheidenen, ja anmaßenden Wagner, der mit seinem Entwurf der Reform der Königlichen Kapelle scheiterte, wohingegen der finanziell unabhängige, noble Mendelssohn für das Gewandhausorchester bedeutende Etatauf-stockungen erreichen konnte. Dass die Presse dem Königlichen Kapellmeister Wagner nicht nur Rosen streute, verwundert nicht. Doch dass die Dresdner "Localkritik" laut Wagner keines "Heller´s Werth" sei, widerlegt eindrucksvoll Hans-Günter Ottenberg durch die Aufdeckung und Dokumentation einer bisher unbeachteten Beziehung zwischen Richard Wagner und dem Dresdner Journalisten Christian Albert Schiffner.

 

Wagners Erfahrungen als Kapellmeister in Dresden bilden einen Schwerpunkt des äußerst lesenswerten Tagungsbandes des Dresdner Wagnersymposiums, ein anderer widmet sich dem Dresdner Komponisten Wagner. Er nimmt gut die Hälfte des 500seitigen Buches ein. Von Wolfgang Fuhrmann erfährt man sehr Erhellendes über die Entwicklung von Wagners Erinnerungs- und Leitmotivtechnik in Dresden. Wagner als Dresdner Revolu-tionär, also der politische Wagner kommt erstaunlicherweise zu kurz, obwohl Wagner doch maßgeblich an der Dresdner Revolution mitwirkte, woraufhin er schließlich sein Kapellmeisteramt verlor und steckbrieflich verfolgt ins Schweizer Exil floh und seine kunst-sozialistischen Essays schrieb.

 

Was den Dresdner Kunstreformer Wagner angeht, gibt es immerhin einen sehr erhellenden Beitrag von der Dresdner Architekturhistorikerin Heidrun Laudel, die die bisher viel zu wenig beachteten Gemeinsamkeiten des Strebens nach dem Gesamt-kunstwerk zwischen Richard Wagner und dem Architekten Gottfried Semper herausgearbeitet hat. Ihr Zitat "Der Karnevalskerzendunst ist die wahre Atmosphäre der Kunst" aus Sempers Hauptwerk "Über Baustile" hat nicht nur Friedrich Nietzsche erheitert.

 

Ob in Dresden oder Leipzig, Berlin oder Bayreuth: Der "Ring" als kapitalismuskritisches Musiktheater verstanden, Siegfried als tragischer Sozialrevolutionär, der gegen die bestehende Ordnung und überkommene Machtverhältnisse rebelliert, das entsprach ganz dem von oben verordneten Wagnerbild der DDR. „Um einen marxistischen Wagner von innen bittend“ ist denn auch der Schlussbeitrag von Boris Kehrmann überschrieben. Kehrmann hat mit dem ihm eigenen Bienenfleiß Archive und Bibliotheken durchforstet, um die intellektuellen wie theaterpraktischen Anstrengungen aufzuspüren und darzustellen, die die Kulturfunktionäre und Wagnerautoren der SBZ und der späteren DDR unternahmen, um den durch den Hitler-Faschismus, aber auch durch ideologische Vorbehalte verdächtigen Wagner ihrer Ideologie und ihrem "sozialistischen Erbe" guten Gewissens einverleiben zu können. Doch Kehrmann geht zu weit, wenn er behauptet, dass das heute vorherrschende Wagnerbild maßgeblich von den Wagnerautoren der DDR geprägt worden sei, allen voran Hans Mayer, aber auch Eckhart Kröplin, Werner Wolf, Gerd Rienäcker oder Friedrich Dieckmann, um nur einige zu nennen. Recht hat er, auf die (für den Wagnerinszenierungsstil folgenreichen) "propagandistischen Entsendungen" von DDR-Regisseuren wie Harry Kupfer, Christine Mielitz oder Ruth Berghaus in den imperialistischen Westen durch das ZK der SED hinzuweisen. Man sollte aber nicht übersehen, dass auch im Rest der Welt, also außerhalb der DDR Wagnerforscher und -Kenner einen "marxistischen Wagner" entdeckt hatten, ohne angestrengt "von innen bitten" zu müssen. Wer die Publikationen der Wagnerforschung der letzten 100 Jahre kennt, weiß das. Im übrigen lässt die genaue Kenntnis der Wagnerschen Biografie, der Schriften Wagners, seiner Briefe vor allem und der Cosima -Tagebücher gar keine andere Deutung Wagners zu als die eines sozialistisch mehr als nur angehauchten Revolutionärs. Was im Übrigen schon George Bernhard Shaw und Thomas Mann wussten. So lesenswert und präzise Kehrmanns Abriss der Wagnerrezeption in der SBZ bzw. DDR, ist, so fragwürdig ist allerdings seine Schlussbemerkung, dass heute ein anderes Wagnerbild als das des jungen revolutionären Wagner unerwünscht sei. Man kann diese Behauptung nur als provokative Polemik verstehen, denn selbst der renommierteste DDR-Wagnerautor Hans Mayer, aber auch Theodor W. Adorno und viele Andere wiesen entschieden darauf hin, dass Wagner voller Widersprüche sei, die es zu benennen gelte und dass man nur den ganzen Wagner, also den jungen Dresdner wie den alten Bayreuther als den "wahren Wagner" betrachten dürfe.

 

 

Rezension in: MDR Figaro, "Das Orchester" u.a.